Book Review: Priebs, Axel (2019): Die Stadtregion: Planung – Politik – Management. Stuttgart: Verlag Eugen Ulmer. 120 Farbabbildungen, 329 Seiten

  • 1 ILS – Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung, Brüderweg 22-24, 44135, Dortmund, Deutschland
Dr. Angelika Münter
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  • ILS – Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung, Brüderweg 22-24, 44135, Dortmund, Deutschland
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Städte lassen sich zunehmend nur noch in ihrer funktionalen stadtregionalen Dimension – dem täglichen Aktionsraum (daily urban system) der Bevölkerung – verstehen und in ihrer Entwicklung beeinflussen. Stadt- und Regionalforschung betonen, dass die gegenwärtige Phase der räumlichen Entwicklung sowohl ein globales wie auch ein urbanes Zeitalter ist (Storper/Scott 2016) und stellen zudem heraus, dass dies mit einem Maßstabssprung der Urbanisierung und Integration „des Städtischen“ und „des Regionalen“ verbunden ist: „If we are entering a ‘new urban age’ [...] it is a distinctly regionalized urban age“ (Soja 2015: 372), welches dadurch gekennzeichnet ist, dass Stadt und Region eine funktionale Einheit bilden und nicht – wie in der Vergangenheit – eine Dualität aus Zentrum und abhängigem Hinterland (Soja 2015: 372).

Lehrbücher der Geographie und Stadtplanung beschränken sich bisher aber auf die Stadt im administrativen Sinne. Axel Priebs möchte mit diesem in der UTB-Reihe erschienenen Lehrbuch daher eine Lücke schließen, indem er Städte in ihrem funktionalen Sinne – also Stadtregionen – und dabei insbesondere die drei zentralen stadtregionalen Gestaltungsthemen Siedlung, Freiraum und Verkehr in den Fokus rückt. Neben dieser räumlichen Dimension legt der Autor großen Wert darauf, die gegenwärtige Phase der Entwicklung und Organisation der Stadtregionen anhand ihrer ideengeschichtlichen Entstehung herzuleiten (historische Dimension).

Dieser Zielsetzung folgend geben die ersten vier Kapitel des Buches einen geschichtlich orientierten Überblick über die Phasen der Entwicklung der Stadtregionen und erste Ansätze ihrer ‚Governance‘. Es folgt ein historischer Überblick über analytische Modelle zur Beschreibung und Abgrenzung von Stadtregionen sowie die planerischen Konzepte zu ihrer siedlungsräumlichen Gestaltung. Ideengeschichtliche Überblicke zu diesen Themen finden sich auch in anderen stadtgeographischen und stadtplanerischen Lehrbüchern. Axel Priebs arbeitet aber sehr konsequent die Bedeutung der einzelnen Ansätze, Modelle und Konzepte für die stadtregionale Entwicklung und Organisation heraus. So schafft er etwas Neues und legt eine fundierte ideengeschichtliche Wissensbasis für die folgenden Kapitel des Bandes.

In Deutschland (wie auch vielen anderen Ländern) sind Stadtregionen keine originäre Ebene im Verwaltungssystem. Das fünfte Kapitel gibt, basierend auf zahlreichen Beispielen, einen umfangreichen Überblick über stadtregionale Institutionen aus einer akteurzentrierten Perspektive sowie die Bandbreite an (administrativen) Lösungen für stadtregionale Planungs- und Verwaltungsorganisationen von (deutschen) Stadtregionen. Der Fokus hierbei liegt bewusst auf den formellen Organisationsstrukturen. Anschließend werden sehr ausführlich die drei eingangs skizzierten zentralen stadtregionalen Gestaltungsthemen „Siedlung“ (gesteuert über die Instrumente der förmlichen Raumplanung), „Verkehr“ (konkret die stadtregionale Organisation des öffentlichen Personennahverkehrs als Rückgrat der Stadtregion) und „Freiraum“ (mit einem Ausblick auf das Zukunftsthema „Grüne Infrastrukturen“) diskutiert sowie prägnant aktuelle Handlungsfelder der stadtregionalen Steuerung aufgezeigt. In den abschließenden Kapiteln werden die Inhalte des Buches sehr anschaulich anhand zahlreicher (Best-practice-)Fallbeispiele aus Deutschland und dem europäischen Ausland illustriert.

Der Band bietet einen sehr gelungenen praxisnahen und raumwissenschaftlich interdisziplinären Überblick über Stadtregionen als administrative und politische Handlungsebene. Er ergänzt damit die Reihe stadtgeographischer und stadtplanerischer Lehrbücher um diesen quer zu ihnen liegenden räumlich fokussierten Blickwinkel. Was er nicht leistet (aber auch nicht der Anspruch des Autors ist!), ist hingegen eine Einordnung in internationale wissenschaftliche Diskurse zur regional urbanization und verwandten Konzepten.

