Rezensionen

Hartmut Häußermann 1 , Gabriele Saupe 2 , Karl Ruppert 3 , and Paul Gans 4
  • 1 Berlin, German
  • 2 Potsdam, German
  • 3 München, German
  • 4 Mannheim, German
Hartmut Häußermann, Gabriele Saupe, Karl Ruppert and Paul Gans
SchrumpfendeStädte. Bd. 1: Internationale Untersuchung. Hrsg, von Philipp Oswalt. Ein Initiativprojekt der Kulturstiftung des Bundes. - Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz Verlag2004StollMichael (Hrsg.): Strukturwandel in Ostdeutschland und Westpolen. - Hannover: ARL 2004. = Arbeitsmaterial ARL Nr. 311

Schrumpfende Städte. Bd. 1: Internationale Untersuchung. Hrsg, von Philipp Oswalt. Ein Initiativprojekt der Kulturstiftung des Bundes. - Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz Verlag 2004

Die Kulturstiftung des Bundes finanziert in ihrem Projektbereich „Kunst und Stadt“ ein Großprojekt über schrumpfende Städte. Zwischenergebnisse wurden Ende 2004 auf einer Ausstellung in Berlin präsentiert, die Inhalte dieser Ausstellung sind in diesem Band zusammengefasst. Ob es sich um einen Katalog der Ausstellung oder einen Ergänzungsband oder ein zusätzliches eigenständiges Produkt des Gesamtprojekts handelt, ist aus dem Buch nicht ersichtlich. Es umfasst mehr als 700 Seiten und weist insgesamt 123 Autoren aus. Weiteren mehr als 100 Personen wird am Beginn des Buches für ihre Mitarbeit gedankt - ein Mega-Projekt also, keiner schrumpfenden Kultur zugehörig.

Allein diese Äußerlichkeiten lassen erkennen, dass es sich nicht um ein wissenschaftliches Werk im herkömmlichen Sinne handelt, sondern um eine bunte Sammlung von Texten sehr unterschiedlichen Niveaus, die um das Thema Schrumpfen kreisen. Die Texte sind in zehn Kapitel gegliedert, die den Versuch eines systematischen Aufbaus zeigen: In Kapitel 1 geht es um „Globale Schrumpfungsprozesse“, in Kapitel 2 werden „Sterbende Städte“ thematisiert, in Kapitel 3 „Wandernde Städte“. Die Kapitel 4 und 5 enthalten „Psychographien“ und „kulturelle Repräsentationen“ des Phänomens der Stadtschrumpfung, während in Kapitel 6 Nutzungen in brachfallenden Stadtteilen bzw. Gebäuden geschildert werden. Kapitel 7 widmet sich ungewöhnlichen Lebensformen in schrumpfenden Städten. Kapitel 8 bietet einige theoretische Texte zu Wachstum und Schrumpfung, Abschnitt 9 zum Problem der Planung und im abschließenden 10. Abschnitt wird die Frage nach veränderten mentalen Voraussetzungen des Umgangs mit schrumpfenden Städten gestellt. Eingestreut zwischen diese Kapitel sind Dossiers über fünf Städte, die offensichtlich das repräsentieren, was als „internationale Untersuchung! im Titel des Bandes angekündigt wird. Es handelt sich um fünf „Fallbeispiele“, bei denen verschiedene Dimensionen des Schrumpfens besonders deutlich hervortreten: Deindustrialisierung in der Region Manchester/Liverpool, Suburbanisierung im Großraum Detroit, postsozialistische Transformation in Ivanovo (Russland), Bevölkerungsschrumpfung und Alterung in Japan. Die Region Halle/Leipzig ist als ostdeutsches Beispiel hinzugefügt.

Schon die Nennung der Gebietstypen und der Schwerpunkte, um die es geht, zeigt, dass der „Untersuchung“ keine systematische Fragestellung und keine sytematische Methode zur Untersuchung der Entwicklung von Städten zugrunde liegt, sondern dass im Grunde zunächst alles gesammelt wurde, was mit „Schrumpfen“ in Zusammenhang gebracht werden kann.

Die einzelnen Dossiers bestehen jeweils aus einer Darstellung von Fakten sowie zwei oder drei zusätzlichen Texten, die auf die Geschichte oder den Zustand der Stadt bzw. der Region eingehen.

