Book Review: Sturm, Cindy (2019): Klimapolitik in der Stadtentwicklung: Zwischen diskursiven Leitvorstellungen und politischer Handlungspraxis Bielefeld: transcript Verlag. 249 Seiten

Dr. Markus Leibenath 1
  • 1 Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung, Weberplatz 1, 01217, Dresden, Deutschland
Dr. Markus Leibenath
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Das Thema Klimawandel hat im Jahr 2019 eine bis dahin ungekannte mediale und politische Präsenz erlangt – nicht zuletzt dank der Aktivität von „Fridays for Future“, Greta Thunberg, Rezo und vielen anderen Akteuren, aber auch als Reaktion auf immer neue extreme Wetterereignisse. So gesehen ist Cindy Sturms Buch „Klimapolitik in der Stadtentwicklung“ genau im richtigen Moment erschienen. Die in der deutschen Politik immer hitziger geführten Auseinandersetzungen über geeignete politische Strategien zeigen, dass die eigentlichen Aushandlungsprozesse gerade erst beginnen. Städte stehen dabei im Zentrum des Interesses, weil sie in besonderer Weise vom Klimawandel betroffen sind und weil sie wichtige Beiträge zum Klimaschutz leisten können. Aber wie gehen sie mit diesen Herausforderungen um? Wie ist zu erklären, dass bundespolitische Impulse auf kommunaler Ebene ganz unterschiedlich aufgegriffen werden? Welche Steuerungsformen und Machtmechanismen sind dabei zu beobachten?

Cindy Sturm adressiert diese Forschungslücken, indem sie zwei Großstädte, die sich im Hinblick auf ihre Klimapolitiken stark unterscheiden, miteinander vergleicht: Hier Münster, die vielfach ausgezeichnete „Klimahauptstadt“ Deutschlands, die seit Jahrzehnten als Best-Practice-Beispiel kommunalen Klimaschutzes gilt; dort Dresden, wo der Klimawandel in der Kommunalpolitik erst seit wenigen Jahren und auch eher zögerlich thematisiert wird, obwohl die Stadt beispielsweise 2002 und auch mehrfach danach schwere Hochwasserereignisse erlebt hat. Die Autorin ist dabei keine unbeteiligte Außenseiterin, sondern gibt sich im erfrischend offen geschriebenen Kapitel über ihre „eigene Positionalität im Forschungsprozess“ als gebürtige Dresdnerin zu erkennen.

Das Buch basiert auf poststrukturalistischen Forschungsansätzen, die auch in dieser Zeitschrift bereits mehrfach thematisiert worden sind (Leibenath/Otto 2012; Weber/Kühne 2016; Lintz 2017; Leibenath 2019). Dabei wird zum einen ein bestimmtes Verständnis von Diskurs genutzt, um zu untersuchen, wie Wirklichkeit über Sprache und Praktiken ‚gemacht‘ wird, und den Fokus auf die Verschränkung von Wissen und Macht zu richten. Zum anderen stützt sich Cindy Sturm auf die sogenannte Gouvernementalitäts-Perspektive. Damit lenkt sie den Blick darauf, wie politische Handlungserfordernisse konstruiert und Gegenstände des Regierens als solche sichtbar gemacht werden, welche normativen Vorstellungen (oder Rationalitäten) damit einhergehen und welche Rollenmuster und Identitäten sich daraus ergeben. Dabei ist häufig von „Technologien“ die Rede, und zwar in einem ungewohnten Zusammenhang: Technologien des Regierens und Technologien des Selbst. Durch Erstere wird das Individuum in spezifischer Weise angerufen und bestimmten Rollenmustern und Verhaltensweisen unterworfen. Letztere bestehen aus Praktiken, mit denen das Individuum an sich arbeitet, um gesellschaftlichen Rollenerwartungen gerecht zu werden oder aber sich diesen zu widersetzen.

Das Buch besteht aus drei Hauptteilen, die von einem einleitenden Überblickskapitel und einem Fazit gerahmt werden. Im ersten Teil gibt die Autorin einen Überblick über den Stand der Forschung und den gewählten theoretischen Zugang. Im zweiten Teil präsentiert sie die Fallstudien-Städte und erläutert ihre Untersuchungsmethodik. Sie kombiniert quantitative und qualitative Verfahren. Statistische textanalytische Methoden dienen dazu, eine umfangreiche Sammlung bundespolitischer Texte zu Klima und Stadtentwicklung sowie von Stadtratsbeschlüssen und anderen Dokumenten aus den Städten auszuwerten, beispielsweise hinsichtlich der Häufigkeit einzelner Schlüsselwörter. Qualitativ werden hingegen die Interviews ausgewertet, die die Autorin mit Politikerinnen und Politikern, Verwaltungsmitarbeiterinnen und ‑mitarbeitern sowie zivilgesellschaftlichen Akteuren geführt hat. Im dritten Hauptteil werden die so gewonnenen Ergebnisse vorgestellt, und zwar unter folgenden Gesichtspunkten: „Wandel diskursiver Rahmungen um Klima in bundespolitischen Stadtentwicklungsdiskursen“, prioritäre „Problematisierungen und Sichtbarkeiten […] in den stadtentwicklungspolitischen Diskursen Dresdens und Münsters“, „Wahrnehmungen von Handlungsspielräumen im städtischen Klimaschutz“ sowie schließlich „Technologien [des Regierens]“.

