Apel, Dieter (2012): Landschaft und Landnutzung: Vom richtigen Umgang mit begrenzten Flächen

Markus Leibenath 1
  • 1 Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung, Weberplatz 1, 01217, Dresden, Deutschland
Dr. Markus Leibenath
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ApelDieter (2012): Landschaft und Landnutzung: Vom richtigen Umgang mit begrenzten FlächenMünchen: oekom-Verlag. 8 Tab., 176 S.

Apel, Dieter (2012): Landschaft und Landnutzung: Vom richtigen Umgang mit begrenzten Flächen

München: oekom-Verlag. 8 Tab., 176 S.

Die wissenschaftliche Literatur über Flächennutzungen und die Fülle von Positionspapieren zur Begrenzung der Flächeninanspruchnahme für Siedlungszwecke sind kaum noch zu überschauen. Es ist wohlbekannt, dass die seit Jahrzehnten andauernde Art der Flächennutzung in Deutschland nicht nachhaltig ist und welche Ursachen dafür maßgeblich sind – von der Europäischen Agrarpolitik bis hin zum Steuerrecht. Umfangreich erforscht wurden auch die negativen Effekte dieser Praxis, bspw. auf die biologische Vielfalt. All diese Probleme und Syndrome sind auf hohem, wissenschaftlichem Niveau beschrieben worden, etwa in den Gutachten des Sachverständigenrats für Umweltfragen. Die Thematik hat neuerdings zusätzliche Brisanz erhalten durch die verschiedenen, von politischen Instanzen eingeläuteten Energiewenden, mit denen die Intensität der Landnutzung und die Konkurrenz unterschiedlicher Nutzungsformen weiter verschärft wurden.

Parallel dazu haben „Landschaft“ und „Kulturlandschaft“ in der raumentwicklungspolitischen Diskussion der letzten Jahre eine gewisse Prominenz erlangt – unter anderem durch das Raumordnungsgesetz von 1998, die Leitbilder der Ministerkonferenz für Raumordnung (MKRO) von 2006 sowie diverse Arbeiten aus den raumwissenschaftlichen Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft (vgl. Matthiesen et al. (2006); Schenk et al. (2012) sowie Heft 2.2012 dieser Zeitschrift mit dem Schwerpunktthema „Konstituierung von Kulturlandschaften“).

Der Titel des Buches von Dieter Apel lässt nun vermuten, hier werde der Versuch unternommen, die oftmals getrennt geführten Diskussionen über Landschaft und nachhaltige Landnutzung zusammenzuführen. Der Autor formuliert den Anspruch, eine „fachübergreifende Sicht“ (S. 10) zu entwickeln. Er möchte zeigen, wie Landflächen richtig genutzt werden können und welche Potenziale es gibt, „geschädigte Landschaften wieder zu revitalisieren mit kräftiger Vegetation oder zu rekultivieren“ (S. 13).

Nach einem Einleitungskapitel folgen sieben gleichrangige thematische Kapitel. Vier davon sind bestimmten Flächentypen gewidmet („Wald- und Moorflächen“, „Landwirtschaftsflächen“, „Flächen zur technischen Nutzung der Sonnenenergie“ sowie „Siedlungs- und Verkehrsflächen“). Zwei Kapitel widmen sich den Querschnittsthemen „Bauen und Transport in der freien Landschaft“ und „Wasserressourcen und Landschaft“. In einem weiteren Kapitel beschäftigt sich Apel mit „renaturierbaren und rekultivierbaren europäischen Landschaften“ außerhalb Deutschlands. In den einzelnen Kapiteln werden historische Hintergründe sowie ausgewählte Zahlen und Fakten präsentiert, die oftmals direkt mit politischen Forderungen verknüpft werden. So erfährt man bspw., welche negativen Folgen die industrielle Landwirtschaft hat, welche Vorzüge Dauergrünland aufweist, dass die „grüne Revolution“ auf der Südhalbkugel „teuer bezahlt“ worden ist (S. 29), dass die Anlage von Terrassenfeldern wohl „die großartigste Kulturleistung“ der bäuerlichen Landnutzung gewesen ist (S. 31) und dass Weidehaltung besser ist als Stall-Tierhaltung. In einem Schlusskapitel wiederholt Apel noch einmal seine wichtigsten Vorschläge und Forderungen.

Der Buchinhalt bestätigt die Befürchtungen, die sich bereits beim Lesen des Untertitels einstellen: Hier schreibt jemand, der zu wissen meint, was richtig ist für das Land und für die Leute. Berücksichtigt man dann noch den Hinweis auf der Umschlagrückseite, dass der Autor beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und beim Verkehrsclub Deutschland engagiert ist, ahnt man bereits die politische Stoßrichtung. Der präskriptive Charakter des Textes und die klare Positionierung des Autors sind nicht grundsätzlich zu kritisieren. Zweifellos sind seine Zielsetzungen ehrenwert und verdienen Respekt. Apel versäumt es jedoch, die unvermeidliche Begrenztheit des eigenen Blicks zu reflektieren. Dadurch erhält das Buch eine ideologische Schlagseite, weil bestimmte Positionen verabsolutiert werden.

