Editorial

Françoise Knopper, Dorothee Röseberg, Marie-Therese Mäder, and Caroline Moine
Françoise Knopper, Dorothee Röseberg, Marie-Therese Mäder and Caroline Moine
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Der erweiterte Mauerpark nach der Eröffnung am 26. Juni 2020. Er verbindet den Bezirk Wedding (ehemals Berlin-West) mit dem Bezirk Prenzlauer Berg (ehemals Berlin-Ost). Foto vom 27. Juni 2020 / Le Mauerpark après sa réouverture le 26 juin 2020. Agrandi, il relie dorénavant les arrondissements de Wedding (anciennement Berlin-Ouest) et Prenzlauer Berg (anciennement Berlin-Est). Photo prise le 27 juin 2020. © JoDD von Schaffstein

Citation: SYMPOSIUM CULTURE@KULTUR 2, 1; 10.2478/sck-2020-0008

1989/1990

30 Jahre danach: Welche Erinnerungen?

Diese zweite Nummer von Symposium culture@kultur ist den Erinnerungen an jene Ereignisse gewidmet, mit denen das Ende eines Jahrhunderts verbunden ist, das durch globale Kriege gekennzeichnet war. Es ist unumgänglich, dass der Mauerfall Teil der Erinnerungen zukünftiger Generationen wird. Denn dieses Ereignis hatte nicht nur eine immense Bedeutung für die deutsche, europäische und weltweite Geschichte, sondern trug eine symbolische Kraft in sich, die nicht zuletzt durch reiche kulturelle Ausdrucksformen zur Sprache kam und dazu beitrug, dass die Demokratie – an vielen Orten – einen Sieg feiern konnte. In Deutschland folgte auf den Mauerfall die deutsche Einigung, die in diesem Heft weniger in ihren politischen und ökonomischen Formen betrachtet wird, sondern vielmehr in ihren Ausprägungen und Folgen für den Einigungsprozess, die sich in der „Erinnerungsarbeit“ offenbaren. Wir verwenden mit Bedacht die Pluralformen von „Erinnerungen“, um differenzierende und z. T. konträre Erinnerungen zu thematisieren.

Im Fokus dieses Heftes stehen also Fragen zur gegenwärtigen Erinnerungskultur: Wer entscheidet, was medial über die Vergangenheit und deren Deutung gespeichert wird und in den Strom der Wissensverbreitung einer oder mehrerer Generationen eingeht? Diese und weitere Fragen bilden den Hintergrund der einzelnen Beiträge, die sich aus verschiedenen Blickwinkeln heraus, den Erinnerungsprozessen rund um den Mauerfall und die deutsche Einigung widmen. Der in der deutschsprachigen Kulturwissenschaft etablierte Terminus „Blicke“ akzentuiert mithin auf eine andere Art und Weise die Pluralität von Erinnerungen, die mit der oben erwähnten in Zusammenhang steht. Zugleich deutet er an, dass mit dem Blick die „Gerichtetheit“ des jeweiligen Plädoyers für die eine oder andere Form der Erinnerung ins Spiel kommt.

Pluralität, auch in Fragen der Erinnerungen und des kulturellen Gedächtnisses, gehört zur Demokratie. Dennoch mag eine solche Pluralität dem einen als Vorzug erscheinen, dem anderen als „Abweichen“ von einem vorgegebenen Maßstab. Insofern stellt sich auch die Frage, wer oder was 30 Jahre nach dem Mauerfall und der deutschen Einigung den Maßstab bestimmt. Mitunter wird der kulturwissenschaftlichen Analyse mit der Betonung des „Blickes“ ein Subjektivismus angelastet, der den Erkenntnisgewinn schmälern bzw. diesen wissenschaftlich sogar in Frage stellen würde. Das vorliegende Heft soll dazu beitragen, dieses Argument zu entkräften, indem auf die heuristische Funktion des Blickes aufmerksam gemacht wird: Für die Kulturwissenschaften ist die Multiperspektivierung ein Erkenntnisgewinn; für die Erinnerungspolitik sollte sie ein Gebot sein. Die Leserschaft dieses Heftes ist folglich eingeladen, Zeuge streitbarer Erinnerungen zu werden und sie gleichsam mit eigenen Erinnerungen zu konfrontieren.