Die Veränderung der Städte sei „vor allem auch eine kulturelle Herausforderung“, schreibt die künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes in ihrem Grußwort. Ökonomische, soziale und städtebauliche Aspekte sollten nicht im Vordergrund stehen - gleichwohl sind die Beiträge, wenn man sie disziplinär einordnen will, überwiegend aus diesen Bereichen entnommen. Wer sich zum ersten Mal mit dem Phänomen einer schrumpfenden Stadt beschäftigen will, wird in diesem Buch viele Anregungen und Informationen finden; wer sich jedoch systematisch mit dem Thema beschäftigen will, wird auf andere Publikationen zurückgreifen müssen.

Natürlich ist es unmöglich, ein solches Buch adäquat zu rezensieren. Die Fülle der heterogenen Beiträge bietet feuilletonistische Streiflichter, Erlebnisberichte, regionale Analysen und auch angestrengte theoretische Beiträge - nichts grundsätzlich Neues. Weder in einem einleitenden noch in einem abschließenden Beitrag wird auch nur der Versuch unternommen, die verschiedenen Diskussionen zu bündeln oder zusammenzufassen, was der internationale Vergleich nun eigentlich ergeben hat. Das Projekt der Kulturstiftung setzt sich von bisherigen Zugängen aus Geographie, Soziologie und Ökonomie ab und entzieht sich damit auch dem Zwang zu einer systematischen Analyse. Als letzten Zweck dieses Kulturprojekts kann man eine Art Mentalitätspolitik vermuten: Schrumpfen als neues Kulturphänomen soll vertraut gemacht und in unsere Vorstellungswelt eingepflanzt werden. Das haben die soziologischen und geographischen Diskussionen zu diesem Thema seit den 1980er Jahren tatsächlich nicht vermocht.

Der Herausgeber beschreibt in der Einleitung als eine der bedeutsamsten kulturellen Änderungen, dass sich in den schrumpfenden Städten „ein dramatischer Wandel ohne lokale bauliche Eingriffe“ ergebe, dass sich neue Formen einer „schwachen Planung“ entwickeln müssten und dass neue Konzepte und Modelle einer Stadtkultur entwickelt werden müssten. Ob es auf diese Fragen kohärente und innovative Antworten geben kann, wird vielleicht die zweite Ausstellung zeigen, die für September 2005 in Leipzig angekündigt ist.

Hartmut Häußermann (Berlin)

Stoll, Michael (Hrsg.): Strukturwandel in Ostdeutschland und Westpolen. - Hannover: ARL 2004. = Arbeitsmaterial ARL Nr. 311

Pünktlich im Jahr der EU-Osterweiterung legte die AG „Strukturwandel in Ostdeutschland und Westpolen“ der LAG Berlin/Brandenburg/Mecklenburg-Vorpommern die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zu räumlichen Entwicklungsprozessen diesseits und jenseits von Oder und Neiße vor. Nach einem mehrjährigen Arbeitsund Diskussionsprozess entstand ein Sammelwerk, in dem deutsche und polnische Autoren aus Wissenschaft und Planungspraxis verschiedene Facetten dieses komplexen und komplizierten Strukturwandels beleuchten. Das weite Themenfeld wird mit insgesamt zwölf Aufsätzen auf drei Ebenen gebündelt: die europäische Perspektive, die Ebene der beiden Großräume Ostdeutschland und Westpolen und die Ebene der Wojewodschaften bzw. Planungsregionen.

Bei aller Unterschiedlichkeit im Herangehen gelingt es in allen Beiträgen, die Vielschichtigkeit und den Prozesscharakter dieses Wandels deutlich herauszuarbeiten und dort, wo es sich anbietet, die Entwicklung auch im historischen Kontext aufzuzeigen. Dadurch wird das Verständnis für die Spezifik der Entwicklung und für die Abschätzungen künftiger Prozesse östlich und westlich der Oder besser. Dem schließen sich realistische Ausblicke auf weitere gemeinsame Aufgabenstellungen an.

