Raumordnung in Deutschland

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Priebs, Axel (2013): Raumordnung in Deutschland. Braunschweig – Westermann. = Das Geographische Seminar (Grundlagen der Geographie für Studium und Fortbildung). 311 S.

Mit dem Band „Raumordnung in Deutschland" hat Axel Priebs ein umfassendes und praxisnahes Lehrbuch zu Geschichte, Aufgaben, Organisation und Instrumenten der Raumordnung vorgelegt. „Im Mittelpunkt steht nicht die Theorie, sondern die Praxis der Raumordnung mit ihren klassischen und aktuellen Herausforderungen sowie ihren Gestaltungsmöglichkeiten" (S. 8). Dabei liegt der Schwerpunkt auf den Handlungsebenen der Landes- und Regionalplanung, was den Vorteil bietet, dass der Band in diesen Feldern von dem reichen Erfahrungsschatz der beruflichen Praxis des Autors profitieren kann. Gleichzeitig grenzt sich der Band damit von anderweitigen Erwartungen ab, etwa einer ausführlicheren Befassung mit der Bundes- und der europäischen Ebene oder einer vertiefenden wissenschaftlichen Einordnung und Reflexion der Inhalte.

Was sind „Gegenstand, Gestaltungsanspruch und Wirkungsmöglichkeiten der Raumordnung“? Mit dieser Frage startet der Band. Als Ausgangspunkt der weiteren Ausführungen werden einleitend die acht raumwirksamen Daseinsgrundfunktionen Wohnen, Arbeiten, Versorgung, Bildung, Erholung, gemeinschaftliches Leben, Entsorgung und Teilnahme am Verkehr erläutert. Mit Bezug zu diesen Funktionen formuliert der Autor zugleich sein ambitioniertes Grundverständnis: „Die Raumordnung ist in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft wesentliches Ausdrucksmittel des öffentlichen Gestaltungsanspruches gegenüber individuellen Interessen und unverzichtbarer Teil der Daseinsvorsorge. Sie soll der Gesellschaft hohe Lebensqualität und Chancengerechtigkeit sichern. Dabei ist Raumordnung stets an demokratische Entscheidungen gebunden“ (S. 20).

In der Folge behandelt der Band zunächst die „historischen Wurzeln der Raumordnung“, wobei kenntnisreich insbesondere auf die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts sowie die Etappen nach dem 2. Weltkrieg eingegangen wird. Etwas oberflächlich bleibt dagegen die Darstellung der Raumordnung in der Zeit des Nationalsozialismus, wo u. a. die Mitwirkung der Raumordnung an der Umsetzung der menschenverachtenden Politik sowie die späteren personellen Kontinuitäten in vielen Bereichen Anlass für eine kritische Behandlung hätten sein müssen.

Im Bereich der „Aufgaben und Arbeitsweise“ wird die Raumordnung als eine prozessuale, auf integrierte räumliche Zukunftsvisionen zielende Aufgabe dargestellt, die sowohl rechtlich normiert als auch eine politische Gestaltungsaufgabe ist. Nach der übersichtlichen Darstellung der Planungsebenen und -institutionen sowie der Plantypen folgt eine ausführliche Beschreibung des Regionalplans, die durch zahlreiche Praxisbeispiele sehr anschaulich gelungen ist. Dabei dienen die Planinhalte zur angestrebten Raum- und Siedlungsstruktur, zur Freiraumstruktur und zur Standort- und Trassensicherung der Infrastruktur dazu, die aktuellen Aufgaben der Regionalplanung und ihre Arbeitsweise zu vermitteln. Ergänzend werden förmliche Instrumente und Verfahren vertieft, die zur Sicherung und Durchsetzung der Raumordnung zur Verfügung stehen.

Neben dieser systematischen Aufbereitung des Instrumentariums schärft der Autor den Blick für Anforderungen, die sich für die Raumordnung in unterschiedlichen Räumen – hier Agglomerationen und ländliche Räume – stellen. Während bei Agglomerationen Siedungsstrukturkonzepte und Plantypen, etwa der Regionale Flächennutzungsplan oder die Gemeinsame Landesentwicklungsplanung, im Mittelpunkt stehen, geht es bei den ländlichen Räumen vor allem um die innere Differenzierung sowie um Handlungsansätze für die verschiedenartigen, verdichtungsfernen und prosperierenden wie peripheren und strukturschwachen, ländlichen Räume.

