Book Review: Rink, Dieter; Haase, Annegret (Hrsg.) (2018): Handbuch Stadtkonzepte. Analysen, Diagnosen, Kritiken und Visionen Opladen/Toronto: Verlag Barbara Budrich. 494 Seiten

  • 1 Technische Universität Berlin, Institut für Stadt- und Regionalplanung, Hardenbergstraße 40 A, 10623, Berlin, Deutschland
Prof. Elke Pahl-Weber
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  • Technische Universität Berlin, Institut für Stadt- und Regionalplanung, Hardenbergstraße 40 A, 10623, Berlin, Deutschland
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Ein Handbuch über Stadtkonzepte ist in der Phase der globalen Urbanisierung ein gutes Arbeitsmittel für die Analyse von Stadtentwicklung, für die Einordnung der vielfältigen Entwicklungspfade und auch für die Entwicklung von Forschungsfragen zur zunehmend verstädterten Welt. Die fachliche Diskussion darum, welche Trends diese Städte prägen (WBGU 2016; Hutterer/ Jeutner/Pahl-Weber 2019) und wie sie zu gestalten sein könnten, wird schon seit Jahren geführt (Schenk 2013; Reicher 2017; Gehl 2018). Ein „Handbuch Stadtkonzepte“ könnte Konzepte also aufarbeiten, die den Transformationsprozess vorbereiten oder gestalten. So ist aber der Titel nicht zu verstehen. „Konzepte“ ist hier ein sehr weit gefasster Begriff, der analytische Methoden, Marketing, Leitbilder und praktische Handlungsmuster und Handlungsprozesse umfasst und damit sowohl in der Anwendungsorientierung als auch im Forschungsdiskurs von Relevanz ist.

Die 21 Stadtkonzepte, die im von Dieter Rink und Annegret Haase herausgegebenen Handbuch dargestellt sind, greifen positive Entwicklungen auf. Die unscharfe Nutzung des Begriffs „Stadtkonzept“ ist den Herausgebern durchaus bewusst. Ihr Ziel ist, ein „Forschungs- bzw. Diskursfeld der Stadtkonzepte“ (S. 473) aufzumachen, das bislang wenig strukturiert sei. Das Handbuch soll eine Einordnung der Konzepte ermöglichen.

Die vorgestellten Stadtkonzepte sind aktuell in der Diskussion, ein Rückgriff auf ältere Stadtkonzepte oder Leitbilder erfolgt nicht. Insoweit ist das Handbuch kein Katalog mit einem zeitlichen Verlauf, wie es beispielsweise Peter Hall 1996 vorgelegt hat (Hall 1996). Die Beiträge zielen auf eine thematische Breite ab, konzentrieren sich auf den deutschen Sprachraum, nehmen aber internationale Bezüge auf. Dies bleibt allerdings

auf den eher westeuropäischen Raum begrenzt, so ist etwa nicht das Stadtkonzept des „Smart Growth – New Urbanism“, wie es vornehmlich in den USA zu finden ist (vgl. Bodenschatz/Schönig 2004), thematisiert und der Diskurs um die Weltstädte, die auch kulturell unterschieden sein müssen, ist nicht aufgenommen (vgl. Edensor/Jayne 2012). Die global gesehen stark unterschiedliche Dynamik von Stadtentwicklung und Stadtkonzepten bildet sich in den Beiträgen in diesem Handbuch ebenfalls nicht ab (Megacities; vgl. Buijs/Tan/Tunas 2010).

Dieses Handbuch ist deshalb eine Diskussion von Stadtkonzepten im Hinblick auf die Städte Europas. Die Einleitung und die zusammenfassende Übersicht am Ende des Handbuchs durch die Herausgeber geben hierüber einen guten Überblick. Die Beschreibung der 21 Stadtkonzepte durch unterschiedliche Autorinnen und Autoren gibt einen sehr guten Eindruck der Themen, die sich in diesen Stadtkonzepten, Leitbildern oder Visionen für die europäischen Städte finden. Die Herausgeber grenzen sich in ihrer Einleitung begrifflich ab. Leitbilder sind nicht Gegenstand ihres Handbuchs, wohl aber können Stadtkonzepte Grundlagen für die Leitbildentwicklung liefern (S. 12). Darüber hinaus sollen ausschließlich aktuelle Stadtkonzepte vorgestellt werden, keine älteren Konzepte, keine Utopien und kein bloßes Labeling. Die Einleitung leistet zudem eine Einordnung in den Stand der Forschung zu Stadtkonzepten (S.14).