Der Blick auf die europäischen Zusammenhänge erfolgt durch die Einordnung in die europäische Raumentwicklungspolitik, durch die Darlegung planungspraktischer Erfahrungen und Konzepte sowie durch die Analyse wirtschaftlicher Verflechtungen (Beiträge von Selke, Dyckhoff, Stoll und Krätke). Die Grundidee einer grenzüberschreitenden Großregion zwischen den Städten Berlin - Dresden - Breslau - Posen - Stettin (Deutsch-Polnisches Haus) wird in ihrer politischen Genese beschrieben. Zugleich wird kritisch auf die Diskrepanz zwischen politischer Idee und politischpraktischer Realisierung hingewiesen sowie auf die erheblichen Wettbewerbsrückstände der Großregion gegenüber anderen Entwicklungsräumen Europas. Andererseits werden die Potenziale aufgezeigt, die durch die Entwicklung der paneuropäischen Verkehrskorridore mobilisierbar wären. Die noch unzureichend entwickelte Infrastruktur, aber auch die sozio-kulturellen Barrieren auf beiden Seiten der Grenze werden als ernst zu nehmende Entwicklungshindernisse gesehen. Unter dem Stichwort „Grenzregion im Windschatten“ werden Entwicklungstrends zu weiträumigen relationalen Wirtschaftsverflechtungen polnischer Großstadtregionen mit solchen in „Kerneuropa“ aufgezeigt, während regionale Verflechtungen im Grenzraum bzw. mit ostdeutschen Großstadtregionen als bislang unbedeutend eingeschätzt werden. Deutlich wird von mehreren Autoren die Schwäche Berlins beim Aufbau einer Metropolenfunktion für Osteuropa kritisiert und im Grenzraum beidseitig ein Mangel an Entscheidungsund Entwicklungskompetenz sowie ein Fehlen an institutioneilen Ressourcen und sozialem Kapital festgestellt. Neben diesen Entwicklungsschwächen werden allerdings auch die vielseitigen Potenziale zur Kooperation und die umfangreichen politischen Aktivitäten zur Stärkung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit herausgearbeitet (Kommunale Zusammenarbeit zwischen den Großstädten, Arbeitsstand bei INTERREG III -Projekten und den Euregios).

Im zweiten Schwerpunkt wird von deutscher und von polnischer Seite der wirtschaftliche Strukturwandel aus sektoraler Perspektive analysiert und beurteilt (Beiträge von Pawlak, Pfeiffer, Stryjakiewicz und Postlep). Wenn die Autoren das auch in unterschiedlicher Tiefe und nicht mit einheitlichem Zeithorizont machen, wird dem Leser dennoch in diesen vier Beiträgen einerseits die wechselseitige Abhängigkeit der politischen, ökonomischen und sozialen Prozesse vor Augen geführt, andererseits werden aber auch die Unterschiede im Verlauf der Transformation auf deutscher und auf polnischer Seite sichtbar, bedingt durch historische Komponenten und aktuelle Rahmenbedingungen. Das betrifft nicht nur die völlig unterschiedlichen Bedingungen und Umstrukturierungen in der Landwirtschaft, sondern auch die Schrumpfungs- und Anpassungsprozesse in der Industrie (z.B. die durchaus kontrovers diskutierten Sonderwirtschaftszonen in Polen). Die Beiträge schärfen das Verständnis für die aktuellen Problemlagen in der Grenzregion und nehmen zugleich die Illusion, dass diese zeitlich schnell zu beseitigen sind.

Mit der Darstellung von planungspraktischen Aufgaben und Problemen in den Wojewodschaften Großpolen (Wielkopolskie) und Westpommern, der Region Oderland-Spree und der deutsch-polnischen Region Odermündung wird die gesamte Thematik auf die eigentliche Umsetzungsebene heruntergebrochen (Beiträge von Jakubowski/Michalowski, Matz, Rietzei und Okon). Dabei zeigt sich, dass Arbeitsstand sowie Erfahrungs- und Problemhintergrund in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit auf deutscher und polnischer Seite doch sehr unterschiedlich sind. Von polnischer Seite wird indirekt die Schwierigkeit der Implementierung von Raumordnung und Regionalplanung in die Entwicklungspolitik der Wojewodschaften dargestellt. In beiden Aufsätzen werden sehr ausführlich die neuen planungs- und verwaltungsrechtlichen Grundlagen erläutert, die mit der Neugliederung der Wojewodschaften und der Etablierung der Selbstverwaltungsstrukturen in den Wojewodschaften und Gemeinden verbunden sind. Vor diesem Hintergrund wird auch erklärlich, dass sich die Regionalplaner auf deutscher Seite bisher vor allem auf informelle Strukturen und Aktivitäten in der Grenzregion konzentriert haben (Netzwerk Ostbrandenburg-Westpolen, Euroregion Pro Europa Viadrina). Die fehlende Passfähigkeit der politischen Strukturen beiderseits der Grenze behindert offizielle Gesprächsrunden zwischen den Regionalplanern. Dass die Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene - unterstützt durch die Regionalplanung - schneller funktionieren kann, zeigt das Beispiel aus der pommerschen Planungspraxis, wo Kommunen der Inseln Usedom und Wohin gemeinsam an einem räumlichen Strukturkonzept und an Einzelprojekten arbeiten.

