Book Review: Düwel, Jörn; Gutschow, Niels (2019): Ordnung und Gestalt. Geschichte und Theorie des Städtebaus in Deutschland 1922 bis 1975. Berlin: DOM publishers, 590 Seiten

Heiderose Kilper 1
  • 1 ehemals Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS), Flakenstraße 29-31, 15537, Erkner, Deutschland
Prof. Dr. Heiderose Kilper
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  • ehemals Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS), Flakenstraße 29-31, 15537, Erkner, Deutschland
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Die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL) wird im Jahr 2022 einhundert Jahre alt. Wie die derzeitige Präsidentin in ihrem Geleitwort ausführt, war dies Anlass, um mit der vorliegenden Publikation die Geschichte der DASL aufzuarbeiten, und zwar unter dem dreifachen Anspruch, „sich ihrer wechselhaften Geschichte zu vergewissern, die Gegenwart besser zu ergründen und Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln“ (S. 6). Damit wird das Gründungsziel der Akademie aus heutiger Sicht re-interpretiert, denn zu Beginn der 1920er-Jahre war formuliert worden, auf dem Gebiet des Städtebaus „‘das Vergangene (zu) erforschen, das Gegenwärtige (zu) beurteilen, das Zukünftige vor(zu) bereiten und (zu) befruchten‘“ (S. 9). Mit der Publikation soll ein Doppeltes geleistet werden, nämlich die Aufarbeitung der Organisationsgeschichte der DASL von deren Gründung im Jahr 1922 bis 1975 wie auch die Darstellung von Geschichte und Theorie des Städtebaus im 20. Jahrhundert, hier verstanden als „Ideengeschichte des Städtebaus im eigenen Kosmos der Profession“ (S. 26). In ihrem Schlusskapitel weisen die beiden Autoren ausdrücklich darauf hin, dass ihre eigenen systemkritischen Überlegungen zum Thema „Bodenrecht“ Letztere wie ein „roter Faden“ (S. 555) durchzögen. Auf die Tätigkeitsfelder und Initiativen führender Mitglieder und Repräsentanten der Akademie wird in beiden Strängen eingegangen. Sie bilden quasi das Bindeglied zwischen Organisations- und Ideengeschichte.

Die vorliegende Publikation wurde zur DASL-Jahrestagung 2019 vorgelegt. Ihr wird ein zweiter Band zur Geschichte von Mitte der 1970er-Jahre bis zur Gegenwart folgen, der im Jubiläumsjahr 2022 erscheinen soll.

Um der Bedeutung der Publikation gerecht werden zu können, muss vorweg etwas zur Quellen- und Materiallage, die die Autoren vorgefunden haben, gesagt werden. Sie mussten erkennen, dass diese mehr als dürftig war. Sie schreiben, dass die Akademie keine systematischen Sammlungen ihrer eigenen Tätigkeiten angelegt habe, was nicht nur für die rund zwei Jahrzehnte bis 1945 gelte, sondern auch für die jüngere Geschichte: „In der Bundesgeschäftsstelle sind nicht einmal die Protokolle der Präsidiumssitzungen umfassend aufbewahrt worden“ (S. 14). Als Rarität wird auf die Schrift „Die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung. Rück- und Ausblick 1922-1955“ verwiesen, die Stephan Prager, der erste Präsident der Akademie nach 1945, zum Abschluss seiner Amtszeit verfasst hat. Auch hier bemerken die Autoren, dass „seine entsprechende Handakte […] lediglich achtundfünfzig Blätter“ (S. 14) umfasst habe.

Gegliedert ist die Publikation, zusätzlich zu einer Einleitung und einem Schlusskapitel, in zehn jeweils umfangreiche Kapitel, deren Schwerpunkt einmal auf der Organisationsgeschichte, dann auf der Ideengeschichte des Städtebaus liegen. Behandelt werden die Gründung der Akademie am 30. Mai 1922 und deren Wirken in der Weimarer Republik (S. 64-121), die Eingliederung als Deutsche Akademie für Städte-, Reichs- und Landesplanung sowie das Wirken von deren Mitgliedern im NS-System im Allgemeinen und während des Zweiten Weltkriegs im Besonderen (S. 226-315), die Neugründung der Akademie nach dem Zweiten Weltkrieg (S. 316-345) mit ihren personellen Kontinuitäten (S. 346-371) und der Gründung der westdeutschen Landesgruppen (S. 372393). Die Aufarbeitung von Geschichte und Theorie des Städtebaus im 20. Jahrhunderts erfolgt über die Themen Städtebaurecht (S. 122-185), Landesplanung (S. 186225), Aus- und Weiterbildung von Stadt- und Landesplanern (S. 394-423) sowie Stadtgestalt (S. 504-547). Diese primär ideengeschichtlichen Kapitel umfassen in der Regel Zeiträume von der Gründung zu Beginn der Weimarer Republik bis Mitte der 1970er-Jahre. Eine Sonderstellung nimmt das Kapitel über den Wiederaufbau der zerstörten Städte in Deutschland bzw. über die 1950er- und 1960er-Jahre ein, was am Beispiel der Stadt Hannover und des Wirkens ihres Stadtbaurats Rudolf Hillebrecht abgehandelt wird (S. 424-503). Begründet wird dies mit der Verfügbarkeit von Primärquellen.

