Planung für gesundheitsfördernde Städte

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Der gottgleiche Mensch, so schrieb der Historiker Yuval Noah Harari im Jahre 2016 in seinem weltweit beachteten Buch „Homo Deus", strebt im 21. Jahrhundert mehr nach Unsterblichkeit als je zuvor. Vom medizinischtechnischen Fortschritt, so seine Prognose, können über die nächsten Jahrzehnte bedeutende Erfolge bei der Vermeidung von krankheitsbedingten Sterbeursachen erwartet werden. Leider könnten diese Erfolge zunächst den Menschen vorbehalten sein, die es sich leisten können – und die konsequenterweise dann in einer Art Paranoia potenzielle Sterbeereignisse meiden werden, zum Beispiel im Hinblick auf Unfallrisiken im öffentlichen Raum, Umweltkatastrophen oder Gewalttaten (Harari 2016).

Man kann zu dieser These sicherlich geteilter Meinung sein. Es ergibt sich daraus jedoch die wichtige Frage, inwiefern die aktuelle Stadtentwicklung bereits heute eine soziale Selektion von Lebensqualität und gesundheitsfördernden Einrichtungen bewirkt. Werden sozial benachteiligte Gruppen an Standorte mit hohen Umweltbelastungen und weiteren Benachteiligungen verdrängt, zum Beispiel in puncto Mobilität, Kriminalität oder fehlender Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe? Was kann Planung tun, um eine räumlich und sozial gerechte Verteilung von Gesundheitsressourcen zu gewährleisten? Diese Fragen sind unter anderem Thema des Sammelbandes „Planung für gesundheitsfördernde Städte", der in einem Arbeitskreis aus Planungs- und Gesundheitswissenschaftlern an der Akademie für Raumforschung und Landesplanung erarbeitet wurde.

Der Band enthält 34 Beiträge. In einem Überblick über die geschichtlichen Entwicklungen des Themas der Gesundheitsförderung und ihrer Einordnung in das Selbstverständnis der Raumwissenschaften verweist Sabine Baumgart unter anderem auf den häufig übersehenen Einfluss der deutschen Stadtplanerin Adelheid Gräfin Dohna, die schon 1871 unter dem Pseudonym „Arminius" weitreichende Stadtentwicklungskonzepte zur Gesundheitsförderung entwickelte. Anschließende Beiträge beschäftigen sich mit der Bedeutung der Salutogenese als präventivem Ansatz zur Vermeidung von Krankheiten durch einen gesunden Lebensstil, für den Planung Rahmenbedingungen schaffen kann. Neben den individuellen Voraussetzungen spielt hier der Zugang zu Umweltressourcen eine wichtige Rolle (u. a. Beiträge von Hornberg/Liebig-Gonglach/Pauli und Böhme/Köckler). Weitere Beiträge beschäftigen sich mit der Formulierung von Leitbildern einer gesundheitsfördernden Raumentwicklung (z. B. Kistemann/Ritzinger), auch im Hinblick auf Vorarbeiten internationaler Organisationen wie der World Health Organisation WHO („Ottawa-Charter"), und einer eingehenden Analyse von Verwaltungs- und Planungsprozessen zur Gesundheitsvorsorge in Deutschland (Beiträge von Hartlik/Machtolf, Klein, Baumgart/Dilger, Wallus und weitere). In der Summe ergeben die Beiträge, die hier nicht im Einzelnen rezensiert werden können, einen außerordentlich umfangreichen und hervorragend recherchierten Überblick über den aktuellen Stand der Forschung. Zusammengeführt werden die Erkenntnisse in der Formulierung von Handlungsempfehlungen, die sich insbesondere an die Kommunalpolitik, aber auch an Akteure aus Wissenschaft und Planungspraxis richten. Unisono wird hier die Notwendigkeit einer stärker integrierten interdisziplinären Zusammenarbeit im sektoralen Verwaltungshandeln zwischen Planung und Public Health erkannt, zum Beispiel im Rahmen der Aufstellung von Fachplänen für Gesundheit. Wesentliche Bausteine sind die Berücksichtigung von sozialer Lage und Umweltbelangen in Planungsprozessen, der Ausbau von Monitoringinstrumenten, die stärkere Berücksichtigung der Sozialraumperspektive, aber auch die Stärkung von Gesundheitsaspekten in den Programmen der Städtebauförderung.