Das Dossier lässt die 30 Jahre, die uns vom Fall der Berliner Mauer und der deutschen Einheit trennen, am Beispiel von Erfahrungsberichten, Erzählungen, Essays, Analysen und Besprechungen Revue passieren. In den Beiträgen wird nicht nur kritisch hinterfragt, wie 1989/1990 erinnert und gedacht wird, sondern auch wie die Geschichte der letzten drei Jahrzehnte erzählt wird. Die ersten beiden Beiträge reflektieren Ereignisse, die sich im November 1989 vollzogen. Der erste Beitrag erlaubt die vielfachen Dynamiken und unterschiedlichsten Akteure zur Kenntnis zu nehmen, die auf sehr verschiedenartige Weise und mit unterschiedlichen Motivationen, die Veränderungen in der damaligen ostdeutschen Gesellschaft herbeigeführt und mitgestaltet haben. Das Projekt Utopia 89, das sowohl eine künstlerische als auch eine wissenschaftliche Absicht verfolgte, interessiert sich für die große Demonstration am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz. Dort wurden politische Reformen für das DDR-System eingefordert. Das Theaterprojekt wie auch das damit verbundene wissenschaftliche Anliegen der französischen Initiatoren verfolgte als Ziel, in Form einer Ausstellung und eines Kolloquiums, so nahe wie möglich, den Prozess zu verfolgen, der zur Redefreiheit jener führte, die sich an diesem historischen Tag auf dem Alexanderplatz versammelt hatten. 30 Jahre danach ist die Deutung dieses Ereignisses, vor dem Hintergrund aktueller Debatten um das Jahr 1989, noch immer Gegenstand lebhafter Diskussionen. Dabei spielt eine besondere Rolle, welche Bedeutung dieser Veranstaltung im Herzen Ost-Berlins im Kontext anderer Demonstrationen, vor allem der Montagsdemonstrationen in Leipzig oder derjenigen in Dresden (und in anderen Städten), zuzuschreiben ist.

Das Interview mit Dietrich Mühlberg führt in die gleiche Zeit des November 1989 zurück und schildert die Entstehung der „Kulturinitiative 89“, deren Konzept in Ost-Berlin zwischen dem 6. und 11. November entstanden war. Dieser Bericht eines Zeitzeugen lässt die politischen, ökonomischen und kulturellen Dimensionen der DDR-Gesellschaft Ende der 1980er Jahre wiederentdecken, in denen Universitätsangehörige aus Ost und West – in regelmäßigem Austausch – ihr Forschungsfeld gemeinsam strukturierten und, im Einklang mit den politischen Entwicklungen im internationalen Maßstab, auf gemeinsame Aktivitäten hin koordinierten. Wenn auch die Ursprünge des Instituts für Kulturwissenschaften auf die 1970er Jahre zurückgehen, so begleitet es in den Jahren 1989–1993 die ersten Umbrüche der ostdeutschen Gesellschaft im Ergebnis der deutschen Vereinigung. Die Geschichte dieses Instituts unterstreicht die Bedeutung einer Chronologie, die verdeutlicht, dass die Jahre 1989 und 1990 weder als Ende noch als Anfang zu sehen sind, die sich Kontinuitäten und Transformationen vor und nach den Jahren 1989/1990 verschließen würde.

