Raumentwicklung im Klimawandel. Herausforderungen für die räumliche Planung

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Birkmann, Jörn; Vollmer, Maike; Schanze, Jochen (Hrsg.) (2013): Raumentwicklung im Klimawandel. Herausforderungen für die räumliche Planung

Hannover. = Forschungsberichte der ARL 2, 231 S

Bei vorliegendem Forschungsbericht handelt es sich um den Ergebnisband des Arbeitskreises „Klimawandel und Raumplanung" der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL). Der Sammelband umfasst acht Beiträge von Arbeitskreismitgliedern und weist ein breites Themenspektrum auf. Dies reicht von den Klimaänderungen über Verwundbarkeiten, Risiken und Chancen durch den Klimawandel bis hin zur Rolle der Raumplanung beim Klimaschutz und bei der Anpassung an Klimawandelfolgen. Dabei bietet der Bericht einen weiten Überblick über das Titelthema und vermittelt einem breiten Kreis von Lesenden Einblick in die aktuellen Diskussionen.

Nach der Einführung zeigt Manfred Stock im zweiten Kapitel die historischen und künftigen Klimaänderungen in Europa und Deutschland auf und verweist auf mögliche Kippelemente im Sinne von unumkehrbaren Folgen des Klimawandels. Dabei verdeutlicht der Autor Unterschiede in der Klimamodellierung bei regionalen Klimamodellen und betont die Rolle nichtklimatischer Einflussfaktoren wie zum Beispiel der Topographie oder der Bebauung in Bezug auf die regionalen Auswirkungen des Klimawandels. Aktuelle Erkenntnisse und Forschungen werden in diesem Kapitel sehr gut zusammengefasst und aufgezeigt. Das Kapitel ist sehr gut lesbar und auch für Lesende, die nicht weiter mit der naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung über den Klimawandel vertraut sind, sehr anschaulich und verständlich gestaltet.

Die Autoren Jörn Birkmann und Mark Fleischhauer grenzen den Begriff der Vulnerabilität ein und identifizieren als Basiskonsens, dass Vulnerabilität sowohl die Exposition und Anfälligkeit des betreffenden Systems als auch seine Bewältigungskapazitäten an sich verändernde Bedingungen umfasst. Nach der Darstellung zweier unterschiedlicher Vulnerabilitätskonzepte heben die Autoren den Einfluss der Raumplanung auf die Vulnerabilität von Raumnutzung, Raumfunktion und Raumstruktur hervor und zeigen Ansätze zur Operationalisierung in Form von Leitfragen auf. Ausführliche Beispiele verdeutlichen die Anwendung in der deutschen Planungspraxis. Die Autoren kommen zu dem Fazit, dass bei Vulnerabilität unbedingt ihr soziales, ökonomisches, ökologisches und institutionelles Ausmaß betrachtet werden müsse. Vulnerabilität könne als der zentrale Ansatzpunkt für planerische Maßnahmen beim Umgang mit den Klimawandelfolgen dienen. Überdies stellten Aussagen zur Verwundbarkeit eine hinreichende Grundlage für planerische Entscheidungen dar, gerade angesichts der Unsicherheiten der Klimaszenarien.

Im vierten Kapitel heben Jochen Schanze und Achim Daschkeit auf die Bedeutung von Risiken und Chancen des Klimawandels für die räumliche Planung ab. Zunächst werden die Begriffe Risiko und Chance und der Umgang mit Risiken in der räumlichen Planung beleuchtet. Es wird ein Konzept zur Abschätzung von Klimawandelfolgen und gleichzeitig auch von Anpassungsoptionen vorgestellt, welches das Verständnis von Risiko für die räumliche Planung operationalisiert und dabei recht abstrakt bleibt. Gemäß der von der Bundesregierung verabschiedeten Deutschen Anpassungsstrategie werden die thematischen Schwerpunkte raumbedeutsamer Risiken wie zum Beispiel im Bauwesen oder der Landwirtschaft sowie regionale Schwerpunkte wie die Alpen- oder Küstenregionen dargestellt. Als Aufgaben für die räumliche Planung werden insbesondere die fach- und gebietsübergreifende Koordination sowie gegebenenfalls die Weiterentwicklung der Fach- und Gesamtplanung abgeleitet. Für die sektoralen Handlungsfelder finden sich beispielhafte Anpassungsoptionen. Die Autoren schlussfolgern, dass ein Bedarf nach neuen methodischen Ansätzen zur Analyse und Bewertung von Risiken und Chancen bestünde, die ganzheitlich und gesamträumlich auf Wirkungsinterdependenzen des Klimawandels eingingen. Spannend, wenngleich vermutlich den Kapitelrahmen sprengend, wäre eine weitere Konkretisierung dieser Aussage gewesen.

