Understanding Geographies of Polarization and Peripheralization: Perspectives from Central and Eastern Europe and Beyond

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Lang, Thilo; Henn, Sebastian; Sgibnev, Wladimir; Ehrlich, Kornelia (Hrsg.) (2015): Understanding Geographies of Polarization and Peripheralization: Perspectives from Central and Eastern Europe and Beyond

Houndsmills, New York: Palgrave Macmillan. 9 Tab., 20 Abb., 4 Karten, 352 S.

Probleme der Peripherisierung wurden in den Regionalwissenschaften bis vor Kurzem entweder in Auseinandersetzung mit älteren Zentrum-Peripherie-Modellen und (meist neo-marxistischen) Strukturtheorien diskutiert oder aber im Kontext der Entwicklung relationaler Unterschiede von institutionen- und gruppenbezogener Macht und ungleichem Zugang zu Ressourcen. Beide Basisperspektiven waren auf ihre Weise unbefriedigend, da sie im einen Fall die Wandlungen und Varietäten des Kapitalismus (oder besser gesagt, die kontextbezogene Ausdifferenzierung von Kapitalismen) nicht klar vor Augen bekamen, im anderen Fall hingegen Relationen als Bottom-up-Phänomene beliebiger sozialer Ausdifferenzierungsprozesse konzipierten – mit dem Effekt der mangelnden Anschlussfähigkeit an strukturtheoretische Erklärungen.

Der vorliegende Band, der sich mit Problemen der sozialen Polarisierung und Peripherisierung in Mittel- und Osteuropa auseinandersetzt, liefert zunächst eine Momentaufnahme dieses konzeptionellen Gegensatzes, freilich nicht ohne interessante Alternativen aufzuzeigen. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Transformation und Postsozialismus auf lokaler und regionaler Ebene aus der faktischen und gefühlten politischen Defensive heraus gestaltet werden mussten, wird die drängende Frage nach der Rolle lokaler Akteure bei der Entstehung neuer Peripherien stärker akzentuiert. Dies ist in der Mittel- und Osteuropaforschung selten systematisch betrieben worden. Konsequenterweise wird in diesem Sammelband vor allem der sozialen Konstruktion sowie der politischen Rahmung von Peripheriesituationen erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt.

Die Beiträge international ausgewiesener Autorinnen und Autoren der Geographie und Regionalwissenschaften wurden in vier Kapitel gegliedert, die zugleich die verstärkte Akteurszentrierung der Peripherisierungsforschung anzeigen. Einem ersten Block mit Aufsätzen zu theoretischen Konzepten und Perspektiven folgt ein Kapitel, das empirische Fallstudien präsentiert, die sich mit der Rolle unterschiedlicher sozialer und politischer Akteure für die Erzeugung von Peripherien beschäftigen. Ein weiterer Block ist noch stärker sozialen Basisprozessen in den beteiligten Regionen gewidmet. Der Schwerpunkt liegt auf der Rekonstruktion der fragmentierten und relationalen Konstruktion von sogenannten peripheralities Ein letzter Abschnitt vereinigt eine kleinere Anzahl von Beiträgen zu einer übergeordneten Diskussion zum Verhältnis von Zentren und Peripherien in Mittel- und Osteuropa.

Die theoretischen Texte spiegeln den Übergang von strukturorientierten zu akteursorientierten Perspektiven geradezu programmatisch wider. Ray Hudson resümiert zunächst bekannte neomarxistische Erklärungen von sozialräumlicher Polarisierung und ungleicher Entwicklung. Dabei bleibt die deterministische Annahme, eine Verräumlichung (spatial fix) der jeweiligen Produktionsverhältnisse würde Peripheriebildungen ausreichend erklären, auf den Industriekapitalismus beschränkt. Sie lässt zudem regional ungleiche Entwicklungen unter dem Einfluss des globalen Finanzmarktkapitalismus außen vor. John Pickles und Adrian Smith sprechen zwar zunächst allgemeine ökonomische Restrukturierungsprozesse an, gehen dann im Zuge ihrer Analyse des jüngeren ,Goldrauschs‘ in der bulgarischen Bekleidungsindustrie jedoch immer mehr zu akteursbezogenen Theoremen über. Sie zeigen auf, wie die Aktivitäten der als sweatshops organisierten, in Abhängigkeit von globalen Spielern produzierenden Unternehmen jeweils mit besonderen politischen Narrativen und Metaphern gerahmt werden. Diese Rahmungen kontextualisieren das Phänomen des emergent capitalism quasi von innen heraus, indem sie eigenwillige soziale Beziehungen und Mentalitäten im Postsozialismus als Teil der lokalen Anpassung an eine globalisierte Warenproduktion präsentieren. Judith Miggelbrink und Frank Meyer verweisen auf die Bedeutung von Diskursen und sozialen Praxisformen für die Ausgestaltung von Peripherisierungsprozessen und erläutern sie am Fall der Schrumpfungsprozesse in Ostdeutschland. Raumbezogene Zuschreibungen auf der Basis von Stigmata, Stereotypen und variablen Vorstellungsbildern werden als Gegenstände empirischer Rekonstruktion mithilfe qualitativer Methoden der Sozialforschung postuliert. Die hier entstehende individualistische Verzerrung (bias) bringt allerdings das Problem mit sich, dass ein Bezug zu größeren gesellschaftlichen Kontexten nur noch vage hergestellt werden kann. Stärker am Materiellen geerdet kommt dagegen der Beitrag von Wladimir Sgibnev und Aksana Ismailbekova daher, der auf der Basis von Henri Lefebvres theoretischen Annahmen zur sozialen Konstruktion von Raum die Machtansprüche lokaler Eliten für die Ausgestaltung peripherer regionaler Entwicklungspfade in Zentralasien thematisiert.