Die beiden folgenden Artikel ziehen eine Bilanz zu den Erinnerungen an die DDR in den letzten 30 Jahren. Die Autorinnen, Carola Hähnel-Mesnard und Elisa Goudin-Steinmann, beide reich an Erfahrungen in der Forschung und Lehre als Spezialistinnen für die DDR, unterstreichen mit zahlreichen Beispielen den partiellen, mitunter einseitigen Charakter der Erinnerungen in Medien, Museen und anderen öffentlichen Orten der Erinnerung an die DDR und den Mauerfall, vor allem in der „großen Erzählung“, die den offiziellen Diskurs im gegenwärtigen Deutschland bestimmt. Ihrer Ansicht nach haben viele Faktoren zu dieser Situation geführt, insbesondere eine zu geringe Verbreitung der wichtigsten Forschungsergebnisse in der Öffentlichkeit, die ihrerseits zu einem nuancierten Bild beigetragen haben, das über die bloße Vorstellung eines totalitären Staates hinausgeht und in einer scharfsinnigen Chronologie das tägliche Leben und die vielfältigen Formen, in denen das ostdeutsche politische System von der Bevölkerung akzeptiert, erlitten oder mit ihm umgangen wurde, in den Mittelpunkt stellt. Ob für die breite Öffentlichkeit in Deutschland oder für Studierende in Frankreich, es sei an der Zeit, so die Forscherinnen, andere Ansätze vorzuschlagen, um die Vergangenheit von Millionen von Bürgerinnen und Bürgern im heutigen Deutschland genauer zu beleuchten.

In Anlehnung an diese beiden kritischen Aufforderungen schlägt die Germanistin Stefanie Braun eine analytische Presseschau der französischen Zeitungen und Zeitschriften vor, die während der Gedenkfeiern zum 30. Jahrestag des 9. November 1989 veröffentlicht wurden. Der Beitrag zeigt auf interessante Weise, wie französische Zeitungen mit der Öffnung ihrer Kolumnen für französische und deutsche Intellektuelle und Experten versuchen, die Entstehung der extremen Rechten und der AfD im Zusammenhang mit den Folgen der deutschen Vereinigung zu verstehen, zu erklären und sie gleichsam in den größeren europäischen Kontext zu stellen. Der gemeinsame Tenor lautet, dass in den Zeremonien und Reden, die die Gedenkfeiern begleiten, jegliche Euphorie verschwunden sei. Der letzte Beitrag des Dossiers nimmt das Begriffspaar Erinnerungen – Mémoires sowie weitere Schlüsselbegriffe des deutschen und französischen Sprachgebrauchs in den Blick, die sich im Kontext des politischen, medialen und wissenschaftlichen Gedenkens an den Fall der Mauer und die deutsche Einigung herauskristallisiert haben. Hier zeigt sich in aller Deutlichkeit, dass nicht immer mit den gleichen Begrifflichkeiten operiert wird, um dieselben Phänomene zu beschreiben, und dass zudem in der jeweiligen Übersetzung, bestimmte Vorannahmen und wissenschaftliche Konzepte zum Ausdruck kommen, die sich erst bei näherer Betrachtung zu erkennen geben. Zugleich vermag die Auseinandersetzung mit dieser Problematik die einzelnen Beiträge dieses Heftes in ihrem theoretischen Zusammenhang zu bündeln und das Hauptanliegen von SYMPOSIUM culture@kultur zu verdeutlichen.

Schließlich spiegeln alle Besprechungen in dieser Ausgabe die im Dossier aufgeworfenen Fragen wider. Die internationale Tagung zur „DDR als kulturhistorischem Phänomen zwischen Tradition und Moderne“, die im September 2019 stattfand, bot Gelegenheit zum Dialog zwischen verschiedenen Generationen von Forscherinnen und Forschern mit unterschiedlichem disziplinären und geographischen Hintergrund. Es wurden erkenntnistheoretische und methodologische Fragen erörtert, die deutlich machten, wie wichtig es ist, bislang unerforschte Quellen und Felder offenzulegen und die Erforschung der DDR in einen europäischen und internationalen Vergleichsrahmen zu integrieren.

