Geographies of the University

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In der renommierten Schriftenreihe „Knowledge and Space“, die seit 2006 gemeinsam von Springer Open und der Klaus Tschira Stiftung herausgegeben wird, ist im Frühjahr 2018 der Sammelband „Geographies of the University“ erschienen. Er ordnet sich ein in den internationalen Diskurs über die räumlichen Dimensionen von Wissen, (Aus-)Bildung und Wissenschaft, von lernenden Organisationen und kreativen Milieus. Ein Fokus liegt dabei auf der Bedeutung räumlicher Disparitäten und lokaler Kontexte für die Hervorbringung, Legitimation, Verteilung und Anwendung von neuem Wissen. Die kognitive Nähe zwischen dem voluminösen Sammelband mit seinen insgesamt 21 Beiträgen, die von 27 Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Fachdisziplinen verfasst worden sind, und dem ebenfalls interdisziplinär erarbeiteten „Wissenschaftsatlas der Universität Heidelberg“ (Meusburger/Schuch 2011), der anlässlich der 625-Jahrfeier der Universität Heidelberg erschienen ist, ist unübersehbar.

Wie die drei Herausgeber in ihrer Einleitung hervorheben, beziehen sich die Beiträge auf zwei raumkonzeptionelle Ansätze, die mit dem Denken von Manuel Castells verbunden sind: den Raum der Orte („space of places“) und den Raum der Ströme („space of flows“). Der erste Ansatz konzentriert sich auf die raumbezogene Organisation der Umgebung, Praktiken und Ideologien, die ihrerseits die Schlüsselfunktion zeitgenössischer Universitäten in den unterschiedlichen räumlichen Skalen konstituieren. Der zweite Ansatz bezieht sich auf

breitere Netzwerkbeziehungen, die für Universitäten als Standorte von Forschung, Lehre und Expertise konstitutiv sind. Dazu gehört etwa die Rekrutierung von Studenten, Wissenschaftlern und anderen Beschäftigten, die Mobilität nach innen und außen von Menschen, Ressourcen und Wissen, die Verleihung von akademischen Graden und Preisen, formelle und informelle Kollaborationen in Forschung, Lehre, Verwaltung, Unternehmen und öffentlichem Engagement sowie lokale, regionale, nationale und internationale Wirkungen.

Der Sammelband ist in fünf Teile gegliedert. Im ersten Teil „Historical Perspectives“ werden Aspekte der Geographie der Europäischen Universität vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert untersucht. Im ersten Beitrag (Rainer Christoph Schwinges) wird das Repertorium Academicum Germanicum (RAG) vorgestellt, eine digitale Personendatenbank mit biographischen und sozialen Daten über Gelehrte des Alten Reiches zwischen 1350 und 1550. Der zweite Beitrag (Peter Meusburger und Ferenc Probáld) beschäftigt sich mit den wissenschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen der Universität Heidelberg und Ungarn. Im Fokus stehen die beiden Phasen von 1595 bis 1621 und von 1789 bis 1919, in denen die Austauschbeziehungen als besonders eng bewertet werden. Studentische Wanderungsbewegungen im Heiligen Römischen Reich des 17. Jahrhunderts sind Thema des dritten Beitrags (Howard Hotson). Mithilfe digitaler Erfassung und Auswertung von Immatrikulationsregistern wird gezeigt, dass und wie der Dreißigjährige Krieg in der europäischen Universitätsgeschichte als Wendepunkt gewirkt hat. Vier Universitätsgründungen im dänischen Königreich zwischen dem 14. und 20. Jahrhundert (Hanne Kirstine Adriansen und Inge Adriansen) werden im vierten Beitrag im Hinblick auf die Herausbildung einer dänischen Nationalstaatlichkeit untersucht. Michael Heffernan und Heike Jöns rekonstruieren und analysieren im fünften Beitrag den konfliktträchtigen, weil von unterschiedlichen Interessengruppen geprägten Entscheidungsprozess in den späten 1950er- und 1960er-Jahren, der schließlich 1967 zur Gründung einer fünften schottischen Universität in Stirling geführt hat.

