Book Review: Behnisch, Martin; Kretschmer, Odette; Meinel, Gotthard (Hrsg.) (2018): Flächeninanspruchnahme in Deutschland. Auf dem Wege zu einem besseren Verständnis der Siedlungs- und Verkehrsflächenentwicklung Berlin: Springer Spektrum. XVI, 277 Seiten

and Prof. Dr. Christian Jacoby
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  • Universität der Bundeswehr München, Fachgebiet Raumplanung und Mobilität, Werner-Heisenberg-Weg 39, 85577, Neubiberg, Deutschland
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Seit jeher beschäftigen sich Raumforschung und räumliche Planung im Kern mit der vorhandenen und der zu planenden Nutzung respektive Inanspruchnahme von Flächen. Auf der Fläche treffen die verschiedensten Nutzungsinteressen aufeinander. Und weil nicht zuletzt auch die Ressource Fläche grundsätzlich nicht vermehrbar und damit für die unterschiedlichen Flächennutzungen und -funktionen nur begrenzt verfügbar ist, gilt die raumordnerische Leitvorstellung kompakter, umweltverträglicher Siedlungsstrukturen sowie das Gebot des sparsamen und schonenden Umgangs mit der Ressource Fläche (bzw. dem unbesiedelten Freiraum) als eines der grundlegenden Planungsprinzipien.

Im Zuge des demographischen und sozioökonomischen Wandels ist in den vergangenen Jahrzehnten der Anteil der Siedlungs- und Verkehrsfläche in Deutschland gegenüber den unbesiedelten Flächen, insbesondere den landwirtschaftlichen Arealen, stetig gewachsen. Diese zunehmend auch in amtlichen Texten als „Flächenverbrauch“ titulierte Entwicklung entspricht nicht dem Nachhaltigkeitsparadigma, weshalb im Rahmen der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie von 2002 das allseits bekannte Flächensparziel (Reduktion der Flächenneuinanspruchnahme für Siedlungs- und Verkehrszwecke bis 2020 auf 30 ha pro Tag) verankert wurde (Bundesregierung 2002: 99, 189 f., 287 ff.). Gegenüber den damaligen Flächenverbrauchswerten von rund 120 ha pro Tag wurde damit eine um den Faktor vier verbesserte Ressourceneffizienz angestrebt. Mangels Zielerreichung wurde bei der Fortschreibung der Nachhaltigkeitsstrategie Ende 2016 das Flächensparziel auf

das Jahr 2030 ‚gestreckt‘, versehen mit dem Zusatz „30 ha minus x pro Tag“ (Bundesregierung 2018: 55). Diese Entwicklung lässt deutlich werden, dass der Flächenverbrauch als ein persistentes Problemfeld für die nachhaltige Raumentwicklung zu betrachten ist.

Hier setzt das Sammelwerk „Flächeninanspruchnahme in Deutschland“, herausgegeben von Martin Behnisch, Odette Kretschmer und Gotthard Meinel, an. Das Ziel und damit auch das besondere Verdienst dieses im Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung e.V. (IÖR) entstandenen Sammelwerks ist es, vor allem mithilfe von quantitativen Methoden zu einem besseren Verständnis der Siedlungs- und Verkehrsflächenentwicklung beizutragen und damit eine effektivere Steuerung der Flächeninanspruchnahme zu ermöglichen. Die Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Tschechien, der Schweiz und Nordamerika, die in unterschiedlichen Forschungs- und Planungsinstitutionen wirken, stellen in dieser Publikation eine breite Vielfalt an aktuellen Forschungsansätzen vor. Gegliedert ist das vorliegende Buch im Wesentlichen in vier Themenblöcke.

Im ersten, einleitenden Themenblock „Grundlagen der Flächeninanspruchnahme“ fassen die Autorinnen und Autoren zusammen, welche Entwicklungen der Flächeninanspruchnahme derzeit zu beobachten und wo diese als besonders kritisch zu werten sind. Gisela Beckmann und Fabian Dosch skizzieren ein bundesweites Monitoring der Siedlungsflächenentwicklung mit dem Ziel, die Vergangenheit, den Status quo und die zukünftigen Siedlungs- und Verkehrsflächenentwicklungen regional differenziert beschreiben zu können. Mit dem Beitrag von Nguyen Xuan Thinh werden Raumplanung und Raumwissenschaft als Erheber, Nutzer und Anbieter von modernen Geodaten thematisiert.