Die abschließenden Kapitel befassen sich mit ausgewählten Handlungsfeldern und Zukunftsthemen der Raumordnung. Zunächst geht es um Problemlösungen bei den in den vergangenen Jahren vielfach und kontrovers diskutierten Themen großflächiger Einzelhandel, Rohstoffsicherung und Bodenabbau, Windenergiestandorte sowie Standortsicherung für Flughäfen und Lärmschutz; dann auch um Themen, die aktuell und zukünftig als Herausforderungen für die Raumordnung absehbar sind, u. a. demographischer Wandel, Klimawandel und Klimaschutz, Kulturlandschaften sowie Vulnerabilität und Resilienz von Räumen. Im Ausblick fasst der Autor seine Überlegungen zur Raumordnung zusammen und gibt darüber hinaus eine Reihe von Empfehlungen, die in der Ausbildung zur Raumordnung künftig Beachtung finden sollten. Dabei betont er, dass die Eigenschaft, „Spezialist für das Generelle“ zu sein, ein Merkmal und zugleich ein Anspruch der Raumordnung sein solle, da diese Kompetenz zunehmend notwendiger werde. Für eine erfolgreiche Praxis seien außerdem Kenntnisse ökonomischer Zusammenhänge, der Konfliktlösung und Kommunikation zwischen widerstreitenden Interessen sowie der politischen Prozesse, in die Planung eingebunden ist, nötig. Darüber hinaus sollte Raumordnung die Öffentlichkeit frühzeitiger und offensiver beteiligen, sich zunehmend als gesellschaftlicher Dienstleister verstehen sowie Zukunftsthemen und strategische Fragen offensiv aufgreifen.

Zusammenfassend bietet der Band eine sehr gelungene Darstellung maßgeblicher Praxisfelder der Raumordnung auf Ebene der Landes- und insbesondere der Regionalplanung. Neben der fachlichen Kompetenz zeichnet er sich zugleich durch ein aufgelockertes Layout aus, das zahlreiche Pläne, Grafiken, Fotos und Exkurse einschließt und so die Inhalte anschaulich vermitteln kann. Der Autor wird damit dem eigenen Anspruch gerecht, für Studium und Fortbildung ein Lehrbuch zur Verfügung zu stellen, das einen praxisnahen Einblick in die vielfältigen Handlungsfelder der Raumordnung bietet. Vor diesem Hintergrund ist zu empfehlen, dass das Buch in den verschiedenen Studiengängen, in denen Themen der Raumordnung zum Curriculum zählen, Eingang in die entsprechenden Lehrkonzepte finden sollte.

Daneben wird bei der Lektüre des Bandes deutlich, dass angesichts der vorrangigen Ausrichtung auf die Praxis der Raumordnung die theoretische Einordnung stellenweise etwas zu kurz kommt. Beispielsweise verstellt die differenzierte Darstellung des Instrumentariums der Raumordnung den Blick auf die übergreifende Fragestellung, welche Steuerungsmöglichkeiten auf regionaler Ebene bestehen und wie sich die Raumordnung in die entsprechenden Institutionen- und Akteursstrukturen einfügen kann. Der Autor deutet diese Thematik aber durchaus an, wenn er auf den politischen Rahmen und die demokratischen Entscheidungsprozesse hinweist, die für die Raumordnung den Rahmen setzen. Ebenso wäre eine grundlegendere Diskussion zur Thematik des Raumverständnisses hilfreich, um etwa Fragen territorialer versus funktionaler Raumabgrenzung und entsprechender variabler Kooperationsbezüge zu thematisieren. Im Übrigen lässt der Autor die Frage offen, warum er den Band begrifflich eng auf die „Raumordnung“ ausgerichtet und nicht den erweiterten Begriff der Raumentwicklung verwendet hat. Das hätte es erlaubt, auch Themen der Regionalentwicklung zu behandeln, die in den vergangenen Jahren als zweites Standbein der Raumordnung allgemein Anerkennung gefunden haben. Allerdings hätte dies gegebenenfalls den Umfang des Bandes gesprengt und die Stringenz des Aufbaus beeinträchtigt, die das Lehrbuch in der vorliegenden Form auszeichnet.

Als Lehrbuch für Studium und Fortbildung will der vorliegende Band Studierenden und Praktikern Handlungswissen vermitteln, das zu einer erfolgreichen und engagierten Raumordnungspraxis beiträgt. Axel Priebs ist es in hervorragender Weise gelungen, dieses Engagement, das zugleich auch seine eigene berufliche Praxis charakterisiert, kompetent und facettenreich zu vermitteln. Das Buch unterstreicht dabei sowohl die Bedeutung, die der Raumordnung für eine hohe Lebensqualität in Städten und Regionen zukommt, als auch ihren politischen Charakter, d. h. die Notwendigkeit, dass sich Planerinnen und Planer als Teil demokratischer Entscheidungsprozesse verstehen und ihr Fachwissen engagiert in diese einbringen sollten. In diesem Sinne lässt sich der Band auch als eine Ermutigung für die Praxis der Raumordnung lesen. Es ist sehr zu wünschen, dass dieser Impuls bei Studierenden sowie in den Planungsstellen der Landes- und Regionalplanung und bei den anderen mit der Raumordnung befassten Praktikern auf fruchtbaren Boden fällt und zur Stärkung der Raumordnung beitragen kann.

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