Das Buch fördert eine Fülle von Erkenntnissen zutage, die vor allem in der Gesamtschau ein tieferes Verständnis der Politikfelder Klimaschutz und Stadtentwicklung und ihres Zusammenspiels ermöglichen. Cindy Sturm arbeitet heraus, dass in den Veröffentlichungen des für Stadtentwicklung zuständigen Bundesministeriums vor allem die Handlungskompetenz der Städte betont wird, aber weniger die gesetzgeberischen und finanziellen Möglichkeiten des Bundes. Die Städte werden in die Pflicht genommen, den Ausstoß von Treibhausgasen mit Mitteln der Stadtplanung und Stadtentwicklung zu verringern und gleichzeitig die notwendigen Anpassungen an den Klimawandel zu vollziehen. Die betrachteten Städte gehen jedoch unterschiedlich damit um. Die Autorin beschreibt, wie Politik und Verwaltung in Münster diese Zuschreibung von Verantwortlichkeit aufgreifen und über Informations- und Werbekampagnen an die Bürgerinnen und Bürger weitergeben. Ganz anders dagegen in Dresden, wo die Umweltverwaltung eher im Stillen daran arbeite, das vorhandene System der Kraft-Wärme-Kopplung (Fernwärme) auszubauen und den Anteil erneuerbarer Energien zu erhöhen. In der Öffentlichkeit kommuniziere die Dresdner Stadtverwaltung ungern darüber – oder zumindest nicht in Verbindung mit dem Begriff „Klimaschutz“. Cindy Sturm erklärt das unter anderem damit, dass in Dresden während der 1990er-Jahre die Verbesserung der örtlichen Umweltqualität im Vordergrund gestanden habe und dass es hier starke politische Kräfte gebe, die den menschlichen Einfluss auf das Klima bezweifeln. Ferner ist sie in den Interviews auf Aussagen gestoßen, denen zufolge viele Bürgerinnen und Bürger der früheren DDR mit Ablehnung auf Appelle und andere, mehr oder weniger subtile Versuche der Verantwortungsübertragung und der Verhaltensbeeinflussung reagieren, zumindest wenn sie im Kontext des Klimaschutzes stehen. In Münster hingegen habe sich das umwelt-, energie- und klimapolitische Engagement von Bürgerschaft, Politik und Verwaltung seit den 1980er-Jahren zu einem nicht mehr hinterfragten Aspekt der kollektiven Identität entwickelt und werde in Image-Kampagnen offensiv kommuniziert.

Cindy Sturm hat mit diesem Buch, das auf ihrer Dissertation beruht, ein theoretisch und methodisch anspruchsvolles Werk zu einem hochaktuellen Thema vorgelegt. Die Arbeit ist klar gegliedert. Dadurch, dass die Autorin die erkenntnisleitenden Fragen immer wieder in Erinnerung ruft, alle größeren Abschnitte mit einem Zwischenfazit beendet und in einem flüssigen Stil schreibt, ist der Text gut zu lesen. Im Ergebnisteil irritiert die Kombination quantitativer und qualitativer Ergebnisse manchmal ein wenig. Außerdem wäre eine differenziertere Auseinandersetzung mit so komplexen und in sich widersprüchlichen Begriffen wie „Neoliberalismus“ wünschenswert gewesen. Wenn Cindy Sturm beispielsweise den Widerstand vieler Dresdner gegen vermeintlich neoliberale Regierungstechnologien mit den Erfahrungen aus der DDR-Zeit begründet, drängen sich überraschende Fragen auf, die in diesem Buch nicht beantwortet werden können: Welche Gemeinsamkeiten gab es zwischen dem real existierenden Sozialismus und den verschiedenen Spielarten des Neoliberalismus? Welche Rolle haben aktivierende und das Individuum in die Verantwortung nehmende Regierungstechnologien in der DDR gespielt?

Unter dem Strich ist „Klimapolitik in der Stadtentwicklung“ ein innovatives, informatives und insgesamt sehr gelungenes Buch, das ich nicht nur Sozialgeographinnen/-geographen und sozialwissenschaftlich orientierten Raumforscherinnen und Raumforschern empfehle, sondern das auch Akteure aus den Bereichen Stadtentwicklung und Klimapolitik mit Gewinn lesen können.

Literatur

  • Leibenath, M. (2019): Berufliche Identitäten von Regionalplanern im Kontext der Windenergienutzung: eine poststrukturalistische Perspektive. In: Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning 77, 2, 165-180.

    • Crossref
    • Export Citation
  • Leibenath, M.; Otto, A. (2012): Diskursive Konstituierung von Kulturlandschaft am Beispiel politischer Windenergiediskurse in Deutschland. In: Raumforschung und Raumordnung 70, 2, 119-131.

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  • Lintz, G. (2017): Foucault statt Fürst? Gedanken zu einem an Bedeutung gewinnenden Paradigma. In: Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning 75, 4, 319-325.

    • Crossref
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  • Weber, F.; Kühne, O. (2016): Räume unter Strom. Eine diskurstheoretische Analyse zu Aushandlungsprozessen im Zuge des Stromnetzausbaus. In: Raumforschung und Raumordnung 74, 4, 323-338.

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  • Leibenath, M. (2019): Berufliche Identitäten von Regionalplanern im Kontext der Windenergienutzung: eine poststrukturalistische Perspektive. In: Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning 77, 2, 165-180.

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  • Leibenath, M.; Otto, A. (2012): Diskursive Konstituierung von Kulturlandschaft am Beispiel politischer Windenergiediskurse in Deutschland. In: Raumforschung und Raumordnung 70, 2, 119-131.

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  • Weber, F.; Kühne, O. (2016): Räume unter Strom. Eine diskurstheoretische Analyse zu Aushandlungsprozessen im Zuge des Stromnetzausbaus. In: Raumforschung und Raumordnung 74, 4, 323-338.

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