Bei aller Überzeugungskraft der Handlungsempfehlungen wird deutlich, dass mit schwierigen Widersprüchen und Zielkonflikten umgegangen werden muss: Eine tatsächlich gerecht ausgestaltete Gesundheitsförderung wird durch Verdrängungskräfte des Immobilienmarktes, Gentrifizierung und räumliche Segregation beeinflusst. Es ist in dieser Gemengelage bislang nicht klar, inwiefern Planungsprozesse tatsächlich zur Gesundheitsförderung beitragen; es fehlt an Datengrundlagen und Evaluierungsmöglichkeiten. Ein grundlegendes Problem scheint dabei zu sein, dass Gesundheitsressourcen schlichtweg nicht oder räumlich unterschiedlich genutzt werden. Besondere Bedeutung kommt deshalb Informationsinstrumenten wie dem Sozialraummonitoring zu, das zum Beispiel in Berlin in sogenannten „lebensweltlichen Settings" Ergänzungsindikatoren im Hinblick auf Gesundheitsaspekte erarbeitet (Beitrag Klimeczek). Damit werden zielgruppenspezifische Bedürfnisse greifbar und können in künftigen Planungsprozessen Berücksichtigung finden, zum Beispiel bei der Identifikation vulnerabler Bevölkerungsgruppen bei Hitzewellen oder Epidemien. In diesem Zusammenhang versprechen neue Technologien Partizipationsmöglichkeiten, sodass Gestaltungsideen direkt von Nutzern bewertet werden können („evidenzbasiertes Design", Beitrag Knöll). Diese Informationsinstrumente haben großes Potenzial. Ihr Erfolg als Planungsinstrument hängt aber vermutlich stark davon ab, inwiefern messbare Umsetzungen mit politischen Zielen verknüpft werden und damit eine Bindungswirkung entfalten können. Im Band beschriebene Praxisbeispiele zeigen hier zahlreiche Ansätze auf. Es bleibt aber fraglich, ob sich die notwendigen Maßnahmen in deliberativen Aushandlungsprozessen durchsetzen werden. Viel wird davon abhängen, wie erfolgreich das Thema der Gesundheitsförderung in zivilgesellschaftlichen Prozessen verankert werden kann.

Die Betrachtung aktueller Entwicklungen liefert gemischte Eindrücke: Es gibt deutliche Hinweise, dass lebensraumorientierte Stadtgestaltung breiten Anklang findet, zum Beispiel in Initiativen zur Rückeroberung des Straßenraums für Radfahrer und Fußgänger (vgl. z.B. die Initiative Volksentscheid Fahrrad in Berlin). Aber es scheinen sich manche Bevölkerungsgruppen bewusst einem vermeintlichen Selbstoptimierungsdruck gesunder Lebensweisen zu verweigern. So beschreiben zum Beispiel Mössner, Freytag und Miller (2018) für die Stadt Freiburg im Breisgau, dass Wissenschaft und Planung sich einseitig auf Vorzeigestadtteile wie Freiburg-Vauban und -Rieselfeld konzentrieren, die international bewundert werden. Und dabei wird oft übersehen, dass solche Umgestaltungen des Stadtraumes auch negative Begleiterscheinungen haben können. Gemeint ist, dass als Folge eines ökologisch-liberalen Wandlungsdrucks in solchen Stadtteilen manche Einwohner bewusst in autoabhängige suburbane Lagen umziehen, um dort unbehelligt von jeder Form von sozialem Druck dem präferierten inaktiven und evtentuell sogar gesundheitsschädlichen Lebensstil nachzugehen (vgl. die „obosegenic environments" nach Ewing, Meakins, Hamidi et al. 2014).

