Handbuch Diskurs und Raum. Theorien und Methoden für die Humangeographie sowie die sozial- und kulturwissenschaftliche Raumforschung

Markus Leibenath 1
  • 1 Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), Weberplatz 1, 01217, Dresden, Deutschland
Dr. Markus Leibenath
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  • Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), Weberplatz 1, 01217, Dresden, Deutschland
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GlaszeGeorg; MattissekAnnika (Hrsg.) (2009): Handbuch Diskurs und Raum. Theorien und Methoden für die Humangeographie sowie die sozial- und kulturwissenschaftliche RaumforschungMünster: Transcript. 334 S.

In den letzten Jahren ist in der deutschsprachigen Raum- und Umweltforschung eine zunehmende Zahl diskursanalytischer Studien erschienen. Sie beschäftigen sich unter anderem mit dem Metropolregionen-Diskurs, mit Nachhaltigkeits-Diskursen in der Stadtentwicklungspolitik oder mit verschiedenen Facetten des Klimawandel-Diskurses.

Alle diese Studien können als Ausdruck des spatial turn in den Sozial- und Kulturwissenschaften verstanden werden sowie eines linguistic oder discursive turn, der die Raumwissenschaften erfasst hat. Darin spiegelt sich ein verstärktes Interesse am Raum als einer wichtigen Einflussgröße sozialer Beziehungen und an Sprache als konstituierendem Element von Raum wider. Dieses Interesse ist vorwiegend deskriptiver Art, das heißt, es geht um die beschreibende Analyse des Wechselverhältnisses von Sprache, Raum und Gesellschaft.

Für Raumwissenschaftler mit planungs- und ingenieurwissenschaftlicher Ausbildung ist es aufwändig, sich in die diskurstheoretische Literatur einzuarbeiten und eigene Forschungsdesigns zu entwickeln. Das liegt an der speziellen Terminologie, die mitunter wie eine eigene Sprach- und Denkwelt anmutet und die nur zu verstehen ist, wenn man bereit ist, sich auf komplexe Konzepte wie den Machtbegriff Michel Foucaults einzulassen. Zum anderen liegt es an der Vielfältigkeit einschlägiger Theorien und an einer gewissen Ratlosigkeit darüber, welche Methoden in Frage kommen. Der Band von Georg Glasze und Annika Mattissek geht in zweierlei Hinsicht über andere Kompendien zur Diskursforschung hinaus und schließt daher eine Lücke: Erstens zeigen die Herausgeber und Autoren auf, wie Diskursanalysen in Verbindung mit raumbezogenen Fragestellungen eingesetzt werden können und wie Raum diskurstheoretisch konzeptualisiert werden kann. Zweitens stellen die Verfasser eine Palette konkreter Methoden vor und untersetzen diese mit zahlreichen Anwendungsbeispielen.

Das Buch ist in drei Hauptteile gegliedert: in „Theorien und Konzepte der Diskursforschung in der Humangeographie“ (A), in „Diskurstheorie und Raum“ (B) und schließlich in einen Methodenteil (C). Das Ganze wird komplettiert durch einen ausführlichen, verständlich geschriebenen Einführungsbeitrag der beiden Herausgeber.

Die Frage, wie Diskurstheorie und Raum miteinander in Einklang gebracht werden können, ist sicher eine der interessantesten, die in diesem Band behandelt werden. Letztlich ist dies eine Facette der übergreifenden Frage nach möglichen Schnittstellen zwischen Human- und physischer Geographie oder – noch allgemeiner – zwischen Gesellschaft und Raum, die sowohl in der Soziologie als auch in der Geographie in den letzten Jahren sehr intensiv diskutiert wurde. Einige Artikel in dem hier vorgestellten Band sind explizit den Raumbegriffen verschiedener Diskurstheoretiker gewidmet. Das Thema zieht sich jedoch wie ein roter Faden durch verschiedene andere Beiträge, beispielsweise den sehr interessanten Text von Anke Strüver über „Grundlagen und zentrale Begriffe der Foucault’schen Diskurstheorie“. Darin wird ein Zusammenhang zwischen neoliberalen Diskursen über Konkurrenz und Wettbewerbsfähigkeit, dem Freizeitsport und der Konstituierung urbaner Räume als Bewegungsräume dargelegt.