Eine weitere Frage, der in diesem Heft nachgespürt wird, lautet, welche Dimensionen das Schweigen sowohl vor als auch nach dem Fall der Mauer hatte und was dies für die verschiedenen daran beteiligten oder darin involvierten Gruppen zum Teil bis heute bedeutet. Zwei Bücher zum genannten Thema werden besprochen. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein und doch eint sie das Vorhaben, die vielen Zwischentöne einzufangen und somit eine differenziertere Perspektive auf die DDR-Vergangenheit zu eröffnen. Jacqueline Grenz nimmt das sehr persönliche, auf Interviews und Gesprächen basierende Porträt von Johannes Nichelmann (Ullstein fünf, 2019) in Augenschein, das stellvertretend für die Generation der (ost-)deutschen „Nachwendekinder“ gelesen werden kann und an einer für diese Generation bedeutsamen Leerstelle ansetzt. Während viele Menschen ihre Stimme im Verlauf der Friedlichen Revolution 1989 zurückerlangten – auf Demonstrationen, in den Kirchen oder bei offenen Gesprächsrunden – begannen genauso viele Eltern über das Leben in der DDR zu schweigen; zurück blieben Kinder, die entweder das Nachfragen scheuten oder keine Antworten erhielten und diese nun mit aller Vehemenz einfordern. Die Erfahrungen der Kriegskindergeneration zeigen, dass dieser Prozess ein langer und mitunter schmerzhafter Weg ist, der zumeist quälende Fragen nach Mitwisserschaft und Mittäterschaft in den Familien nach sich zog. Nichelmann gehört zu jenen, die das Schweigen brechen wollen und nach einer Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie streben. Jacqueline Grenz bewertet diesen Schritt als wichtigen Ausgangspunkt, um einen längst überfälligen Dialog anzustoßen, der nicht nur den Nachwendekindern zu einer befreienden Diskussion über die Vergangenheit verhelfe, sondern zugleich einen wichtigen Teil der DDR-Geschichte beleuchte, nämlich das Schweigen der Gründergeneration. Es kommt an jenen Stellen des Buches zur Sprache, in denen es um die Großel tern der Nachwendekinder geht.

Dahingehend lädt auch die Lektüre des von der französischen Historikerin Sonia Combe veröffentlichten Buches La loyauté à tout prix. Les floués du « socialisme réel » (Bord de l’eau, 2019) ein. Das Schweigen bildet die zentrale Folie, vor der die Historikerin eine ebenso sorgfältig recherchierte wie überzeugende und originelle Studie zur Fortschreibung der Intellektuellengeschichte der DDR vorlegt. Dabei ist in erster Linie jenes Schweigen gemeint, dass die sogenannten Remigranten, also jene Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler, die während des Krieges ins Exil gingen, um die DDR als ihre Heimat zu wählen, angesichts der Aufstände in den osteuropäischen Staaten an den Tag legten. Sonia Combe wertet dieses Schweigen einerseits als Kompromiss, andererseits als eine Ethik, denen sich die Anhänger der Idee des Sozialismus verpflichtet fühlten. In diesem Sinne ist auch der Titel des Buches zu verstehen. Er zielt auf die Loyalität der Intellektuellen gegenüber dem System, schließt aber eine kritische Auseinandersetzung ein, die, so die Autorin, fast ausschließlich innerhalb der Partei stattfand. Wie Dorothee Röseberg jedoch in ihrer Rezension des Buches nahelegt, zeugen die vielen Beispiele, die Sonia Combe im Zusammenhang mit der Kulturpolitik anführt, durchaus von einem „beredten Schweigen“. Es schließt Momente des Widerstands ein, die sich in der nonverbalen Kommunikation ausdrückten oder etwa über den Weg der Kunst und Literatur. Dass diese nuancierte Sicht keineswegs konträr zu den Thesen von Sonia Combe steht, vermittelt die gemeinsame Einschätzung, dass der Gründungsmythos Antifaschismus in der DDR keineswegs nur eine Erzählung war, sondern auch gelebte Haltung.