Der Sammelband ist insgesamt eine Bereicherung des wissenschaftlichen Fundus zu den Transformationsund Entwicklungsproblemen in der deutsch-polnischen Grenzregion. Der Blick wird auf wesentliche Entwicklungslinien und räumliche Differenzierungsprozesse gelenkt, aber auch politische Handlungserfordernisse werden deutlich gemacht. Es ist gut zu wissen, dass diese Darlegungen zur Situation in den beiden Nachbarländern mit der Veröffentlichung der Ergebnisse aus der AG „Chancen der EU-Osterweiterung für Ostdeutschland“ eine Fortsetzung finden und zugleich Erweiterung erfahren sollen.

Gabriele Saupe (Potsdam)

Institut für Länderkunde (Hrsg,): Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland. Bd. 8: Unternehmen und Märkte. Mitherausgegeben von H.-D. Haas, M. Heß, W. Klohn, H.-W. Windhorst. - Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag 2004. 194 S., Karten, Diagramme, Fotos

„Auch wenn im Internet selbst der entfernteste Punkt der Welt nur ein Mausklick entfernt ist, auch wenn die Fortschritte in der Telekommunikation räumliche Distanzen schmelzen lassen, ist unternehmerisches Handeln doch nach wie vor an einen Ort gebunden und durch räumliche, manchmal auch klein-räumliche Gegebenheiten geprägt“ (M. Huber NZZ 144/2009).

Unter dem Einfluss der Entwicklung elektronischer Medien erfährt die Raumgebundenheit menschlichen Handelns bisweilen nicht die gebührende Beachtung. Aber selbst Verwaltungsfachleute bestätigen, dass ca. 80-90 % ihrer Entscheidungen einen räumlichen Bezug aufweisen. So liegt es auf der Hand, dass Karten zur Aufbereitung und Vermittlung von Informationen eine unverzichtbare Hilfestellung leisten können. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die Verwendung thematischer Karten. Das Erscheinen des Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland ist daher nicht nur eine erfreuliche Bereicherung geographischer Literatur von hoher wissenschaftlicher Qualität, sondern es bedeutet auch die Schließung einer schon lange von Wissenschaft und Praxis als sehr bedauerlich empfundenen Lücke.

Innerhalb der gängigen Nationalatlanten nimmt dieses Werk zweifellos eine Sonderstellung ein, sowohl im Hinblick auf den beabsichtigten Umfang, die Vielzahl der beteiligten Autoren, die Mannigfaltigkeit der Themenauswahl als auch bezüglich textlicher Gestaltung und Art der Darstellung. Die „klassische“ Form der Atlanten wird erweitert, was durch die großzügige Beigabe von Texten, Diagrammen und Fotos zum Ausdruck kommt und durchaus anregend für die Weiterführung wissenschaftlicher Diskussionen wirken kann.

Das insgesamt auf zwölf Bände ausgelegte Werk, von dem bisher neun Bände erschienen sind, soll bis 2006 komplett vorliegen. Auf Band 8 „Unternehmen und Märkte“, einen zentralen Teil wirtschaftsgeographischer Fragestellungen, wird hier näher eingegangen.

Unter der sachkundigen Leitung zweier Mitherausgeberteams, H.-D. Haas & M. Heß vom Institut für Wirtschaftsgeographie der Universität München und W. Klohn & H.-W. Windhorst von der Hochschule Vechta, werden die Beiträge Dutzender kompetenter Autoren zwischen Einleitung und Anhang in sieben Kapiteln nach folgenden Themenkreisen geordnet:

  1. Standortbedingungen wirtschaftlicher Tätigkeit
  2. Unternehmensstrukturen und Unternehmensorganisation
  3. Innovation, Technologie und ökonomische Milieus
  4. Regionalwirtschaftliche Strukturen und Wirtschaftsraumtypen
  5. Märkte und Logistik
  6. Umwelt und Nachhaltigkeit in der Wirtschaft
  7. Wirtschaft und Politik.

