Urbane Ungleichheiten. Neue Entwicklungen zwischen Zentrum und Peripherie

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Berger, Peter A.; Keller, Carsten; Klärner, Andreas; Neef, Rainer (Hrsg.) (2014): Urbane Ungleichheiten. Neue Entwicklungen zwischen Zentrum und Peripherie. Wiesbaden – Springer VS. 281 S.

Gesellschaften wie Sozialstrukturen sind räumliche Eigenschaften inhärent. Diese Räumlichkeit ist nicht nur eine eigenständige Dimension, vielmehr, so hat es bereits der Soziologe Georg Simmel zusammengefasst, schließen Prozesse der sozialen Gliederung und der Sozialstruktur an die räumliche Ordnung an. Darüber hinaus verkörpern räumliche Strukturen wesentliche Merkmale oder Eigenschaften von Gesellschaften und Sozialstrukturen. Ungleichheitsstrukturen von Gesellschaften haben somit soziale und räumliche Dimensionen, die sich in Differenzen innerhalb von Städten, zwischen verschiedenen Städten, aber auch im Verhältnis zwischen Städten und dem ländlich geprägten Raum, in und zwischen Regionen bzw. zwischen Zentrum und Peripherie analysieren lassen. Wie das erfolgen kann und mit welchen Ergebnissen, thematisiert dieser im Anschluss an eine Tagung in Rostock im Herbst 2011 entstandene Sammelband. Mit Beiträgen aus der Ungleichheits- sowie der Stadt- und Regionalforschung werden hier zwei Themenfelder der Soziologie im Dialog festgehalten, die empirisch viele Überschneidungen und Koinzidenzen aufweisen, die aber aus den verschiedensten Gründen seltener empirisch kooperieren noch konzeptionell gemeinsam agieren.

Konkret geht es in vielen Beiträgen um die Dimensionen und Auswirkungen von Ungleichheiten in städtischen oder ländlichen Lebenswelten. Ein Tagungsband ist bekanntlich häufig eine Sammlung von Beiträgen, die nach einem „Call for Papers“ ausgewählt und von den Veranstaltenden für die Publikation geordnet werden. Die editorische Sorgfalt leisten drei der vier Herausgeber (Keller/Klärner/Neef), indem im einleitenden Kapitel ein gelungener Überblick über „Urbanen Ungleichheiten – zur gesellschaftlichen Produktion und Gestalt räumlicher Ungleichheitsstrukturen“ gegeben wird. Insbesondere die eindeutige Positionierung zu den Gründen der Verschärfung der empirisch zu konstatierenden räumlichen Ungleichheiten in Deutschland führt die Lesenden geradewegs in die gesellschaftliche Dimension dieses räumlichen Themas: „Mit der neoliberal inspirierten Demontage staatlicher Politikbereiche, mit dem langanhaltenden Trend staatlicher Deregulierung und Privatisierung, wachsender Staatsverschuldung und periodisch wiederkehrender Finanz- und Wirtschaftskrisen verzeichnen wir eine längerfristige Zunahme sozialer Ungleichheiten“. (S. 9)

Der Tagungsband ist in drei Abschnitte gegliedert: Der erste Abschnitt behandelt Zusammenhänge von sozialer und räumlicher Ungleichheit. Das Themenfeld kennzeichnet die Schnittstelle zwischen Sozialstrukturanalyse und Stadt- und Regionalsoziologie. In den fünf Aufsätzen des ersten Abschnitts werden neue Ergebnisse aus der Segregations- und Disparitätsforschung präsentiert. Der zweite Abschnitt bietet Aufsätze zu Positionen und Abgrenzungen sozialer Akteure und Gruppen innerhalb von Städten. Auch wenn der Band von den Herausgebern „Urbane Ungleichheiten“ betitelt ist, wird im dritten Abschnitt „Zentrum und Peripherie“ die klassische Diskussion zum Verhältnis von Stadt und Land wieder aufgenommen und neu akzentuiert.