Der zweite Themenblock „Ansatzpunkte zur Erklärung von Flächennutzung und Flächeninanspruchnahme“ stellt darauf ab, Einflussgrößen flächennutzungsspezifischer Strukturen und Entwicklungen herauszuarbeiten und erklärende Modellvorstellungen zu formulieren. In einer Zwischenbilanz von Stefan Siedentop werden die Ursachen der Flächeninanspruchnahme in Deutschland analysiert. Die besondere, nicht zu unterschätzende Bedeutung der ökonomischen und fiskalischen Ursachen der Flächeninanspruchnahme werden von Kilian Bizer, Sebastian März und Till Proeger herausgestellt. Balz Reto Bodenmann und Pascal Bürki fokussieren auf die räumlichen Effekte der Verkehrs- und Siedlungsflächenentwicklung, während Barbara Malburg-Graf die besonderen Herausforderungen für das Flächenmanagement im ländlichen Raum thematisiert. In den Beiträgen werden insbesondere auch Zusammenhänge zwischen der wirtschaftlichen Situation von Kommunen und deren Flächenausweisungsverhalten, zwischen dem Wohlstand privater Nutzerinnen und Nutzer und deren Flächennachfrage wie auch zwischen verbesserter Verkehrsinfrastruktur und der Allokation neu in Anspruch genommener Gewerbe- und Wohnflächen auf regionaler Ebene näher beleuchtet.

Der dritte Themenblock „Über Zustand und Struktur der Flächennutzung“ enthält neue Ansätze, auf der Basis von Messgrößen und empirisch-analytischen Vorgehensweisen den Status quo der Flächennutzung und der Flächeninanspruchnahme zu beschreiben und zu erklären. Zunächst fragt Stefan Fina, ob die Konfiguration und die Komposition der Flächennutzung überhaupt messbar sind. Sodann stellt Roland Goetzke Indikatoren vor, die zur Bewertung einer nachhaltigen und klimawandelgerechten Siedlungsentwicklung geeignet sein können. Christian Stein und Ulrich Walz beschreiben ein Messkonzept zur landschaftlichen Attraktivität Deutschlands. Martin Behnisch und Hanna Poglitsch erörtern methodische Möglichkeiten zur Untersuchung von Wirkungszusammenhängen im Umfeld von Versiegelung, Zersiedelung und Flächennutzung und betonen die Relevanz von lokalen räumlichen Regressionsansätzen.

„Über den Wandel der Flächennutzung“ berichtet der vierte Themenblock. Er steht im Kontext von konzeptionellen Überlegungen und qualitativen wie auch quantitativen Untersuchungen zu multitemporalen Eigenschaften der Flächennutzung. In dem Beitrag von Andreas Koch und Andreas Eisl werden im Zuge von Quer- und Längsschnittanalysen modelltheoretische, methodologische und simulationsrelevante Implikationen und Anforderungen zur Untersuchung von Flächennutzung und Flächeninanspruchnahme diskutiert. Anhand von Gemeindeportraits arbeiten Gierina Cathomas und Anna M. Hersperger die Komplexität des Wandels von Flächennutzungen heraus und zeigen vielfältige Möglichkeiten auf, wie man mit planerischen Instrumenten und auf die Akteure konzentrierten Steuerungsansätzen auf die Flächennutzung einwirken kann. Martin Schorcht, Tobias Krüger und Gotthard Meinel stellen ein modernes Verfahren zur Änderungsbilanzierung der Siedlungs- und Verkehrsflächenentwicklung vor und betonen die Wichtigkeit der Messwerte für ein zeitgemäßes raumbezogenes Monitoring. Die Autorengruppe um Jochen Jaeger illustriert ein Messkonzept zur Zersiedelung anhand von Untersuchungen in Deutschland, in der Schweiz, in Europa und in zwei Stadtregionen Nordamerikas. Diskutiert wird die Festlegung von Ziel- und Grenzwerten für die Zersiedelung, der Nutzen einer Messgröße Zersiedelung für die Umweltbeobachtung und das Potenzial einer solchen Messgröße zur Unterstützung von Alternativenprüfungen.

Das vorliegende Sammelwerk liefert damit wertvolle konzeptionelle und methodische Grundlagen zur raumwissenschaftlichen Beschreibung und Erklärung der Flächennutzung und -entwicklung. Es werden zahlreiche Anknüpfungspunkte zur Unterstützung der Planungspraxis mit dem Ziel einer nachhaltigen Raumentwicklung geschaffen. Das Buch ist somit allen, die sich für den schonenden Umgang mit der begrenzten Ressource Fläche, für die räumliche Struktur und Entwicklung der Flächeninanspruchnahme, für das komplexe Ursachenbündel der Siedlungs- und Verkehrsflächenentwicklung und die Instrumente und Methoden einer nachhaltigen Flächennutzungsentwicklung interessieren, sehr zu empfehlen.

Literatur

  • Bundesregierung (2002): Perspektiven für Deutschland. Unsere Strategie für eine nachhaltige Entwicklung. Berlin.

  • Bundesregierung (2018): Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie. Aktualisierung 2018. Kabinettbeschluss vom 7. November 2018. Berlin.

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  • Bundesregierung (2002): Perspektiven für Deutschland. Unsere Strategie für eine nachhaltige Entwicklung. Berlin.

  • Bundesregierung (2018): Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie. Aktualisierung 2018. Kabinettbeschluss vom 7. November 2018. Berlin.

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