Die normalerweise in einem Atlaswerk nicht erwartete Breite der Materialdarbietung - allein 63 Unterpunkte füllen die o. a. Kapitel - erlaubt an dieser Stelle kein detailliertes Eingehen auf die einzelnen Spezialthemen. Der weite Bogen reicht z. B. von der Betrachtung „Sonderkulturenspezielle Formen intensiver Landnutzung“ bis „Wissensintensive unternehmerische Dienstleistungen“, von „Auf dem Börsenparkett“ bis zur „Musikwirtschaft - räumliche Prozesse in der Rezession“. Unter Verwendung verschiedener Kartenformate, Diagramme und Fotos und recht abwechslungsreich gestaltet, werden von guter Sachkenntnis getragene Texte vorgelegt, die dem Nutzer Einblicke in wirtschaftsgeographische Raummuster der BRD gewähren. Erklärungen für weniger gebrauchte Begriffe und Angaben zur Merkmalsauswahl werden im Text deutlich hervorgehoben. Die Beigabe eines umfangreichen Anhangs mit einem Hinweis auf kartographische Leitfarben, Abkürzungs- und Quellenverzeichnis registriert der an Einzelfragen speziell Interessierte dankbar. Es erlaubt nicht nur das tiefere Eindringen in die dargestellte Materie, sondern lässt bisweilen auch den „Standort“ des Autors erahnen. Der Atlas wird zu einem brauchbaren Arbeitsinstrument.

Bei aller fakten- und facettenreichen Darstellung bleiben für den Rezensenten einige Fragen. Selbst wenn man die Aufnahme der Land- und Forstwirtschaft in diesen Band akzeptiert, ist nicht leicht einzusehen, warum die mit diesem Wirtschaftssektor verbundenen Texte auf die Einleitung und fünf weitere Kapitel verteilt werden müssen. Vermutlich haben die (Haupt)Herausgeber (vgl. Vorwort S. 9) diese Problematik schon erahnt. Auch die Verwendung des sinnwidrigen Begriffs „Flächenverbrauch“ - schon gar auf eine raumprägende Wirkung der Landwirtschaft bezogen (S. 9) - kann nicht akzeptiert werden. Bei manchen der insgesamt sehr kenntnisreichen Texte wäre ein stärkerer Bezug zur entsprechenden Karte wünschenswert. Gelegentlich fragt man sich nach der Begründung für die unterschiedlichen Formate der Karten. Viele Fotos (auch ein Filmplakat) könnten ohne Informationsverlust entfallen; sie sind wohl nur als Anreiz für breitere Käuferschichten gedacht. Kartographisch verbesserungsfähig sind sicher die Seiten 83, 125 und 137. Einzelne Darstellungen auf Länderbasis könnten platzsparend und für den Nutzer präziser informierend durch Tabellen ersetzt werden.

Wer häufiger mit Praktikern zu tun hat weiß, dass zu viel Merkmale in einer Signatur vereint nicht nur schwer lesbar sind, sondern nicht selten ohne die gewünschte Interpretation oder sogar unbeachtet bleiben. Eine problemorientierte Typenbildung kann dann u. U. weiterhelfen. Oder ist dies, wie auch die insgesamt zurücktretende Aufmerksamkeit für funktionale Raumbildungen zugunsten reiner Standortdarstellungen, vielleicht ein Spiegel mangelnder Wertschätzung der Synthesebildung in der heutigen Geographie?

Die wenigen kritischen Bemerkungen schmälern aber keinesfalls den Wert dieses hervorragenden Werks. Dankbar nimmt man auch die hohe drucktechnische Qualität zur Kenntnis sowie das Bemühen um die Verwendung möglichst gegenwartsnahen Datenmaterials. Aktualisierungswünsche werden wie bei allen Nationalatlanten früh genug laut werden, wenn Möglichkeiten zur Laufendhaltung fehlen.

Für ein breites Publikum hat dieses Werk den Vorteil, dass nunmehr raumrelevante Strukturen und Prozesse nachvollzogen werden können, die die neuen und alten Bundesländer unterschiedlich betreffen, aber auch zur Angleichung führen. In Verbindung mit der Benutzung anderer Bände wird sich dem Betrachter, gerade unter Hinzuziehung anthropogener Fakten im Band 4 „Bevölkerung“, sicher ein vertieftes Raumverständnis erschließen.