Der Autor lässt zentrale Vokabeln wie „Landschaft“ Undefiniert. Das hat zur Folge, dass er unhinterfragt mit einem traditionellen, konservativen und normativen Landschaftsbegriff argumentiert. Dieser Landschaftsbegriff impliziert, dass es richtige und falsche, gute und schlechte Landschaften gäbe und v. a. dass es Experten wie dem Autor zustehe, entsprechende Unterscheidungen und Werturteile zu treffen, die oftmals ästhetischer Art sind. Damit begibt sich Apel in einen Gegensatz zu einem entwicklungsoffenen Landschaftsbegriff, bei dem der Akzent nicht auf bestimmten materiellen oder visuellen Qualitäten liegt, sondern auf der gesellschaftlichen Wahrnehmung und der partizipativen Gestaltung von Landschaften. So ein Landschaftsbegriff, der unter anderem auch der Europäischen Landschaftskonvention zugrunde liegt, ist für Landschaftspolitik und Planungspraxis in einem pluralistischen, demokratisch verfassten Gemeinwesen weitaus besser geeignet.

In dem Buch werden jahrzehntealte Befunde wiederholt. Vergleichsweise neu ist die umfassende Auseinandersetzung mit erneuerbaren Energien. Zu diesem Thema, das die aktuelle raumwissenschaftliche Diskussion dominiert, sind allerdings in jüngster Zeit sehr viele Arbeiten erschienen, auf die der Autor kaum eingeht.

Kompetent und souverän geschrieben wirken die Kapitel über Städte, Bauen und Verkehr. Hier hat man den Eindruck, dass der Autor aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Wissenschaftler am Deutschen Institut für Urbanistik schöpft. Insgesamt ist die Datengrundlage des Bandes jedoch dürftig. Für eine als „Review“ konzipierte Arbeit ist das Literaturverzeichnis erstaunlich kurz. Folglich werden im Text ein ums andere Mal dieselben, nicht immer taufrischen Quellen zitiert, die nur bedingt den Stand der Forschung widerspiegeln.

Leitlinien für den „richtigen Umgang mit begrenzten Flächen“ (Titel) lassen sich aus einer individuellen, partikularen Sicht heraus leicht formulieren. Interessanter und dringlicher wäre eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Kontexten und den politischen Strategien relevanter Akteure. Dann würde vielleicht deutlich werden, warum frühere Empfehlungen für eine nachhaltigere Flächennutzung in Deutschland nicht die erhoffte Wirkung gezeigt haben. Besonders schmerzlich vermisst man solche Analysen, sobald der Autor seinen Blick auf andere Länder richtet. Beinahe beiläufig verteilt er Ratschläge, wie Italiener, Franzosen, Briten, Iren, Finnen und andere ihre Landschaften revitalisieren und renaturieren sollten. Nur am Rande sei bemerkt, dass sich der Autor im Wesentlichen auf das Gebiet der fünfzehn „alten“ EU-Mitgliedstaaten beschränkt und die Staaten Mittel- und Osteuropas ausblendet – eine Eingrenzung, die er an keiner Stelle begründet.

Das Buch lässt sich durchweg sehr gut lesen und ist streckenweise in einem journalistischen Duktus geschrieben. Dessen ungeachtet stellt sich die Frage nach der Zielgruppe: Einem Fachpublikum bietet das Werk keine neuen Erkenntnisse und erweist sich als zu oberflächlich. Laien und Studierende, die sich erstmalig mit der Thematik beschäftigen, können in dem Buch eventuell einen Überblick über die Bandbreite und einige wichtige Facetten des Themas gewinnen. Für einen solchen Leserkreis würde man sich jedoch eine ausgewogenere Darstellungsweise und eine ansprechendere Gestaltung wünschen.

So bleibt als Fazit: Ein Buch zu einem interessanten, wichtigen Thema mit vielen gut gemeinten Vorschlägen, die zu einem großen Teil altbekannt sind und denen eine klare Zielgruppenorientierung fehlt. Der Autor suggeriert mit seinen insgesamt recht knapp gehaltenen Ausführungen, es gäbe im Bereich der Landnutzung richtige und zugleich einfache Lösungen. Damit wird er der Komplexität des Themas mit seinen vielfältigen naturwissenschaftlichen, ökonomischen, rechtlichen, planerischen und politischen Querbezügen nicht gerecht.

Literatur

  • Matthiesen, U.; Danielzyk, R.; Heiland, S.; Tzschaschel, S. (Hrsg.) (2006): Kulturlandschaften als Herausforderung für die Raumplanung. Verständnisse – Erfahrungen – Perspektiven. Hannover. = Forschungs- und Sitzungsberichte der ARL, Bd. 228.

  • Schenk, W.; Kühn, M.; Leibenath, M.; Tzschaschel, S. (Hrsg.) (2012): Suburbane Räume als Kulturlandschaft. Hannover. = Forschungs- und Sitzungsberichte der ARL, Bd. 236.

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  • Matthiesen, U.; Danielzyk, R.; Heiland, S.; Tzschaschel, S. (Hrsg.) (2006): Kulturlandschaften als Herausforderung für die Raumplanung. Verständnisse – Erfahrungen – Perspektiven. Hannover. = Forschungs- und Sitzungsberichte der ARL, Bd. 228.

  • Schenk, W.; Kühn, M.; Leibenath, M.; Tzschaschel, S. (Hrsg.) (2012): Suburbane Räume als Kulturlandschaft. Hannover. = Forschungs- und Sitzungsberichte der ARL, Bd. 236.

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