Die 21 Konzepte umfassen ein breites Feld: „Austerity Urbanism“, beschrieben von Frank Eckardt, wird als analytisches Konzept vorgestellt, bei dem der Aspekt der fiskalpolitischen Konstitution der Stadt im Mittelpunkt steht, wobei bereits die Bezeichnung des Konzeptes verrät, dass es um ein Stadtkonzept geht, das eher nicht im deutschsprachigen Kontext entwickelt wurde. „Cittaslow“ wird von Ariane Sept vorgestellt als ein 1999 gegründetes Netzwerk, vorwiegend von Klein- und Mittelstädten. Damit beschreibt sie eine ganz andere Kategorie von Konzept, eher kein analytisches, kein ordnendes, sondern ein durch Bottom-up-Bewegung lebendes, das zwar breit angelegt, aber gleichzeitig ein vages Stadtkonzept ist. „Diverse City“, der Beitrag von Nina Schuster, ist einer der lesenswertesten Beiträge in diesem Handbuch. Diverse City ist kein einheitliches Konzept. In diesem Beitrag ist eine Vielzahl von Ansätzen versammelt, die die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Bewohner/innen von Städten konzeptualisieren. Die „Europäische Stadt“ wird von Florian Koch zunächst als Begriff, nicht als Konzept angesprochen, als klar definiertes Stadtkonzept taugt sie nicht. Der Autor stellt angesichts der Beiträge zur Gefährdung der europäischen Stadt konsequent die Frage danach, ob diese nicht nur von Globalisierung bedroht ist, sondern selbst auch zu dieser beigetragen hat. „Feminismus und Stadt“ wird von Sandra Huning beschrieben, nicht als Stadtkonzept, sondern als Entwicklung eines Diskurses, wobei die Einordnung der feministischen Analysen zu Stadt sowohl im europäischen als auch internationalen (vorzugsweise US-amerikanischen) Kontext erfolgt.

Die „Globale Stadt“ begreift Stefan Krätke als Globalisierung der Stadtentwicklung und zeigt konsequent den Diskurs in der Stadtforschung zum globalen Stadtsystem auf. Die Global-City-Forschung hat sich zu einem eigenständigen Forschungsfeld etabliert. Die „Grüne Stadt“, beschrieben von Dagmar Haase, kann als Bündel von Konzepten für die Gestaltung des Verhältnisses von Mensch und Natur in der Stadt aufgefasst werden. Dabei wird die Grüne Stadt konzeptionell als Teilaspekt der nachhaltigen Stadt verstanden. „Just City“ von Katrin Großmann widmet sich der gerechten Stadt, wie sie durch die Publikation von Fainstein (2010) bekannt wurde. Allerdings gab es auch Vorläufer, und die Autorin bezeichnet David Harveys „Social Justice and the City“ (Harvey 1973) und Henri Lefebvres „Recht auf Stadt“ (Lefebvre 2016) als Meilensteine einer langfristigen Debatte, die in den 2000er-Jahren zu einem Diskurs über Prinzipien der gerechten Stadtentwicklung führte. Die „Kreative Stadt“ wird als Leitbild beschrieben, das die kreativen Potenziale einer Stadt, die bereits Gegenstand von Diskursen in der Stadtforschung sind, vorstellt und der wissenschaftlichen Kritik unterzieht. Janet Merkel stellt die unterschiedlichen Perspektiven auf die kreative Stadt vor (Landry 2000; Florida 2004) und führt über in die unterschiedlichen Forschungsstränge dieses Themas.

Die „Megastadt“ beschreibt eher eine Tatsache im Zeitalter der Globalisierung als ein Konzept. Sigrun Kabisch und Frauke Kraas ordnen die Megastadtforschung in den Transformationsprozess der Städte ein und thematisieren dabei Informalität, Zerfalls- und Fragmentierungstendenzen. Die „Nachhaltige Stadt“ wird vom Herausgeber Dieter Rink vorgestellt. Klar wird, dass in dem Moment, in dem der programmatische bzw. politische Diskurs um Nachhaltigkeit verlassen wird und die Konzeptionalisierung in den Mittelpunkt rückt, das Defizit eines entsprechenden Diskurses in der Stadtforschung sichtbar wird. Die „Neoliberale Stadt“ stellt Sebastian Schipper vor als ein Konzept, das eine politische Rationalität und Praxis städtischen Regierens anspricht. Die „Postpolitische Stadt“ beschreibt die „zeitgenössische Stadt als eine, der die eigentliche Politik ausgetrieben wurde“ (S. 279). Philippe Koch und Ross Beveridge stellen sie in ihrer Genese vor und unterziehen ihre Ausprägungen einer wissenschaftlichen Kritik. In der „Postsäkularen Stadt“ behandelt Stephan Lanz das Verhältnis von Stadt und Religion historisch sowie in der empirischen Verwendung als Konzept. Die „Postsozialistische Stadt“ von Kiril Stanilov stellt die Forschungsbeiträge zur Analyse postsozialistischer Städte zusammen und diskutiert die sozialistische Stadt als umstrittenes Konzept. Das „Recht auf Stadt“ ordnet Andrej Holm mit Bezug auf die Publikation von Lefevbre (2016) in den stadtforscherischen Diskurs ein, der nicht als normative Setzung, sondern eher als Versuch der kollektiven Wiederaneignung zu interpretieren ist. Die „Resiliente Stadt“ von Christian Kuhlicke nimmt ein bereits in der Stadtforschung etabliertes Thema auf und systematisiert die Ansätze. Seine Unterscheidung in fünf Ansätze (ökologische, soziale, internationale, zukunftsbezogene und kritische Ansätze) bildet die Grundlage für die Einschätzung, dass das Konzept der Resilienten Stadt sowohl eine analytische als auch eine Leitbildfunktion hat.

