Räumliche Auswirkungen der internationalen Migration

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Gans, Paul (Hrsg.) (2014): Räumliche Auswirkungen der internationalen Migration. Hannover. = Forschungsberichte der ARL, 3. 447 S., Tab., Abb.

Der Sammelband „Räumliche Auswirkungen der internationalen Migration“ der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) beschäftigt sich aus interdisziplinärer Perspektive mit internationalen Migrationsprozessen. Er greift die damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen und räumlichen Dimensionen vor allem in Deutschland auf und behandelt so ein hochaktuelles und äußerst relevantes Thema.

Der Band ist in vier Abschnitte gegliedert: Abschnitt I („Grundlagen“) schafft den konzeptuell-theoretischen Rahmen für die folgenden Beiträge, zeigt aktuelle Forschungsansätze auf und klärt wesentliche Begriffe des Migrationsdiskurses in wissenschaftlichen, aber auch praxisorientierten Kontexten (z.B. „Integration“, „Diversität“, „residentielle Segregation“, „Migrationshintergrund“). In theoretisch-konzeptioneller Perspektive wird auch das Verhältnis von Raum und Migration diskutiert.

Abschnitt II („Staat und Region“) widmet sich den Rahmenbedingungen für das Migrationsgeschehen in Deutschland. Beschrieben werden aus historischer Perspektive internationale Migrationsprozesse in ihren Auswirkungen auf Raum- und Siedlungsentwicklung, aktuelle Tendenzen in der Arbeitsmarktpolitik und die Stellung von Kindern bzw. Jugendlichen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem.

In Abschnitt III („Region, Stadt, Quartier“) steht das Wohnquartier in seiner Funktion für die Integration von Personen mit Migrationshintergrund im Mittelpunkt. Die Beiträge in diesem Abschnitt hinterfragen kritisch das Konzept der „sozialen Mischung“, thematisieren „Migrantenquartiere“ als „Ressource oder Benachteiligung“ und fragen nach deren Bedeutung für Wohnstandortentscheidungen „türkeistämmiger Eigentümer“. Außerdem werden in diesem Abschnitt die Umsetzung kommunaler Integrations-politi(en) und die Relevanz des Soziale-Stadt-Programms im Quartier sowie die Rolle öffentlicher Plätze als Orte politischer Demonstrationen von Migranten und Migrantinnen behandelt.

Abschnitt IV („Integrationspolitik vor Ort in Europa“) konzentriert sich besonders auf politische Integrationsinitiativen, vergleicht unterschiedliche Politiken in europäischen Ländern und beleuchtet verschiedene Facetten dieses Themenfelds am Beispiel ausgewählter Städte. Hier werden z.B. „Ambivalenzen“ in kommunalen Integrationskonzepten und die Rolle von Gemeinden und Städten in der Ausgestaltung der Politik in Deutschland analysiert, internationale Vergleiche zu Frankreich und den Niederlanden gezogen und einzelne Themen wie „Migrantenökonomien“ näher betrachtet.

Eine Einleitung, die Entstehungsgeschichte des Bandes umreißt und die verschiedenen Themenkomplexe mit den jeweiligen Beiträgen vorstellt, sowie ein gemeinsames Positionspapier fast aller Autoren und Autorinnen am Ende stellen den übergreifenden Bezug zwischen den versammelten Beiträgen her. In dem Abschlusspapier werden u.a. folgende Themen angesprochen: Diversität und Differenz in Migrationsprozessen, Bedeutung von (regulierter) Zuwanderung für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung Deutschlands, Verbesserung der quantitativen und qualitativen Datenlage, Relevanz struktureller Benachteiligung sowie Verknüpfung der Bildungs-, Integrations- und Stadtentwicklungspolitik.

Als gemeinsame Klammern aller Beiträge können die Ansprüche gelten, Einführungen in aktuelle konzeptuelltheoretische Debatten zu liefern, Migrationsprozesse in ihrer räumlichen Dimension sowie in Bezug zu Stadt- und Regionalentwicklungen zu betrachten, aktuelle Integrationspolitiken auf unterschiedlichen gebietskörperschaftlichen Ebenen zu analysieren und praxisrelevante Handlungsempfehlungen zu geben. Inhaltlich beziehen sich Beiträge aufeinander – zum Beispiel hinsichtlich des Forschungsfeldes „Segregation“ und damit der räumlichen Verteilung von Zuwanderung. Hervorzuheben ist, dass nicht nur auf „Integration“ als gängiges Konzept eingegangen wird, sondern auch Alternativen angeboten werden, die verschiedene Perspektiven des aktuellen Diskurses aufgreifen (z.B. Diversity, Hybridität und Transkulturalität). Die Beschäftigung mit gängigen Stadtentwicklungsparadigmen wie dem der „sozialen Mischung“ stellt einen weiteren Schwerpunkt des Bandes dar. Positiv ist auch, dass Beiträge die Bereiche Arbeit, Wohnen und Bildung abdecken.

Die Aufsätze wählen unterschiedliche methodische Zugriffe: Einige geben einen aktuellen Forschungseinblick und gehen damit vor allem aus Literaturauswertungen hervor. Andere sind historisch angelegt und stützen sich u.a. auf eine Periodisierung des Zuwanderungsgeschehens in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg. Wiederum andere stellen eigene Fallstudien vor und beruhen vor allem auf empirischem Material. Bei den Letzteren werden sowohl quantitative Ansätze gewählt (z.B. zur Messung von „ethnischer Segregation“) als auch qualitative (z.B. Narrativ-/ Diskursanalyse zur Untersuchung der Konstruktion von „Migrant/innen“ in der politischen Praxis). Interessant ist, dass so verschiedenen Methoden und Quellen, mit denen Migrationsforschung betrieben werden kann, Rechnung getragen wird.

Insgesamt liegt in der Vielfalt der Beiträge eine Stärke und eine Schwäche des Bandes zugleich. So ist z.B. die Zuordnung einzelner Artikel zu den vier Abschnitten nicht immer nachvollziehbar. Teilweise kommt es zu inhaltlichen Überschneidungen. Die Verknüpfung der Beiträge untereinander gelingt überwiegend, was für einen Sammelband nicht unbedingt üblich ist. Insgesamt verfolgen die einzelnen Aufsätze unterschiedliche Zielsetzungen und Fragestellungen. Durch ihre interdisziplinäre Perspektive aber wird dieser Sammelband erst dem Thema in seiner Komplexität gerecht. Dass längst nicht alle Forschungsstränge der nationalen und internationalen Migrationsforschung berücksichtigt werden, ist selbstverständlich. Einigen Themenkomplexen hätte dennoch mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden können, wie etwa der viel diskutierten „Willkommenskultur“, der Aufnahme von Flüchtlingen bzw. Asylbewerbern und Asylbewerberinnen, Migrationsprozessen in Ost- und Westdeutschland sowie in unterschiedlichen Raumtypen (z.B. kleinere Städte und ländlicher Raum) – allerdings finden sich auch Hinweise der Autoren und Autorinnen auf damit zusammenhängende Forschungslücken (etwa S. 435).

Mit dem gemeinsamen „handlungsorientierten Positionspapier“ gelingt es, die Hauptanliegen trotz der Vielfalt der einzelnen Beiträge gut zu bündeln. Der Sammelband ist für eine Leserschaft aus Wissenschaft und Politik von Interesse und stellt ein Plädoyer für die stärkere Berücksichtigung der steigenden Diversität der Bevölkerung in Planung und Politik dar.

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