Dass die Aufgabe, regionale Peripherisierung und Polarisierung zu erklären, im Fall der mittel- und osteuropäischen Systemtransformation und insbesondere der im Postsozialismus entstandenen politischen, ökonomischen und sozialen Verwerfungen besonders kompliziert und anspruchsvoll sein würde, mag nicht allen Autorinnen und Autoren dieses Bandes von Anfang an in vollem Umfang bewusst gewesen sein. Die besonderen politischen Rahmungen, die beispielsweise für eine ungebremste Implementierung neoliberaler Grundsätze in risikoreiche und spannungsgeladene Strukturierungsexperimente sorgten, sind in ihren Konsequenzen für die Regionalentwicklung und zunehmende räumlichesoziale Polarisierungen in den betroffenen Ländern kaum jemals empirisch und theoretisch zufriedenstellend rekonstruiert worden. Hier den Blick stärker auf die sozialen und politischen Praxisformen zu richten und Handlungsspielräume und -anreize, Diskurse und Rhetoriken genauer zu beobachten, dürfte gerade in der derzeitigen Phase der kollektiven Verunsicherung durch globale Krisen zur aufklärerischen Funktion der einschlägigen Forschung beitragen. Aber auch Erkenntnisse zu den jeweils vorgefundenen Graden der Internalisierung von politischen Ideen, Vorstellungen (imaginaries) und sozialen Stereotypen dürften dazu beitragen, die Relationen zwischen beteiligten Akteuren und die von ihnen vorgenommenen, häufig sehr flexiblen Skalierungen des Ökonomischen – zwischen lokaler Selbstreferentialität und globaler Vernetzung – vor Augen zu bekommen.

In dieser Perspektive wird nicht nur der Prozess „Peripherisierung“, sondern auch der daraus hervorgehende Zustand klarer beschreibbar, und zwar sowohl aus der Außenperspektive als auch aus der Binnenperspektive der Beteiligten. Dieser Zustand wird übrigens von den Autoren im Englischen in einer recht selbstverständlich vorgetragenen Diktion als peripherality bezeichnet. Im Deutschen fällt es dagegen erheblich schwerer, die akteursbezogene Seite von „Peripherie“ oder „Peripheriestatus“ zu benennen. Am nächsten kommt dem englischen Begriff noch so etwas wie „Peripherie-Sein“ – sowohl als ontologische Kennzeichnung als auch als Beschreibung der Befindlichkeiten und Praxisformen der Akteure. Mit der Vorstellung von Konzepten und empirischen Arbeiten, die peripherality als soziale Praxis adressieren, erhält diese Publikation ihr besonderes Profil. Sie verdeutlicht, dass Peripherie nicht nur strukturell erzeugt oder extern zugewiesen wird, sondern auch intern produziert, gelebt und ausgestaltet wird. In diesem Sinne wird auch der Diversität von peripherality Rechnung getragen, nämlich in Form von einzelnen peripheralities, die nicht nur unterschiedliche Peripheriesituationen kennzeichnen, sondern auch soziale Konstruktionsweisen, die in unterscheidbaren Peripheriekonstrukten resultieren.

Unversehens zeigt sich in dieser veränderten Perspektive ein practice turn der sozial- und regionalwissenschaftlichen Forschung zu Peripherie(n) und Peripherisierung. Dass diese konzeptionelle Umorientierung nicht sogleich zu einem paradigmatischen Umbruch stilisiert, sondern eher bescheiden – vielleicht auch leicht ironisch – in der problembezogenen Forschungspraxis praktiziert wird, ist sympathisch und hebt sich wohltuend von der zeitgeistigen Selbstnobilitierung anderer Forschergemeinden ab, die häufig schon aus wesentlich geringeren Anlässen erfolgt. Außerdem lassen sich Empfehlungen für die politische Praxis auf eine bessere theoretische und empirische Grundlage stellen. Der veränderte Blick auf lokales politisches Handeln sowie auf Fragen der lokalen Emanzipation oder des self-empowerment dürfte dazu beitragen, die bisherigen Unterdrückungs- und Opferrhetoriken der Transformationsforschung zu relativieren. Stattdessen kann nun differenzierter nach der Verwicklung der Akteure in Machtverhältnisse, der Genese von Entwicklungsvorstellungen, dem Ausagieren politischer Antagonismen und der Gewinnung von lokaler Handlungskompetenz gefragt werden, als dies bislang der Fall war.

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