„Reurbanisierung“ wird von Stefan Siedentop beschrieben, der die realen stadtregionalen Entwicklungen und den Forschungsdiskurs untersucht. Die bisherige Forschung hat sich eher mit den Ursachen und Verlaufsformen von Reurbanisierung beschäftigt, mit der kritischen Reflexion von sozialen und ökologischen Wirkungen der Reurbanisierung dagegen noch zu wenig. „Schrumpfende Stadt“ ist das Thema der Herausgeberin Annegret Haasedie den Begriff in den Diskurs der Stadtforschung einordnet und ihn zugleich als Gegenstand konzeptioneller Überlegungen thematisiert, wobei Schrumpfende Stadt kaum als Leitbild oder Vision fungieren, jedoch als eine besondere Perspektive im Zusammendenken mit anderen Stadtkonzepten bestehen kann. „Smart City“ wird von Jens Libbe vorgestellt, der die Genese und Verwendung dieses Begriffs knapp und klar umreißt und diskutiert, inwieweit dies ein Stadtkonzept sein kann. Dabei warnt er vor Labeling, ohne hinreichende Indikatoren für den unscharfen Begriff und seine Umsetzung sowie die damit verbundenen Gefahren zu haben. Die „Überwachte Stadt“ von Jan Wehrheim wird, so der Autor, eher nicht als Thema eines breiten Diskurses oder ein Konzept verstanden. Hier wäre vermutlich der Begriff „sichere Stadt“ der angemessenere. Für die Analyse von Stadtentwicklung allerdings kommt dem Begriff hohes Potenzial zu.

Es gelingt anhand der Beschreibungen sehr gut, einen Überblick zu den unterschiedlichen Themen, Stadtkonzepte genannt, zu bekommen. Aber auch das Nachschlagen eines einzelnen Themas ist sehr gut möglich, insoweit ist der Zweck eines Handbuches voll erfüllt. Die Zusammenstellung der einzelnen Beiträge ist sehr gut gelungen, das Handbuch ist für Lehre und Forschung gleichermaßen gut als Nachschlagewerk geeignet. Ein sehr gutes Nebenprodukt dieses Handbuches ist die umfangreiche Literatur, die für die einzelnen Beiträge ausgewertet wurde und die als bereits in den Anfängen befindlicher Diskurs um Stadtkonzepte interpretiert werden kann. Damit haben die Herausgeber auf einer zweiten Ebene ihr Ziel verfolgt.

Literatur

  • Bodenschatz, H.; Schönig, B. (2004): Smart Growth – New Urbanism – Livable Communities. Programm und Praxis der Anti-Sprawl-Bewegung in den USA. Wuppertal.

  • Buijs, S.; Tan, W.; Tunas, D. (2010): Megacities. Exploring a sustainable future. Rotterdam.

  • Edensor, T.; Jayne, M. (2012): Urban Theory beyond the West. A World of Cities. London.

  • Fainstein, S. S. (2010): The Just City. Ithaca.

  • Florida, R. (2004): The Rise of the Creative Class. New York.

  • Gehl, J. (2018): Städte für Menschen. Berlin.

  • Hall, P. (1996): Cities of tomorrow. An intellectual history of urban planning and design in the twentieth century. Oxford.

  • Harvey, D. (1973): Social Justice and the City. London.

  • Hutterer, F.; Jeutner, M.; Pahl-Weber, E. (2019): Globale Urbanisierungstrends und Zukunft des Wohnens. Berlin. http://dx.doi:org/10.14279/depositonce-8110 (14.10.2019).

  • Landry, C. (2000): The Creative City. A Toolkit for Urban Innovators. London.

  • Lefebvre, H. (2016): Das Recht auf Stadt. Hamburg.

  • Reicher, C. (2017): Städtebauliches Entwerfen. Wiesbaden.

  • Schenk, L. (2013): Stadt entwerfen. Grundlagen, Prinzipien, Projekte. Basel.

  • WBGU – Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderungen (2016): Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte. Berlin.

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  • Bodenschatz, H.; Schönig, B. (2004): Smart Growth – New Urbanism – Livable Communities. Programm und Praxis der Anti-Sprawl-Bewegung in den USA. Wuppertal.

  • Buijs, S.; Tan, W.; Tunas, D. (2010): Megacities. Exploring a sustainable future. Rotterdam.

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  • Hutterer, F.; Jeutner, M.; Pahl-Weber, E. (2019): Globale Urbanisierungstrends und Zukunft des Wohnens. Berlin. http://dx.doi:org/10.14279/depositonce-8110 (14.10.2019).

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  • Lefebvre, H. (2016): Das Recht auf Stadt. Hamburg.

  • Reicher, C. (2017): Städtebauliches Entwerfen. Wiesbaden.

  • Schenk, L. (2013): Stadt entwerfen. Grundlagen, Prinzipien, Projekte. Basel.

  • WBGU – Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderungen (2016): Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte. Berlin.

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