Insgesamt handelt es sich um ein repräsentables Werk nationaler Selbstdarstellung und außerordentlich vielseitiger regionaler und sachbezogener Information über die Bundesrepublik Deutschland, das weit über die Geographie hinaus Beachtung und Verwendung finden wird.

Prof. Dr. Karl Ruppert (München)

Erika Spiegel (Hrsg.): Landesentwicklung bei Bevölkerungsrückgang - Auswirkungen auf die Raum- und Siedlungsstruktur in Baden-Württemberg. Räumliche Konsequenzen des demographischen Wandels, Teil 3. - Hannover: Akademie für Raumforschung und Landesplanung 2004. = Arbeitsmaterial ARL Nr. 310

Angesichts der grundlegenden Herausforderungen des demographischen Wandels sowie der Komplexität seiner Auswirkungen auf Raumentwicklung und -politik hat die ARL die Verbundforschung intensiviert und mehrere Forschungsgruppen mit aufeinander abgestimmten räumlich-demographischen Fragestellungen betraut. Die vorliegende Publikation fasst die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe der Landesarbeitsgemeinschaft Baden-Württemberg zusammen. Der einführende Beitrag gibt einen Überblick über die Ausgangssituation der Bevölkerungsentwicklung in Baden-Württemberg. Die Autorin und Leiterin der Arbeitsgruppe, Erika Spiegel, hebt die Herausforderungen des demographischen Wandels für Politik, Verwaltung und räumliche Planung hervor, insbesodere bezüglich der Änderungen in der Altersstruktur, des wachsenden Anteils von Einwohnern mit Migrationshintergrund und der zunehmenden räumlichen Differenzierung der Bevölkerungsentwicklung. Anschließend fasst ein Rückblick die Auseinandersetzung der Raumforschung mit der Bevölkerungsentwicklung zusammen und leitet über zu den ausgewählten thematischen Schwerpunkten, die in den nachfolgenden sieben Beiträgen behandel werden.

In einem ersten Block werden einzelne sektorale Auswirkungen der zukünftigen Bevölkerungsentwicklung vorgestellt. Grundlegend hierzu ist der Beitrag von Susanne Dahm, die in einem ersten Teil die Einwohnerentwicklung des Landes seit 1950 bis 2002 bzgl. der natürlichen wie räumlichen Bevölkerungsbewegungen darstellt. Von besonderem Interesse ist dabei die Auseinanderentwicklung auf kommunaler Ebene: Gemeinden mit rückläufigen Einwohnerzahlen Ende der 1990er Jahre konzentrieren sich in Nordbaden, im Hochschwarzwald und auf der Schwäbischen Alb. Die Vorausberechnungen bis 2020 auf regionaler Ebene verweisen zwar auf einen späteren Rückgang der Bevölkerungsentwicklung in Baden-Württemberg als in anderen Ländern, doch sind die wachsenden Herausforderungen bei der Integration von Migranten aus dem nicht-europäischen Ausland zu bedenken, die wachsende Konkurrenz der Kommunen um Einwohner sowie die negativen Konsequenzen für die Finanzsituation und Auslastung von Infrastrukturen der Gemeinden.

Es folgt ein Beitrag mit den Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt. Die Autorin Erika Spiegel setzt sich zunächst allgemein mit Vorausberechnungen zum zukünftigen Wohnungsbedarf auseinander. Die Ausführungen geben einen guten Einblick in die Problematik von Aussagen über die zukünftige Wohnungsnachfrage, hängt sie doch von ökonomischen Bedingungen, vom sozialen Wandel, von Präferenzen der Haushalte, vom Lebensstandard und auch von der Situation der sozialen Sicherungssysteme ab.

Der dritte Beitrag mit sektoralem Schwerpunkt befasst sich mit den Konsequenzen des demographischen Wandels für die Ver- und Entsorgungssysteme. Der Autor Hans-Peter Tietz geht zunächst auf die Wechselbeziehungen zwischen der Netzinfrastruktur auf der einen und der räumlichen Bevölkerungs- und Arbeitsplatzentwicklung auf der anderen Seite ein. Aus diesen Interdependenzen leitet er unter Berücksichtigung des räumlich differenzierten demographischen Wandels neun Thesen zur Entwicklung der Ver- und Entsorgungssysteme ab.