Allein schon der erste Aufsatz des ersten Abschnitts verdeutlicht jedoch die Schwierigkeiten der Ordnung des Themenfeldes, da hier unterschiedliche Niveaus und Entwicklungsmuster von Einkommensverteilungen zwischen Städten und Umland bzw. dem ländlichen Raum untersucht werden. Wurde bisher die Diskussion vor allem im Hinblick auf Differenzen zwischen Ost und West geführt, zeigt die kleinräumige Analyse auf der Basis von Kreistypen, dass nicht nur die Region entscheidend ist, sondern auch der siedlungsstrukturelle Regionstyp, und das heißt eben auch: der Unterschied zwischen Stadt und Land. Die weiteren Aufsätze des ersten Abschnitts behandeln dann tatsächlich Segregation und Polarisierung in Städten in Deutschland anhand von verschiedenen empirischen Untersuchungen. Der Abschnitt wird beendet und in eine völlig andere Richtung gewendet durch eine harsche, gleichwohl fundierte Kritik der deutschen Segregationsforschung von Jens Dangschat: „Vor dem Hintergrund einer [...] langen Tradition der Ungleichheitsforschung (ca. 160 Jahre) und der Stadtsoziologie (knapp 10 Jahre) ist es verwunderlich, dass bislang weder die Ungleichheitsforschung noch die Stadtsoziologie zur gesellschaftlichen Bedeutung der Segregation konsistente empirische Ergebnisse vorlegen kann. Besonders problematisch ist zudem, dass sich die Ungleichheitsforschung in der Regel nicht mit dem (städtischen) Raum auseinandersetzt resp. bei regionalen Vergleichen von einem rein territorialen, also einem nicht soziologischen Raumverständnis ausgeht. Umgekehrt orientieren sich die Forschenden der Segregations- und Konzentrationsanalysen kaum an der Debatte über aktuelle Konzepte sozialer Ungleichheit“. (S. 118). Und so weiter und so fort – in erstaunlicher Ignoranz der Tatsache, dass gerade viele Beiträge in diesem Band diese Kluft und die damit verbundenen Defizite in Angriff nehmen.

So erfolgt dies exemplarisch auch in den Themen und Analysen in den Aufsätzen im zweiten Abschnitt – „Hierarchien und Ausgrenzungen“. Ein Beispiel für die Untersuchung räumlicher Ungleichheiten ausgehend von einem soziologischen Raumverständnis ist der Beitrag von Henriette Bertram, der urbane Ungleichheiten entlang der Kapitaltheorie Bourdieus analysiert. In den Beiträgen dieses Abschnitts werden die sozialen Akteure städtischer Segregation in den Fokus gerückt, und damit wird der urbanen Ungleichheitsforschung quasi eine mikrosoziale Ebene eingezogen.

In den drei Beiträgen des dritten Abschnitts – „Zentrum und Peripherie“ – lassen sich neue Perspektiven der Behandlung des „Ländlichen“ in der Ungleichheitsforschung entdecken. Hier werden räumliche Strukturen als Produzenten (Freizeitmöglichkeiten im ländlichen Raum versus städtische Angebote) und als Produkte (politische Erzeugung ungleicher Infrastrukturen in Stadt und Land) sozialer Ungleichheit analysiert.

Insgesamt bietet der Band eine Vielzahl von Themen, die je nach Perspektive und Forschungsinteresse an viele Aspekte und Themenfelder von „urbanen Ungleichheiten“ Anschluss finden werden. Darüber hinaus verdeutlichen Titel und Autorenschaft, dass das Feld „urbaner Ungleichheiten“ thematisch unerschöpflich ist, sich kontinuierlich vergrößert und künftig wesentlich mehr Aufmerksamkeit in der Stadt- und Regionalforschung bekommen muss und wird.

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