Die Nummer schließt mit einer Auswertung der Rezensionsnotizen des in Frankreich zum Bestseller avancierten Buches Le pays disparu (Stock, 2018) des Historikers Nicolas Offenstadt. Die oft lebhaften Diskussionen, die sich in Frankreich und Deutschland an der mit ihren originellen Methoden der Stadterkundung operierenden Untersuchung entzündet haben, vergegenwärtigen uns, dass die Geschichte der DDR und die Geschichte der letzten 30 Jahre bei weitem nicht nur die deutsche Geschichte tangieren. Ganz im Gegenteil, sie offenbaren, dass es um Fragen der Erinnerungen und Umbrüche geht – oder um Widerstände –, zumal der Sturz der kommunistischen Regierungen die Nachbarländer und Europa als Ganzes betreffen.

Die Debatten um zentrale Begriffe, die den Charakter des deutschen Einigungsprozesses beschreiben, sind insofern bedeutsam, als sie auf eine Verständigung über die historische Einordnung des deutschen Einigungsprozesses 1990 gerichtet sind. Als Herausgeberinnen möchten wir deshalb abschließend auf die Problematik des Begriffes Annexion verweisen. Die ersten demokratischen, freien Wahlen im März 1990 und der juristische Vorgang des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik Deutschland sind unseres Erachtens entscheidende Vorgänge, die Veranlassung geben, die Begriffe Annexion oder Kolonialisierung hier nicht in Anwendung zu bringen. Wir überlassen den Autor*innen jedoch die Verwendung dieser Begrifflichkeiten, wenn sie diese für richtig halten.1

1989/1990

30 ans après : quelles mémoires?

Ce deuxième numéro de Symposium culture@kultur est consacré aux mémoires des événements qui ont mis un terme à un siècle jalonné de guerres à vocation mondiale. La chute du Mur est l’un des éléments – incontournables – qui sera transmis aux générations suivantes, et ce autant à cause de son immense impact sur l’histoire allemande, européenne et mondiale qu’à cause de sa charge symbolique ainsi qu’en raison du foisonnement de facteurs culturels qui ont pu faire durablement bouger un peu partout les lignes de la démocratie. En Allemagne, elle a été suivie par l’unification, ce que ce dossier aborde moins dans sa dimension politique et économique à proprement parler qu’en fonction d’une des modalités du processus d’unification : celle qui s’articule autour du travail des mémoires. Or, en utilisant le pluriel « mémoires », le titre indique que le présent dossier s’intéressera à cette mémoire collective allemande dans ce qu’elle a de composite et diversifiée.

Ce sont donc des questions relevant de la culture mémorielle actuelle qui se trouvent au centre de ce numéro-ci : qui intervient médiatiquement dans l’archivage du passé et de son interprétation, dans le flux des connaissances qu’en ont un ou plusieurs générations ? Ces questions et d’autres encore constituent l’arrière-plan des contributions qui se consacrent ici, à partir de différentes optiques, aux processus mémoriels concernant la chute du Mur et l’unification allemande. Il s’agit de « regards », terme usité dans les sciences des cultures, car l’accent est placé sur la pluralité des mémoires dans ce contexte. Par ailleurs, ce terme suggère la prise en considération de l’orientation que chaque plaidoyer choisit en faveur de telle ou telle forme de mémorisation. En matière de souvenirs et de mémoire culturelle aussi, la pluralité est une composante de la démocratie. Pourtant, il n’est pas exclu qu’une telle pluralité paraisse être un avantage aux yeux des uns et au contraire un éloignement de la norme aux yeux des autres. C’est bien également pour ce motif qu’il importe de discuter, 30 ans agrès la chute du Mur et l’unification allemande, au sujet de qui ou de quoi édicte cette norme. Certes, on déplore parfois que l’approche des sciences de culture ne favorise le subjectivisme qui serait inhérent « aux regards », que cela ne fragilise les résultats obtenus voire ne les décrédibilise et les prive de toute scientificité. Le présent numéro s’efforce de démonter ce genre d’argumentation et d’attirer au contraire l’attention sur la valeur heuristique du regard : le multiperspectivisme constitue un atout pour les sciences des cultures et il est carrément un impératif en matière de politique mémorielle. C’est pourquoi les lecteurs de ce numéro sont invités à être les témoins des mémoires en concurrence et à les confronter à leurs propres souvenirs.