Im zweiten Teil „The University, Knowledge, and Governance“ setzen sich vier Beiträge mit universitärer Governance auseinander, das heißt mit der Koordination universitären Handelns zur Generierung von Kreativität, Innovation und Qualität, verortet im Beziehungsgefüge zwischen universitären Führungs- und Machtgruppen, Staat und Markt. Unter dem Begriff des „knowledge-environments approach“ entfaltet Peter Meusburger im ersten Beitrag seinen Ansatz der Raumgebundenheit herausragender wissenschaftlicher Leistungen, die über einen längeren Zeitraum hinweg erbracht werden. Henry Etzkowitz, der in den 1990er-Jahren gemeinsam mit Loet Leydesdorff das Triple-Helix-Modell der Innovation entworfen hat, reflektiert in seinem Beitrag den Wandel, den die US-Regierung seit dem Zweiten Weltkrieg in ihrer Rolle als Innovationspromotorin erfahren hat. Dem statischen Triple-Helix-Modell, in dem die führende Rolle gegenüber Universitäten und Industrie bei der Regierung liegt, stellt er das Modell des Laissez-faire gegenüber, das für nichtlineare und interaktive Innovationsprozesse steht, deren Beteiligte über Netzwerke miteinander interagieren. Mit Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement als den beiden zentralen Herausforderungen in der Governance von global eingebundenen Universitäten beschäftigen sich Christine Sattler und Karl-Heinz Sonntag. Sie skizzieren den theoretischen Hintergrund und ausgewählte Ergebnisse des Projekts „heiQUALITY Cultures“. Mit dem „Quality Culture Inventory“ (QCI) wird ein Instrument präsentiert, das es Hochschulen erstmals ermöglicht, ihren derzeitigen Stand der Qualitätskultur empirisch zu bewerten und einer fortlaufenden Verbesserung zu unterziehen. Einen Beitrag zum Diskurs über Agnotologie leistet Jennifer L. Croissant. Mit ihrem Beitrag legt sie die Grundlage für einen fallstudienübergreifenden Vergleich und zeigt, an welchen Punkten der Ansatz von Ignoranz und der Ansatz von Absenz in einem breiteren Konzept zusammengeführt werden können, aber auch, wo sie auseinanderstreben.

Mit der wechselseitigen Bedingtheit und gegenseitigen Beeinflussung von lokalem Milieu und universitärer Entwicklung beschäftigen sich vier Beiträge im dritten Teil „The University and the City“. John Goddard analysiert theoretisch wie empirisch den Wandel in den vielseitigen Beziehungen zwischen Universität und Stadt. Auf der Grundlage empirischer Studien über Newcastle, Manchester, Sheffield und Bristol entwirft er das Modell der „civic university“, die er als urbane Ankerinstitution verstanden wissen will, die das Globale im Lokalen bindet. Indem er die Zivilgesellschaft und soziale Innovationen in die Konzeptualisierung der externen Beziehungen von Universitäten einbezieht, entwickelt er das Innovationsmodell der Triple Helix von Etzkowitz und Leydesdorff zur Quadruple Helix weiter. In einem reich bebilderten Beitrag zeigt Helmut Bott den Wandel in der Architektur von Universitätsgebäuden und in den Raumbeziehungen zwischen Universität, Stadt und Landschaft vom Hochmittelalter bis zur Gegenwart, vom mittelalterlichen städtischen Hofkollegium bis zum (angloamerikanischen) Campus mit seinen ländlichen Konnotationen. Als aktuellen Trend diagnostiziert er eine Art von Reurbanisierung in dem Sinne, dass der heutige Universitätscampus eher als urbanes Leben mit all seinen vielfältigen Gelegenheiten und Möglichkeiten gedacht wird denn als Landschaft und ländliches Leben. Einen Einblick in Programmatik und Praxis der Internationalen Bauausstellung (IBA) Heidelberg, die 2012 mit einer Laufzeit von zehn Jahren gestartet ist, gibt Carl Zillich in seinem Beitrag. Angetreten mit dem Ziel, die räumlichen Potenziale Heidelbergs für Innovation zu mobilisieren, will die IBA Akteure aus Bildung, Wissenschaft und Forschung sowie anderen Bereichen der Wissensgesellschaft zusammenbringen, um die Stadt Heidelberg als „Wissensperle“ in der Ideengenerierung für neue Praktiken der Stadtentwicklung zu profilieren.

