Book Review: Faludi, Andreas (2018): The Poverty of Territorialism. A Neo-Medieval View of Europe and European Planning Cheltenham: Edward Elgar Publishing. 179 Seiten

  • 1 Österreichische Akademie der Wissenschaften, Institut für Stadt- und Regionalforschung, Vordere Zollamtsstraße 3, 1030, Wien, Österreich
Dr. Alois Humer
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  • Österreichische Akademie der Wissenschaften, Institut für Stadt- und Regionalforschung, Vordere Zollamtsstraße 3, 1030, Wien, Österreich
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Wenn Andreas Faludi ein Buch schreibt, begründet ein Verlag wie Edward Elgar dafür eine eigene Serie. In diesem Fall ist das nun besprochene Buch der erste Band der „Elgar Studies in Planning Theory, Policy and Practice“. Dies mag überzeichnet klingen, es hat sich auch wohl nicht so geradeaus ergeben. Aber es hilft, Faludis herausragenden Status in der wissenschaftlichen Community zu veranschaulichen. Und wenn ein Faludi-Buch publiziert wird, rezipiert die internationale wissenschaftliche Community dieses eifrig aus allen Blickwinkeln. Jedenfalls diese Feststellung bedarf keiner Überzeichnung. Sich einreihend hinter bereits zahlreich erschienene Rezensionen von namhaften Mitgliedern der wissenschaftlichen Community in namhaften Zeitschriften (z. B. Cardoso 2018; Zaucha 2018; Medeiros 2019; Metzger 2019, Cotella/Purkarthofer/Faludi 2020; Neuman 2020) wird mit dieser Rezension nur eine kurze Metarezension versucht und gleichzeitig dem Autor des Buches viel Aufmerksamkeit geschenkt. Anlass für diese Rezension war eine Buchvorstellung im Rahmen der „Urban Book Series“ an der Universität Wien im Dezember 2019, in der ich als Diskutant von The Poverty of Territorialism an der Seite von Andreas Faludi mitwirken durfte. Ich weiß, dass er gerne eine Rezension seines Buches speziell für die deutschsprachige Community der Raumforschung und Raumordnung – in seiner Muttersprache – lesen würde. Diesen Gefallen tue ich ihm hiermit sehr gerne.

Von A Reader in Planning Theory (Faludi 1973) bis Cohesion, Coherence, Cooperation (Faludi 2010) war seine Arbeit gekennzeichnet von positiven – und ich meine ausdrücklich nicht positivistischen – Interpretationen von Raumplanung, sei es aus theoretisch-konzeptioneller, hochschuldidaktischer oder politisch angewand-Sicht. Vor allem seit den 1990er-Jahren war Faludi durch seine Werke ein Befürworter, Fürsprecher, ja Mitgestalter der „Europäischen Integration“ und einer vagen Idee von einer „Europäischen Raumordnung“ geworden. Sein Fokus lag auf dem Verbesserungspotenzial der europäischen Raumentwicklung und neuen Möglichkeiten, wie Dialog, Lernen und Transfer zwischen nationalen Raumordnungssystemen besser funktionieren können und wie der europäische Raum durch das Zutun der Europäischen Union kohäsiver werden kann. Spätestens mit dem nun besprochenen Buch legt er seinen positiven Zugang ab bzw. weiß diesen vielleicht subtiler als zuvor hinter pessimistischen Ausblicken zu verstecken. Überraschend kommt dieser heel turn nicht und er präsentiert auch einen Schuldigen: den Territorialismus.

Andreas Faludi hat sich auf dem Publikationsweg zu diesem Buch über mehrere Jahre an dem Begriff „Territorialität“ abgearbeitet. Seine Stammleserschaft konnte dabei zusehends eine Art persönliche ‚Pessimismuswende‘ herauslesen. So befand er die Spezifizierung „Territorial“ in „Territorial Governance“ als redundant (Faludi 2012). Als nächstes zerlegte er „Territorial Cohesion“ als konzeptionell ambivalent (Faludi 2013a) und kam im Zuge dessen der Kritik am „Territorialismus“ als Containerraum (Faludi 2013b) auf die Fährte. Dieser humangeographischen Fährte folgend, ging er mit Territorialität zusammenhängenden Fragen der demokratischen Legitimierung nach (Faludi 2016a). Diese Publikationswelle kulminierte einerseits in seiner Selbstreflexion, hinsichtlich Europäischer Integration „naivly enthusiastic“ (Faludi 2016b: 302) gewesen zu sein, und andererseits im Entlehnen eines Begriffs von Karl Popper, nämlich „Poverty“ (Faludi 2016c), um seine gesammelte Kritik am Territorialismus in ein Wort zu fassen. Die Basis für das hier besprochene Buch war gelegt und ein Titel gefunden.