Eingefügt in die einzelnen Kapitel sind acht biographische Skizzen über ausgewählte Repräsentanten der Akademie sowie vier programmatische Dokumente. Das Vorwort endet mit der auszugsweisen Wiedergabe von Primärquellen, die als „Bemerkungen von Mitgliedern zum Städtebau, 1920 bis 1975“ (S. 42-63) tituliert sind. Hervorgehoben werden muss das umfangreiche Personenregister mit individuellen Lebensdaten am Schluss der Publikation, das der akribischen Recherche von Alexander Stickler zu verdanken ist, der nicht nur die Mitgliederlisten ausgewertet, sondern auch in Archiven und Zeitschriften recherchiert hat. Ihm ist übrigens auch die Zusammenstellung einer kompletten Übersicht über die Publikationen der DASL zu verdanken, wie die Präsidentin in ihrem Geleitwort betont (S. 7).

Im Folgenden soll lediglich auf zwei Kapitel näher eingegangen werden. Unter der treffenden Zwischenüberschrift „Die Suche der Akademie nach einem Ort im nationalsozialistischen Dickicht wechselnder Zuständigkeiten“ (S. 234) wird im Kapitel „Hoffnung und Enttäuschung – Planen unter totalitären Bedingungen“ (S. 226-315) der Prozess nachgezeichnet, der zur Einbindung der Akademie als „Arbeitskreis“ in den Nationalsozialistischen Bund Deutscher Technik (NSBDT), Fachgruppe Bauwesen, im Jahr 1936 und zur Bildung von Landesgruppen geführt hat, zur Änderung des Namens in Deutsche Akademie für Städtebau, Reichs- und Landesplanung, zur Mitgliedschaft in der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung im Oktober 1938, zur Anerkennung als Forschungsstelle des Reichsarbeitsministeriums, ebenfalls im Oktober 1938. Breiten Raum nehmen dabei die Persönlichkeit und das Wirken von Reinhold Niemeyer ein, seit September 1934 und formal bis 1946 Vorsitzender der Akademie bzw. bis Mai 1945 Vorsitzender des gleichnamigen Arbeitskreises des NSBDT. In einer biographischen Skizze (S. 238-239) über Reinhold Niemeyer finden all diese Informationen ihre Verdichtung. Das Kapitel ist eine Fundgrube an Informationen über die Geschichte der Akademie sowie zum Stellenwert des Städtebaus im NS-System. Eingegangen wird auf das Wirken zahlreicher Protagonisten der Akademie, über deren Versammlungen und Gesetzesinitiativen, über Kongresse des Internationalen Verbandes für Wohnungswesen und Städtebau sowie über das Wirken der Akademie im Zweiten Weltkrieg. Alles in allem findet die Aussage, mit der das Kapitel über das Wirken der Akademie in der Weimarer Republik seinen Abschluss gefunden hat, ihre Bestätigung: „Die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr darauf, 1933, war für Städtebauer keine Klippe, deshalb gab es aus der Profession auch keinen Aufschrei der Empörung, vielmehr wohlige Befriedigung. Nach dem Hü und Hott von Weimar sehnten sich die Volksgenossen nach Entscheidungsstärke, die sie in den neuen Machthabern verkörpert sahen“ (S. 121).

Ausgehend von der These, dass „die überwältigende Mehrheit (der Architekten und Städtebauer, Erg. d.V.) […] den Nationalsozialismus (begrüßte) oder […] sich zumindest mit ihm (arrangierte)“ (S. 347) und nur einige wenige Vertreter des Faches nach 1933 emigriert sind, widmen die Autoren der Thematik der personellen Kontinuitäten in der Akademie nach 1945 das Kapitel „Über den vermeintlichen ‚Zusammenbruch‘ hinaus“ (S. 346371). Der Zugriff erfolgt über biographische Skizzen zu 34 Akademiemitgliedern. Die Autoren reklamieren dabei für sich den Anspruch, „individuelle Verstrickung“ nachzuzeichnen und nicht die Frage nach Schuld zu stellen (S. 347). „Individuelle Verstrickung“ wird konkret nachgezeichnet für Akademiemitglieder, die vor und nach 1945 in staatlichen Institutionen tätig waren, das heißt als Beamte im Reichsarbeitsministerium und im Bundesministerium für Wohnungsbau (S. 351-352), als Stadtbauräte und Amtsleiter (S. 353-362), wobei hier die Tätigkeit „im Dienste der ‚Eindeutschung‘ des ‚neuen deutschen Ostens‘“ (S. 354-362) breiten Raum einnimmt, als Landschaftsplaner und Verkehrsplaner (S. 362-365), als Mitarbeiter des Architekten Albert Speer, Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt und späterer Reichsminister für Bewaffnung und Munition (S. 366-368), als „Staatswissenschaftler und Volkswirte im Osten“ (S. 368-369). Auch wenn mit der These, die diesem Kapitel zugrunde liegt, bisherige Forschungsbefunde nicht nur der beiden Autoren, sondern insbesondere auch von Werner Durth bestätigt werden, so bereichern die 34 biographischen Skizzen nicht nur unser bisheriges Wissen in fundierter Weise, sondern bestätigen zugleich unser heutiges Befremden über „das völlige Ausblenden einer Zeitspanne von zwölf Jahren“ (S. 370).

Bleibt zum Schluss zu sagen, dass sich nicht nur die beiden Autoren angesichts der disparaten und rudimentären Quellen- und Materiallage große Verdienste erworben haben, sondern auch die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung mit ihrer Entscheidung, sich der eigenen Geschichte mit ihren „Disruptionen und Kontinuitäten“ (S. 6) zu stellen. Für die Zunft der Architekten, Städtebauer und Raumplaner wie für ihre Organisationen gilt, dass wir hier erst am Beginn der Aufarbeitung stehen.

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