Der Band lebt von mehreren Jahrzehnten Erfahrung und dem umfassenden Wissen über Praktiken der stadtregionalen Organisation und Steuerung des Autors. Nicht zuletzt hat er die Weiterentwicklung des Kommunalverbands Großraum Hannover zur gebietskörperschaftlich verfassten Region Hannover wesentlich mitgestaltet und war anschließend mehr als 15 Jahre als erster Regionsrat dieser Stadtregion tätig. Zugleich forscht und lehrt er seit mehreren Jahrzehnten zum Management von Stadtregionen. Der Band besticht durch zahlreiche Fakten und fundiertes Hintergrundwissen, beides wird in angemessener Länge und leicht verständlich auf den Punkt gebracht. Der Band weist eine sehr ansprechende (durchgehend farbige) Gestaltung auf. Die zahlreichen Karten, Pläne und Fotos veranschaulichen den Text.

Zum Verfassen einer Rezension gehört es aber, nicht nur zu loben, sondern auch Kritik zu üben. Das fällt bei diesem überaus gelungenen Lehrbuch schwer, sodass sich lediglich drei Anregungen formulieren lassen, an welchen Punkten der Band noch weiter hätte in die Tiefe gehen können. Erstens wären an manchen Stellen deutlichere Verknüpfungen zwischen den für sich genommenen sehr informativen Kapiteln hilfreich gewesen. Dies fällt beispielsweise im Kapitel zum öffentlichen Personennahverkehr in Stadtregionen (Kapitel 7) besonders ins Auge. Hier wünscht man sich beispielsweise zu erfahren, welchen konkreten Einfluss die im Kapitel zuvor erläuterte förmliche Raumplanung auf die Ausgestaltung des öffentlichen Personennahverkehrs in Stadtregionen hat und welche Defizite diesbezüglich bestehen. Zweitens – und das ist vielleicht doch schon eher Kritik als Anregung – werden informelle Ansätze der stadtregionalen Kooperation vom Autor bewusst nur sehr knapp gestreift. Diese Einschränkung entspricht aber nicht dem in vielen Stadtregionen gelebten Alltag, welcher häufig von einer Vielzahl an themenbezogenen, aber auch themenübergreifenden informellen Absprachen und Kooperationen geprägt ist. Diese arbeiten teils in unterschiedlicher räumlicher Abgrenzung und sind von unterschiedlicher zeitlicher Dauer. Nicht zuletzt dienen diese informellen Governance-Arrangements vielfach auch als Vorstufe für verbindlichere und formalisiertere Formen der stadtregionalen Zusammenarbeit. Um ein vollständiges Bild über die Planung in und das Management von Stadtregionen zu zeichnen, hätte das Verhältnis informeller und formeller Managementformen daher ausführlicher herausgearbeitet werden sollen. Zudem wäre es wünschenswert gewesen, unter den Fallbeispielen auch eines zu erläutern, welches vorrangig auf informellen Modi der Governance fußt. Und drittens wären in den Ausführungen zu den nationalen und internationalen Fallbeispielen an einigen Stellen Hinweise auf weiterführende Quellen wünschenswert gewesen. Diese würden es den Leserinnen und Lesern erleichtern, vertiefter in die Spezifika der präsentierten Fallbeispiele einzusteigen.

Mein Fazit: Stadtregionen gewinnen als gesellschaftliche, ökonomische und politische Handlungsebene an Bedeutung. Die traditionelle Beziehungslogik zwischen Zentrum und Peripherie verwischt zunehmend, und die Lebenswelten und Aktionsräume der Bevölkerung regionalisieren sich. Die großen Zentren und ihre Stadtregionen – um nur eine aktuelle Herausforderung stadtregionaler Steuerung zu nennen – sind seit einigen Jahren im Zuge von Globalisierung und Reurbanisierung einem neuen demographischen und ökonomischen Wachstum ausgesetzt, welches es räumlich nachhaltig zu steuern gilt. Zugleich sind Stadtregionen keine räumliche Ebene im (deutschen) Verwaltungsaufbau, sondern passende regulative Arrangements müssen jeweils vor Ort ausgehandelt werden. Mit diesem Band liegt erstmalig ein Lehrbuch vor, welches sich aus einer räumlichen Perspektive diesen funktionalen Stadtregionen widmet. Die Lektüre dieses Buches sei Studierenden, Lehrenden und Planungspraktikerinnen und -praktikern der Raum- und Stadtplanung und Geographie, aber auch der Verwaltungswissenschaften, die sich nicht nur einen Überblick, sondern vertieftes, sowohl ideengeschichtliches als auch aktuelles Wissen über Ansätze zur Organisation und des Managements von Stadtregionen und deren aktuellen Herausforderungen aneignen möchten, sehr empfohlen.

Literatur

  • Soja, E. (2015): Accentuate The Regional. In: International Journal of Urban and Regional Research 39, 2, 372-381.

    • Crossref
    • Export Citation
  • Storper, M.; Scott, A.J. (2016): Current debates in urban theory: A critical assessment. In: Urban Studies 53, 6, 1114-1136.

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  • Soja, E. (2015): Accentuate The Regional. In: International Journal of Urban and Regional Research 39, 2, 372-381.

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