Die Forschung über „The University and the Region“, so der Titel des vierten Teils, hat in der Vergangenheit ihren Ausgang in der Analyse angloamerikanischer High-Tech-Regionen im Umfeld führender US-amerikanischer Forschungsuniversitäten genommen und sich dabei auf die Frage nach der Bedeutung räumlicher Nähe zwischen universitärer Forschung und unternehmerischen High-Tech-Innovationen konzentriert. Die vier Beiträge im Sammelband, die diesem Teil zugeordnet sind, erweitern diese Perspektive sowohl thematisch wie geographisch. Im ersten Beitrag (Johannes Glückler, Robert Panitz und Christian Wuttke) werden Universitäten in kurzfristiger zeitlicher Perspektive insofern als Teil des ökonomischen Systems auf regionaler und nationaler Ebene betrachtet, dass sie kontinuierlich Ausgaben tätigen, Studenten und Beschäftigte rekrutieren wie auch Drittmittel aus anderen Regionen einwerben. Analysiert werden für das Bundesland Baden-Württemberg die Auswirkungen der neun staatlichen Universitäten auf die regionale Wirtschaft unter dem monetären Aspekt von Nachfrage und Angebot. Empirische Grundlage des zweiten Beitrags (Eike W. Schamp) sind Fallstudien über drei Universitäten in Kamerun (Buea, Dschang, Ngadoundéré), die als „Young Nonmetropolitan Universities in a Young University System“ bezeichnet werden. Eingedenk der Tatsache, dass nicht nur die Universitätssysteme auf dem afrikanischen Kontinent, sondern auch das wechselseitige Beziehungsgefüge zwischen Universitäten und der sozialen und ökonomischen Entwicklung von Regionen bisher noch wenig erforscht sind, vermittelt der Beitrag hier neue und interessante Einblicke in deren besonderen historischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Kontext. Thema des dritten Beitrags (Julia Boger) ist die Reintegration von Akademikern, die in Ländern des Globalen Nordens ausgebildet worden sind, in die regionalen Arbeitsmärkte Ghanas und Kameruns. Auf der Basis von empirischen Daten zu den Arbeitsmarkteintritten zurückkehrender Absolventen sowie zur beruflichen Wiedereingliederung wird deren Eintritt in den Arbeitsmarkt als langwierig und schwierig beschrieben. Der Beitrag endet mit einem Plädoyer für eine systematische Vorbereitung der Rückkehrer in den Gastländern, um die Chancen des „brain gain“ sowohl für die afrikanischen Heimat- wie für die europäischen Gastländer zu erhöhen. Aus der Perspektive eines globalen Regionalismus werden im vierten Beitrag (Anthony Welch) die grenzüberschreitenden Beziehungen in der Hochschulbildung zwischen Chinas südlichen Grenzgebieten und den ASEAN-Mitgliedstaaten analysiert. Ein Befund lautet, dass der China-ASEAN-Regionalismus schwach ausgeprägt sei, weil die Beteiligten supranationalen Regionalinitiativen Widerstand entgegensetzten wie auch wegen offensichtlicher Diskrepanzen zwischen beabsichtigten Vorhaben und tatsächlicher Umsetzung.

Im fünften Teil „The International University“ wird der Frage nachgegangen, wie Universitäten in internationale Netzwerke und Entwicklungen eingebunden werden können. Im ersten Beitrag (Alan Cochrane) wird das Konzept global integrierter, aber regionalisierter Universitäten präsentiert. Das zentrale Argument lautet, dass Universitäten zwar in vielerlei Hinsicht global eingebunden und aktiv sind, aber dennoch lokal fixiert und in ihre Regionen eingebettet sind, wo sie signifikante Wirkungen entfalten. Am Beispiel von vier Fallstudien über britische Universitäten werden in diesem Kontext institutionelle und diskursive Praktiken untersucht. Der Fokus des zweiten Beitrags (Jane Kenway) liegt auf der Geographie der zeitgenössischen Universität, die am Beispiel der internationalen Mobilität von Studierenden und den damit verbundenen universitären Praktiken untersucht wird. Es wird gezeigt, wie „Wurzeln und Wege“ („roots and routes“) von Studierenden und Universitäten miteinander in Konflikt geraten und sich überschneiden. Im dritten und letzten Beitrag des Sammelbandes (Jane Knight) werden „International Education Hubs“ als dritte Generation grenzüberschreitender Hochschulbildung analysiert. Es werden drei Haupttypen von Hubs herausgearbeitet und auf die derzeit sechs bestehenden (Hongkong, Singapur, Malaysia, Vereinigte Arabische Emirate, Katar und Botswana) angewandt.

Der hier rezensierte Sammelband nimmt in der Schriftenreihe „Knowledge and Space“ eine Sonderstellung ein. Er ist Peter Meusburger (1942-2017) gewidmet, dem Spiritus Rector der Symposienreihe und Begründer der Schriftenreihe. Als national wie international renommierter Experte für Bildungsgeographie stand er in besonderem Maße für das Thema „Geographies of the University“. Er hat dieses Symposium federführend konzipiert und geleitet, die Beiträge des Sammelbandes wissenschaftlich betreut und den Sammelband zum Jahresende 2017 bis zur Produktionsreife gebracht. Peter Meusburger ist im Dezember 2017 nach kurzer schwerer Krankheit verstorben. Johannes Glückler als sein Lehrstuhl-Nachfolger im Institut für Geographie der Universität Heidelberg und die beiden Mitherausgeber sprechen für uns alle, die ihn gekannt und geschätzt haben, wenn sie in ihrer Widmung schreiben: „We cherish his inspirational leadership as an original researcher, a passionate teacher, and a much-loved colleague“.

Literatur

Meusburger, P.; Schuch, T. (Hrsg.) (2011): Wissenschaftsatlas der Universität Heidelberg. Knittlingen.

Meusburger, P.; Schuch, T. (Hrsg.) (2011): Wissenschaftsatlas der Universität Heidelberg. Knittlingen.

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