Ce dossier propose ainsi de parcourir les 30 ans qui nous séparent de la chute du Mur de Berlin et de l’unification allemande au fil de témoignages, récits, essais, analyses et comptes rendus qui interrogent la manière tout à la fois de se souvenir de 1989/1990, de commémorer cette période, mais aussi de retracer l’histoire des trois dernières décennies. Le parcours s’ouvre par deux contributions qui reflètent des événements qui ont eu lieu en novembre 1989 et qui permettent de revenir sur les multiples dynamiques et les acteurs très variés qui ont contribué, chacun à sa manière, aux bouleversements survenus au sein de la société est-allemande. Le projet théâtral et scientifique Utopia 89 s’est en effet intéressé à la grande manifestation du 4 novembre sur l’Alexanderplatz à Berlin-Est lors de laquelle furent réclamées des réformes politiques du régime. Le travail d’enquête mené par des artistes et chercheurs français, qui a donné lieu à un colloque et une exposition à Berlin, souhaitait suivre au plus près le processus qui conduisit à cette libération de la parole des oratrices et orateurs présent.es comme des manifestant.es réunis au cœur de la capitale de la RDA. Trente ans après, en écho aux débats qui ont accompagné les commémorations de 1989, l’événement donne encore lieu à des discussions passionnées au sujet de la portée et du sens à lui donner, entre les manifestations de Leipzig ou Dresde et la chute du Mur cinq jours plus tard. L’entretien avec Dietrich Mühlberg permet de revenir sur ces mêmes jours de novembre 1989 à travers la genèse de l’institut dédié aux sciences de la culture, « Kulturinitiative 89 », dont le concept fut conçu à Berlin-Est entre le 6 et le 11 novembre. Ce témoignage fait revivre le contexte politique, culturel et social de la fin des années 1980 en RDA dans lequel des universitaires, en contact régulier avec leurs collègues à l’Ouest, cherchèrent à structurer davantage leurs champs de recherche et d’enseignement, en écho aux évolutions en cours à l’échelle internationale. Si les origines de l’institut remontent aux années 1970, ses activités se développèrent entre 1989 et 1993, accompagnant ainsi les premiers bouleversements de la société (est)allemande à la suite de l’unification. Son histoire souligne l’importance, de fait, de jouer avec la chronologie et de ne pas considérer 1989 ou 1990 comme une fin ou un commencement excluant toute continuité et transformation de part et d’autre de la chute du Mur et de l’unification.

Les deux articles suivants dressent un bilan de la manière dont l’histoire de la RDA a été transmise depuis trente ans. Fortes de leurs expériences de chercheuses et d’enseignantes, Carola Hähnel-Mesnard et Elisa Goudin-Steinmann, toutes deux spécialistes de la RDA, soulignent les nombreux biais qui ont amené à une perception partielle voire partiale de son histoire dans les médias, les musées et autres lieux de l’espace public et du grand récit officiel allemand. De multiples facteurs ont conduit, selon elles, à cette situation, notamment une trop faible diffusion auprès du grand public des principaux travaux de recherche qui ont, eux, contribué à une image nuancée, dépassant la seule idée d’un Etat totalitaire, pour s’intéresser, dans une chronologie fine, à la vie quotidienne et aux multiples manières dont le système politique est-allemand a été accepté, subi ou contourné par la population. Que ce soit pour le grand public en Allemagne ou auprès des étudiant.es en France, il est temps, disent ces chercheuses, de proposer d’autres approches pour rendre compte avec plus de justesse de ce que fut le passé de millions de citoyenn.es de l’Allemagne actuelle.