Die Unterscheidung zwischen der direkten Konstituierung von Räumen in Diskursen, also der expliziten Artikulation bestimmter Raum-, Stadt- oder Landschaftsbegriffe, und der indirekten diskursiven Konstituierung von Räumen, bei der raumrelevante Diskurse zu veränderten physischen Strukturen führen, wird in mehreren Beiträgen gestreift. Hier hätte sich eine ausführlichere Systematisierung und Beschreibung der unterschiedlichen Ansätze gelohnt.

Ebenfalls nur am Rande werden politikwissenschaftliche Fragen von governance und Steuerung behandelt, die aus der Perspektive der räumlichen Planung und der Planungstheorie von Interesse sind. Selbst wenn englischsprachige Autoren wie Tim Richardson, Bent Flyvbjerg, Maarten Hajer oder Yvonne Rydin sich bereits intensiv damit auseinander gesetzt haben, Diskurstheorien in der Tradition Foucaults in die Planungswissenschaft zu übertragen, so bietet der Band von Glasze und Mattissek auch in dieser Hinsicht zahlreiche lesenswerte Anregungen und Systematisierungen. Das betrifft insbesondere die Kapitel über Gouvernementalität, über Diskursanalyse als Gesellschaftsanalyse und über die Hegemonie- und Diskurstheorie von Laclau und Mouffe.

Ernesto Laclau und Chantal Mouffe sind die Namen zweier Exponenten einer poststrukturalistischen Strömung der Diskursforschung, auf die sich die meisten Autoren des Bandes beziehen. Daneben werden stellenweise einige Vertreter der so genannten kritischen Diskursanalyse berücksichtigt (Norman Fairclough, Siegfried Jäger und Jürgen Link). Dies ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer begrüßenswerten, weil eindeutigen theoretischen Positionierung der Herausgeber und Autoren. Sie hat jedoch zur Folge, dass die in Deutschland viel beachteten Arbeiten Reiner Kellers zur wissenssoziologischen Diskursanalyse nur im Einführungsbeitrag erwähnt und ansonsten ausgeblendet werden. Ohne an dieser Stelle auf die Unterschiede zwischen den Theoriegebäuden näher eingehen zu können, sei lediglich angemerkt, dass sich wissenssoziologische Verfahren der Diskursanalyse für bestimmte raumwissenschaftliche Fragestellungen durchaus sehr gut eignen können – insbesondere wegen ihres „starken“ Subjektbegriffes. Außerdem ist mit der Fokussierung auf poststrukturalistische Ansätze a la Laclau und Mouffe eine radikale Beschränkung der Methoden verbunden, weil interpretative Methoden mit den zentralen Prämissen der poststrukturalistischen Diskurstheorie nicht ohne Weiteres zu vereinbaren sind. Mithin sollte sich der Leser darüber im Klaren sein, dass er mit diesem Handbuch keinen vollständigen Überblick über alle Diskurstheorien und diskursanalytischen Methoden erhält.

Insgesamt gesehen dürfte das Potenzial von Diskursanalysen in der Raumforschung noch bei Weitem nicht ausgeschöpft sein. Diskursanalysen werden andere, etwa rational-choice-basierte Zugänge nicht ersetzen, sondern ergänzen. Dabei handelt es sich um mehr als eine Modeerscheinung, nämlich um eine Reaktion auf plurale Raumwahrnehmungen und auf sich ändernde Muster des Regierens und der Machtausübung. Blickt man beispielsweise auf das immer komplexere Geflecht der Mehrebenen-Beziehungen zwischen EU, Bund, Ländern und Kommunen, so fällt speziell mit Blick auf das Politikfeld Raumentwicklung auf, dass hier in zunehmendem Maße mit Leitbildern und dem strategischen „Besetzen“ von Begriffen (z. B. „Metropolregion“ oder „Kulturlandschaft“) gearbeitet wird. Diese Erscheinungen legen einen diskursanalytischen Zugang nahe. Auch die Dimension der Ideologie sowie Fragen ungleicher Machtverhältnisse, die in der Diskursforschung an prominenter Stelle stehen, sind bislang in der deutschsprachigen Planungstheorie kaum thematisiert und reflektiert worden.

In Anbetracht dessen ist dem durchweg sehr fundiert geschriebenen „Handbuch Diskurs und Raum“ eine weite Verbreitung zu wünschen!

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