In einem zweiten Block behandeln weitere drei Beiträge die Folgen des demographischen Wandels in ausgewählten Regionen und konzentrieren sich mit diesem räumlichen Bezug auf eine querschnittsorientierte Betrachtung. Im Hinblick auf die sektoralen Schwerpunkte Arbeits- und Wohnungsmarkt waren die Regionen Rhein-Neckar-Odenwald (Autor: Christian Specht) und Ostwürttemberg (Autor: Thomas Eble) besonders geeignet: Erstere hat schon längere Zeit Probleme mit einem schwierigen Strukturwandel und profitiert nur begrenzt von der positiven Entwicklung zwischen Heidelberg und Walldorf mit SAP. Auch Ostwürttemberg als stärker ländlich geprägter Raum ist gegenüber den anderen Regionen in Baden-Württemberg eher benachteiligt. Die dritte ausgewählte Region Heilbronn-Franken (Autor: Ekkehard Hein) nimmt in den meisten entwicklungsrelevanten Sektoren eine Spitzenstellung innerhalb des Landes ein.

Alle drei Fallbeispiele sind von folgenden Charakteristika geprägt:

  1. Kleinräumige Unterschiede kennzeichnen die Bevölkerungsentwicklung.
  2. Die Zunahme der Einwohnerzahlen ist an Wanderungsgewinne gebunden.
  3. Die Alterung ist in allen Teilräumen zu beobachten.
  4. Die Tendenz zur Zersiedelung setzt sich weiter fort.
  5. Die Disparitäten innerhalb der Regionen verstärken sich.
  6. Nicht-demographische Faktoren wie die Wirtschaftsstruktur, die Lage und verkehrsmäßige Erreichbarkeit der Gemeinden haben einen großen Einfluss auf die zukünftige Bevölkerungsentwicklung.

Die Autoren unterbreiten z. T. Vorschläge, wie die Regionalplanung auf die räumliche Bevölkerungsentwicklung reagieren könnte. Möglich wären eine Stärkung der dezentralen Konzentration durch Innenentwicklung, um der Zersiedelung entgegenzuwirken und gleichzeitig ein flächendeckendes Infrastrukturangebot aufrechtzuerhalten, sowie eine Weiterentwicklung des regionalplanerischen Instrumentariums, insbesondere der interkommunalen Kooperation. Zudem wird deutlich, dass in allen Regionen die zukünftige Bevölkerungsentwicklung vermehrt als Problem sowohl in quantitativer wie vor allem in qualitativer Hinsicht wahrgenommen wird und dass sich die Regionalplanung stärker als bisher auf die grundlegenden Trends des demographischen Wandels orientieren muss. Dieses Thema greift der Beitrag von Gottfried Schmitz zur Anpassung der raumplanerischen Instrumente an die Veränderungen der Bevölkerungsentwicklung auf. Den Kern der Ausführungen bilden Handlungsempfehlungen für die Regionalplanung, bezogen auf Konzepte, Verfahren, Umsetzung und Kontrolle.

Der vorliegende Band ergänzt bisherige Publikationen der ARL. Denn Baden-Württemberg ist bis 2020 nicht von einem Bevölkerungsrückgang betroffen und hebt sich gegenwärtig noch positiv von Problemen ab, wie sie sich zum Beispiel in den neuen Ländern stellen. Doch ist auf lokaler Ebene schon heute eine Auseinanderentwicklung zu erkennen, die sich in Zukunft eher verschärfen wird und auf die es im Sinne der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse zu reagieren gilt. Dabei stehen Fragen der Siedlungsstruktur im Fokus; sie bildet die Basis der Versorgungssysteme von Gütern und Dienstleistungen für die Bevölkerung. In diesem Zusammenhang bestätigen die Beiträge die Bedeutung des Zentrale-Orte-Systems. Allerdings hat eine Verringerung der Zahl der Zentren als Anpassung an die zukünftige Bevölkerungsentwicklung durchaus Auswirkungen auf die Lebensqualität weniger mobiler Menschen. Hier gilt es, das Angebot von Infrastruktur möglichst zu mobilisieren. Konkrete Maßnahmen, wie z.B. Kommunen auf die Auswirkungen des demographischen Wandels reagieren könnten, fehlen in den meisten Beiträgen - dies war auch nicht das Ziel. Die Ausführungen geben jedoch Grundlageninformationen, die eine Plattform für die Regional- und Kommunalplanung sein können.

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