En écho à ces deux appels à la vigilance, la germaniste Stefanie Braun propose une revue de presse analytique des journaux et magazines français parus durant les commémorations des 30 ans du 9 novembre 1989. Il est intéressant de voir comment les journaux français, ouvrant leurs colonnes à des intellectuels et des experts français et allemands, tentent de comprendre et d’expliquer l’émergence de l’extrême-droite et de l’AfD en lien avec les conséquences de l’unification allemande – tout en inscrivant clairement ces débats dans le contexte européen plus large. Tous insistent sur la fin de toute euphorie dans les cérémonies et les discours qui accompagnent les commémorations.

Le dernier article de ce dossier examine le binôme Erinnerungen – Mémoires ainsi que d’autres concepts-clé qui sont d’usage en allemand et en français pour évoquer les commémorations politiques, médiatiques et scientifiques de la chute du Mur et de l’unification allemande. Il en ressort que ce ne sont pas toujours de part et d’autre les mêmes conceptualisations qui rendent compte des mêmes phénomènes et qu’en outre les traductions respectives renvoient à certains présupposés et à des notions scientifiques qui n’étaient pas évidentes de prime abord. Se confronter à cette problématique est en outre indispensable pour montrer que toutes les contributions à ce numéro (articles de fond, recensions, comptes rendus de colloques, entretiens) se rattachent au même cadre théorique, et cette démarche correspond à l’objectif principal de SYMPOSIUM culture@kultur.

L’ensemble des comptes rendus qui sont réunis à la fin de ce numéro font écho aux questions soulevées au sein du dossier. Le colloque international qui s’est tenu en septembre 2019 autour de l’histoire culturelle de la RDA, entre tradition et modernité, a été l’occasion de faire dialoguer différentes générations de chercheuses et de chercheurs venus de différents horizons, disciplinaires et géographiques. Enjeux épistémologiques et méthodologiques ont été débattus, démontrant l’importance de mobiliser désormais des sources et des terrains jusque-là restés encore trop inexplorés et d’intégrer l’étude de la RDA dans un cadre comparatif européen et international.

Une autre question traitée dans ce dossier est la place à donner au silence, silence perceptible aussi bien avant qu’après la chute du Mur, et la signification qu’il a eue pour les différents groupes, que ce soient ceux qui le gardaient ou ceux qui étaient concernés par ce mutisme. Deux ouvrages traitant ce sujet font ici l’objet de recensions. Bien qu’extrêmement différents l’un de l‘autre, leur point commun est de saisir et reproduire les multiples nuances qui existent et de proposer ainsi une représentation différenciée du passé de la RDA. J. Grenz présente le portrait de Johannes Nichelmann (Ullstein fünf, 2019) qui, s’appuyant sur des interviews et des conversations, peut être représentatif de la génération des enfants nés après la Wende en Allemagne (de l’Est) et dont l’existence a commencé dans le vide traumatisant créé par le silence de leurs parents. Si beaucoup de personnes, au cours de la révolution pacifique de 1989, avaient retrouvé la possibilité de s’exprimer lors des manifestations, dans les églises ou dans les discussions publiques et les tables rondes, il y a eu en revanche beaucoup de parents qui ont choisi de ne pas parler de la vie qu’ils avaient eue en RDA ; leurs enfants, qui ou bien n’avaient pas osé poser de questions ou bien n’avaient pas obtenu de réponse, en réclament à présent avec véhémence. Les expériences précédentes des enfants nés pendant la guerre montrent que ce processus sera lent et parfois douloureux et qu’il implique de poser des questions déplaisantes sur la famille, les compromissions et les complicités. Nichelmann fait partie de ceux qui veulent briser le tabou et s’efforcent de clarifier leur propre biographie. Selon J. Grenz, c’est un précieux point de départ pour aider ces enfants à accéder à des discussions libératrices sur le passé et aussi pour éclairer un pan important de l’histoire de la RDA, celui du silence gardé par la génération des fondateurs de la RDA. On le voit dans les pages du livre consacrées aux grands-parents des enfants nés après la Wende.