Neben einer bewussten Entscheidung gegen gesunde Lebensweisen werden im Sammelband auch die Problemfelder der Verteilungs- und Zugangsgerechtigkeit zu Gesundheitsressourcen angesprochen (Beitrag Bolte). Hier kann Planung direkt ansetzen, indem in ihrem Instrumentenkoffer die Sozialraumorientierung im Sinne lebensweltlicher Settings eine Konkretisierung findet. Studien zur Umweltgerechtigkeit zeigen seit Längerem, dass sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen verstärkt Umweltbelastungen wie Lärm und Luftbelastung ausgesetzt sind. Gute Wohnlagen dagegen werden zum Spekulationsobjekt, Investitionen in die Entwicklung gesundheitsfördernder Einrichtungen und Infrastruktur zahlen sich aus. Die Erkenntnis, dass Gesundheitsbewusstsein stark mit Bildung und Einkommen korreliert, trifft hier auf die Beobachtung, dass gut gebildete und wohlhabende Stadtbewohner einen vergleichsweise einflussreichen Zugang zu Entscheidungsprozessen haben. So kann es zu einer Bevorteilung bei Investitionen in die gesundheitsfördernde Infrastruktur bessergestellter Gesellschaftsschichten und Wohnstandorten kommen.

Der Sammelband beschränkt sich im Hinblick auf diese Zielkonflikte auf die wissenschaftlich fundierte Analyse von Theorien und Instrumenten der Planungspraxis für das Thema der gesundheitsförderlichen Stadtentwicklung. Das Thema ist hochrelevant und berührt in vielfacher Hinsicht gesellschaftliche Debatten, die eine stärkere Lebensraumorientierung nachhaltiger Stadtentwicklung zum Thema haben. Es wird aber auch deutlich, dass gesundheitsfördernde Stadtstrukturen nicht automatisch zu gesunden Lebensweisen führen. Zwei wesentliche Aspekte scheinen dem im Wege zu stehen: Erstens lassen sich Einwohner ihr Verhalten nicht vorschreiben; zweitens resultiert deliberative Stadtpolitik allzu oft in Kompromissen und halbherzigen Maßnahmen, die nur eingeschränkte Wirkung entfalten können.

Kommen wir damit noch einmal auf die Utopien von Yuval Noah Harari zurück: Er weist in „Homo Deus" darauf hin, dass weltweit die Sterbefälle durch Wohlstandskrankheiten die Sterbefälle durch Hunger und Unterernährung längst überholt haben. Wie kann das sein, wenn heute doch so viel Wert auf Gesundheitsförderung gelegt wird? Dieser vermeintliche Widerspruch lässt sich nur dadurch erklären, dass sozial, aber auch räumlich selektive Zugänge zu den Ressourcen für eine gesundheitsförderliche Lebensweise unsere Lebensweise prägen und in der Bilanz die Mehrheit eben nicht gesund lebt. Zusammengefasst könnte man deshalb sagen: Bis zur Unsterblichkeit hat Homo Sapiens noch einiges zu tun.

Literatur

  • Ewing, R.; Meakins, G.; Hamidi, S.; Nelson, A. C. (2014): Relationship between urban sprawl and physical activity, obesity, and morbidity – Update and refinement. In: Health and Place 26, 118-126. doi: 10.1016/j.healthplace.2013.12.008

  • Harari, Y. N. (2016). Homo deus: A brief history of tomorrow. London.

  • Mössner, S.; Freytag, T.; Miller, B. (2018): Die Grenzen der Green City. Die Stadt Freiburg und ihr Umland auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung? In: pnd | online 1, 1-8.

Ewing, R.; Meakins, G.; Hamidi, S.; Nelson, A. C. (2014): Relationship between urban sprawl and physical activity, obesity, and morbidity – Update and refinement. In: Health and Place 26, 118-126. doi: 10.1016/j.healthplace.2013.12.008

Harari, Y. N. (2016). Homo deus: A brief history of tomorrow. London.

Mössner, S.; Freytag, T.; Miller, B. (2018): Die Grenzen der Green City. Die Stadt Freiburg und ihr Umland auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung? In: pnd | online 1, 1-8.

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