Karl Poppers (1957) im Original auf Englisch erschienenes Werk „The Poverty of Historicism“ stand also Pate für Faludis Buchtitel. Popper sah in der Einmaligkeit und Nichtwiederholbarkeit des Verlaufs der Geschichte ein methodologisches ‚Elend‘, weil keine wissenschaftlichen Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung zulässig seien. In Faludis Kontext kann das mit dem genuinen Projekt der Europäischen Integration, das seinesgleichen in der Geschichte sucht, veranschaulicht werden. Jan Zielonkas (2014) Werk stand Pate für den nicht minder wichtigen Untertitel des Buches und dessen zentralen Begriff „Neo-Medievalism“, also eine Position des Neo-Mittelalterlichen. Gemeint ist damit eine Neuauflage einer räumlich-politischen Interpretation, welche jener vor der Zeit des Westfälischen Systems ähnelt. Anstelle von Nationalstaaten und deren Subeinheiten herrschen also überlappende, nicht zusammenhängende, bisweilen unklare und flexible räumliche Gebilde vor.

Insgesamt ist dieses Buch, so auch der Tenor in der wissenschaftlichen Community und nicht zuletzt Faludis eigene Einschätzung, eine stilistisch unorthodoxe Wissenschaftspublikation – eine Verwebung von persönlichen Eindrücken mit wissenschaftlichem Sachgehalt. Das Buch ist in fünf Teile gegliedert, wobei Teil I einer Selbstpositionierung des Autors und einem Ausblick auf die Buchstruktur gewidmet ist. Teil II bringt – ganz nach Popper‘scher Schule – Argumente pro und contra Territorialismus vor. Teil III beschäftigt sich mit der Europäischen Union, ihrer territorialen Entwicklung und ihrer Krise als politisches Projekt. Teil IV bildet den dramaturgischen Höhepunkt des Buches. Die Räumlichkeit der Europäischen Union wird in einem neomittelalterlichen Licht diskutiert und Faludi stellt drei Metaphern zur Disposition: ein Inselarchipel, Eisschollen und Wolkenwirbel. Teil V bietet einen Schluss samt Epilog. Der Inhalt lässt sich plakativ rasch zusammenfassen: Die (nationalstaatliche) containerartige räumliche Organisation hat keine Zukunft bzw. soll keine Zukunft haben. Es braucht andere Kooperationsprinzipien und Konstrukte zur weiteren gesellschafts-räumlichen Entwicklung Europas. Mit dieser Forderung endet eigentlich das Buch auch schon, samt einem Aufruf an die Gemeinschaft der Raumplanerinnen und Raumplaner, darauf hinzuwirken.

Faludi wagt das Gedankenexperiment einer Welt ohne Territorien (Medeiros 2019: 619) und gesteht selbst ein, dass dies schwierig bis undenkbar erscheint. Ein gerade deshalb selbstbewusster Autor bietet in essayistischem Stil eine Reihe an Angriffspunkten mit einem Buch, das arg zwischen analytischer und normativer Perspektive schwankt (Metzger 2019: 1, 3). Die drei Metaphern aus Teil IV hinken, aber sie erfüllen den Zweck der Stimulierung. Auch hinkt, dass Faludi zwar ein post-territoriales Europa proklamiert, aber seine Ausführungen dennoch eine EU-Außengrenze brauchen. Das Anzweifeln eines egalitären Demokratieverständnisses (Metzger 2019: 3) bis hin zu „Kolonialismusverharmlosung“ (Cardoso 2019: 622) hingegen sind Beispiele aus (missverstehenden) Rezeptionen. Es geht Faludi nicht um Defizite eines demokratischen Systems an sich, sondern um die scheinbare Alternativlosigkeit der territorialen Organisation desselben. Auch nimmt er keine machtpolitischen Elemente aus dem Mittelalter mit, wie Feudalismus oder Kolonialismus, sondern es geht ihm rein um das dem Territorialismus inhärente Elend. Er verwendet keine Seiten, um sich auf die fundamentalen theoretischen bis hin zu gesellschaftspolitischen Implikationen seiner bisweilen unüberlegt scheinenden, aber erwiesenermaßen nicht unvorbereiteten Forderung nach dem Ende des Territorialismus einzulassen. Seine ‚Erzählung‘ kommt mit 179 Seiten aus.