Le lecteur est orienté dans la même direction par le livre de Sonia Combe, historienne française, La loyauté à tout prix. Les floués du « socialisme réel » (Bord de l’eau, 2019). Le silence est la dimension centrale de cette étude qui est aussi richement documentée qu’originale et convaincante et qui actualise l’histoire des intellectuels de RDA. Ici, le silence est avant tout celui des rémigrants, donc des écrivains, des artistes, des scientifiques, qui étaient revenus d’exil et s’étaient installés en RDA, et qui ont gardé le mutisme lors des soulèvements dans les Etats d’Europe de l’Est. Sonia Combe interprète ce mutisme d’un côté comme un compromis, d’un autre côté comme le respect d’une éthique que ces adeptes de l’idéal communiste entendaient respecter. Tel est aussi le sens du titre de l’ouvrage qui traite de la loyauté des intellectuels envers le système ainsi que de leurs critiques, mais ces dernières restaient presque exclusivement internes au Parti. Comme Dorothee Röseberg le souligne dans sa recension, les nombreux exemples avancés par S. Combe au sujet de la politique culturelle prouvent que le silence des intellectuels était un silence « éloquent ». Ce qui incluait des formes de résistance par le biais d’une communication non verbale ou dans les œuvres d’art et la littérature. Que cette nuance ajoutée par la recension ne soit nullement en contradiction avec les thèses de S. Combe se montre dans le fait qu’il y a consensus pour observer qu’en RDA le mythe fondateur de l’antifascisme n’aurait pas été un simple discours mais aurait bel et bien été vécu comme tel.

Enfin, le numéro se clôt sur un bilan de la réception de l’ouvrage de l’historien Nicolas Offenstadt, Le pays disparu (Stock, 2018), succès de librairie en France. Les débats souvent vifs soulevés en France comme en Allemagne par cette enquête faisant appel aux méthodes, originales, de l’exploration urbaine, rappellent combien l’histoire de la RDA et l’histoire de ces 30 dernières années sont loin d’être une simple histoire allemande. Bien au contraire, elles sont révélatrices d’enjeux mémoriels et de mutations – ou de blocages, la chute des régimes communistes touchant ses voisins et l’Europe en son ensemble.

Les débats autour de concepts qui illustrent le processus de l‘unification allemande sont d’autant plus significatifs qu’ils aident à mieux comprendre le sens et la place historique qui reviennent à ce processus. Les éditrices souhaitent pour cette raison commenter ici le terme parfois employé d’annexion : elles soulignent que ce terme pose problème car les élections de mars 1990 ont été libres et démocratiques, et la procédure de l’adhésion de la RDA à la République fédérale était constitutionnelle ; ces événements décisifs sont incompatibles avec des termes tels qu’annexion ou colonisation. Les éditrices ne les ont pas pour autant censurés si les auteurs avaient choisi quant à eux de les utiliser2.

Footnotes

1

Wir danken dem Centre d’histoire culturelle des sociétés contemporaines der Université Paris-Saclay für die finanzielle Unterstützung dieser Nummer.

2

Nous remercions le Centre d’histoire culturelle des sociétés contemporaines de l’ Université de Paris-Saclay pour le soutien financier qu’il a apporté à ce numéro.

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