Gamper, Michael/Mayer, Ruth (Hrsg.) (2017): Kurz & Knapp. Zur Mediengeschichte kleiner Formen vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Bielefeld: transcript (= Edition Kulturwissenschaft; 110)

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GamperMichael/MayerRuth (Hrsg.) (2017): Kurz & Knapp. Zur Mediengeschichte kleiner Formen vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Bielefeld: transcript (= Edition Kulturwissenschaft; 110)

In einer Gegenwart technischer wie sozialer Beschleunigung und fortschreitender Digitalisie-rung werden auch die medialen und kulturellen Formen und Formate kleiner, kürzer und knapper, um schneller produziert, distribuiert und rezipiert werden zu können. So weit, so banal – und nur die halbe Wahrheit, wenn man die Vorgeschichte dieser Entwicklung außer Acht lässt. Genau hier setzt der Band Kurz & Knapp. Zur Mediengeschichte kleiner Formen vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart an, der auf eine Tagung an der Leibniz-Universität Hannover im Juli 2015 zurückgeht und nun von Michael Gamper und Ruth Mayer in der Reihe Edition Kulturwissenschaft bei transcript herausgegeben wurde.

In ihrer sehr umsichtigen und lesenswerten Einleitung definieren Gamper und Mayer kurze und knappe Formen als „Ausdruck und Katalysator einer Kultur der Aktualität und Gegenwärtig-keit“ (9), die sich im 17. Jahrhundert „mit der Entwicklung eines […] transnationalen Pressewesens, mit der Formation globaler Öffentlichkeiten und Märkte, mit der wissenschaftlichen Professionali-sierung und mit der Herausbildung neuer Medien-technologien“ (17) konstituiert und seitdem dyna-misiert. Dieser historisierende Zugriff wird von der Annahme flankiert, dass kurzen Formen in besonderer Weise das Potenzial innewohnt, „Erzählen und Wissen wirkmächtig zu verlinken“ (18). Es gilt demzufolge, Kurzformen nicht nur anhand ästhetischer Kategorien, sondern dezidiert auch mit Blick auf ihre „kulturelle […] Valenz“ und ihren „medialen Status“ (11) zu analysieren.

Erfreulicherweise gelingt es den 17 als exemplarische Fallstudien angelegten Aufsätzen auf überzeugende Art und Weise, diesem Anspruch aus verschiedenen Disziplinen heraus – den Philologien, aber auch Medien- und Filmwissenschaft sowie (Wissenschafts-)Geschichte – gerecht zu werden. Das vielleicht beste Beispiel dafür ist der Beitrag Lisa Gottos über Smartphone-Filme als „Micro Movies“, der nicht nur die methodische Programmatik des Bandes stringent umsetzt, sondern auch seiner stilistischem Brillanz wegen besondere Anerkennung verdient. Die Kölner Filmwissenschaftlerin verortet die ‚Filmchen‘ im Konnex von „mediale[r] Mobilität und mobile[r] Medialität“ (349) und beschreibt, wie sie im Sinne einer „volatile[n] Visualität“ (361) nicht weniger als „eine neue, kaleidoskopartige Struktur der Sichtbarkeit“ (366) ermöglichen und etablieren.

Die Texte in Kurz & Knapp werden insgesamt in ihrer klugen Auswahl der Vielgestaltigkeit des disparaten Themenbereichs gerecht: von Apo-phthegmata der Frühen Neuzeit (Maren Jäger) zum Twittern als sozioliterarische Praxis (Johan-nes Paßmann), von Augenblicksbildern bei Kleist, Fénéon und Kluge (Michael Homberg) zur kurzen Form bei Don DeLillo (Laura Bieger), von Berich-ten über Vergiftungen in wissenschaftlichen Periodika um 1850 (Bettina Wahrig) bis hin zu Adolf Loos’ architekturtheoretisch-kulturkritischer Prosa (Hans-Georg von Arburg) oder Formeln als Wissensfiguren (Magdalena Gronau), um nur einige Beispiele zu nennen. Der Mehrwert dieser bemer-kenswert breiten Aufstellung wäre allerdings gering, lieferten die Beiträge keine differenzierten und präzisen Einsichten, genau darin liegt jedoch ohne Ausnahme ihre Stärke. Das macht Kurz & Knapp zu einer gewichtigen Neuerscheinung zum gegenwärtig in den Kulturwissenschaften sehr präsenten Thema ästhetischer und medialer Klein-heit.1 Dem Band gelingt es, im Querschnitt durch fünf Jahrhunderte unterschiedlichste Akteure und Konfigurationen, Mechanismen und Effekte im Feld medialer Miniaturen zu profilieren und so dessen Konturen und Zeitschichten sichtbar zu machen. Für weitere Untersuchungen bietet er deshalb eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten und Impulsen.

Footnotes

1Vgl. etwa das DFG-Graduiertenkolleg 2190 Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen, das 2017 an der HU Berlin seine Arbeit aufgenommen hat, sowie: Althaus, Thomas/Bunzel, Wolfgang/Göttsche, Althaus, Thomas/Bunzel, Wolfgang/Göttsche, Dirk (Hgg.) (2007): Kleine Prosa. Theorie und Geschichte eines Textfeldes im Literatursystem der Moderne. Tübingen: Niemeyer. Autsch, Sabine/Öhlschläger, Claudia/Süwolto, Leonie (Hgg.) (2014): Kulturen des Kleinen. Mikroformate in Literatur, Kunst und Medien. Paderborn: Wilhelm Fink; Fromholzer, Franz/Mayer, Mathias/Werlitz, Julian (Hgg.) (2017): Nanotextua-lität. Ästhetik und Ethik minimalistischer Formen. Paderborn: Wilhelm Fink. (= Ethik – Text – Kultur; 13).

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