Abschließend gesagt, hat dieses Buch, ebenso wie der Territorialismus selbst, nicht gerade wenige Schwachstellen. Gleichsam erscheint der Autor alternativlos zu sein, wiederum wie der Territorialismus selbst. Was bleibt, ist etwas Unzufriedenheit – oder ist es Ungeduld? – in der wissenschaftlichen Community mit dem, was das Buch alles nicht liefern kann: eine theoretische Lösung für die Territorialismusfalle und schon gar nicht eine realpolitisch gangbare Alternative. Aber muss es Faludi alleine richten? Vielleicht ist sein Publikationsweg dazu mit diesem Buch noch nicht zu Ende. Zumindest sollte dieses Buch genügend Reizpunkt und Ansporn für die internationale wissenschaftliche Community sein, die Kritik am Territorialismus weiterzuverfolgen und diese schrittweise mit Lösungsansätzen zu überlagern. Es gibt also noch viel zu tun. Noch erscheint eine non-territoriale räumliche Entwicklung Europas aber ein utopischer Ausblick.

Literatur

  • Cardoso, R. V. (2018): Book review: The Poverty of Territorialism. In: Planning Theory and Practice 20, 4, 622-624. doi: 10.1080/14649357.2019.1653004

  • Cotella, G.; Purkarthofer, E.; Faludi, A. (2020): Symposium: The poverty of territorialism and the future of European spatial integration. In: Regional Studies. doi: 10.1080/00343404.2020.1733252

  • Faludi, A. (1973): A Reader in Planning Theory. Oxford.

  • Faludi, A. (2010): Cohesion, coherence, cooperation: European spatial planning coming of age? London.

  • Faludi, A. (2012): Multi-Level (Territorial) Governance: Three Criticisms. In: Planning Theory and Practice 13, 2, 197-211. doi: 10.1080/14649357.2012.677578

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  • Faludi, A. (2013a): Territory: An unknown quantity in debates on territorial cohesion. In: European Journal of Spatial Development 51, 2-16.

  • Faludi, A. (2013b): Territorial Cohesion, Territorialism, Territoriality, and Soft Planning: A Critical Review. In: Environment and Planning A 45, 6, 1302-1317. doi: 10.1068/a45299

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  • Faludi, A. (2016a): European integration and the territorial‐ administrative complex. In: Geografiska Annaler: Series B, Human Geography 98, 1, 71-80. doi: 10.1111/geob.12090

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  • Faludi, A. (2016c): The poverty of territorialism: Revisiting European spatial planning. In: disP – The Planning Review 52, 3, 73-81. doi: 10.1080/02513625.2016.1235886

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  • Medeiros, E. (2019): Book Review: The Poverty of Territorialism. In: Planning Theory and Practice 20, 4, 619-624. doi: 10.1080/14649357.2019.1653033

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  • Neuman, M. (2020): Book review: The poverty of territorialism: neo-medieval view of Europe and European planning. In: European Planning Studies 28, 4, 850-852. doi: 10.1080/09654313.2019.1694240

  • Popper, K. (1957): The Poverty of Historicism. London.

  • Zaucha, J. (2018): Book review: The poverty of territorialism. A neomedieval view of Europe and European planning. In: Europa XXI 35, 127-131. doi: 0.7163/Eu21.2018.35

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  • Zielonka, J. (2014): Is the EU doomed? Cambridge.

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  • Cardoso, R. V. (2018): Book review: The Poverty of Territorialism. In: Planning Theory and Practice 20, 4, 622-624. doi: 10.1080/14649357.2019.1653004

  • Cotella, G.; Purkarthofer, E.; Faludi, A. (2020): Symposium: The poverty of territorialism and the future of European spatial integration. In: Regional Studies. doi: 10.1080/00343404.2020.1733252

  • Faludi, A. (1973): A Reader in Planning Theory. Oxford.

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  • Zielonka, J. (2014): Is the EU doomed? Cambridge.

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