Die Autoren Mark Fleischhauer, Gerhard Overbeck, Gerold Janssen und Walter Kufeld geben einen Überblick zur Thematik Raumplanung und Klimaschutz. Dazu werden allgemeine Ziele und Strategien des Klimaschutzes sowie Handlungsbereiche der Raumordnung wie zum Beispiel die Standortsicherung für Anlagen zur CO2-Speicherung angeführt. Es wird weiter auf die energiesparende und verkehrsvermeidende Siedlungs- und Verkehrsentwicklung eingegangen. Umfänglich wird auf die räumliche Vorsorge für den Ausbau erneuerbarer Energien in den Bereichen Windenergie, Photovoltaik, Biomasse, Wasserkraft und Geothermie abgehoben. Die Autoren gehen auf Beispiele für Synergien und Konflikte zwischen Klimaschutz und Anpassung an Klimawandelfolgen in einzelnen Handlungsfeldern ein. Sie ziehen das Fazit, dass es aufgrund der Komplexität und mitunter auch Widersprüchlichkeit keine Blaupause für Umgangsweisen mit Synergien und Konflikten geben könne, zumal es in diesem Kontext auch normativer Entscheidungen auf der jeweiligen lokalen Ebene bedürfe.

Das Autorenteam Birte Frommer, Sonja Schlipf, Hans Reiner Böhm, Gerold Janssen und Petra Sommerfeldt stellt die Rolle der räumlichen Planung bei der Anpassung an Klimawandelfolgen dar. Dazu bietet eine Tabelle mit Einflussmöglichkeiten der räumlichen Planung bei der Anpassung von der subnationalen bis zur kommunalen Ebene und auf der Fachplanungsebene eine gute Übersicht. Ausführlich werden Aktivität, Instrumente sowie formelle und informelle Möglichkeiten der einzelnen Ebenen EU, Bund, Land, Region und Kommune vorgestellt. Darauf folgen Ausführungen zum Verhältnis von Raumplanung und Fachplanung bei der Anpassung mit besonderem Bezug auf Hochwasserschutz, Naturschutz und Landschaftsplanung, land- und forstwirtschaftliche Planung sowie kurz zu Brand- und Katastrophenschutz. Dem Fazit der Autoren nach steht der Planung auf allen Ebenen ein umfassendes Instrumentarium zur Verfügung, das zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels eng miteinander verzahnt werden müsse. Dabei können sowohl formelle als auch informelle Instrumente entscheidend zur Anpassung beitragen. Nach ihrer Auffassung besteht ein künftig höherer Abstimmungs- und Koordinationsbedarf mit vielfältigen Akteuren, um der Herausforderung des Klimawandels gerecht zu werden.

Im siebten Kapitel behandelt das Autorenteam Erike Franck, Mark Fleischhauer, Birte Frommer und Dirk Büscher das Thema der Klimaanpassung durch strategische Regionalplanung unter besonderer Berücksichtigung des Umgangs mit Unsicherheiten. Hierbei werden Leitbilder mit eindeutigen Zielsetzungen anstelle allgemeiner Aussagen in Strategiepapieren gefordert, da nur dann konkrete Maßnahmenvorschläge entwickelt werden könnten. Es wird auf die strategische Planung als Kontext für die Klimaanpassung verwiesen und auf die besondere Eignung von Szenarien, von Strategien zur Akzeptanzsteigerung von Maßnahmen und von Prozessmodellen für Anpassungsstrategien eingegangen. Die Autoren bewerten in ihrem Fazit die strategische Regionalplanung als einen guten Ansatz zur Anpassung, da Entscheidungswege verkürzt und die Planungswirksamkeit und Planungseffizienz gesteigert werden könnten. Somit ist die Rolle der strategischen Regionalplanung bei der Klimawandelanpassung nach ihrer Einschätzung zentral, werde aber derzeit in der Planungspraxis abseits von der Teilnahme an Förderprogrammen noch unterschätzt.

Im zusammenführenden Kapitel heben Jörn Birkmann, Walter Kufeld, Dirk Büscher, Jochen Schanze und Maike Vollmer hervor, dass es sich beim Klimawandel um eine neue Herausforderung für die Raumplanung handelt und die räumliche Planung als Querschnittsaufgabe besonders geeignet ist, sowohl den Klimaschutz als auch die Anpassung an die Folgen des Klimawandels zu bearbeiten. Allerdings stellen sie die Forderung auf, dass sich die Raumplanung intensiver mit verschiedenen Zukunftsszenarien und Bandbreiten auseinandersetzen und eine aktivere Rolle bei der Thematik einnehmen müsse. Darüber hinaus bedürfe die räumliche Planung geänderter normativer Ausrichtungen für die Anpassung und eines gestärkten sowie weiter entwickelten formellen Instrumentariums. In Anlehnung an das vorletzte Kapitel wird Anpassung als zyklischer Prozess verstanden, was auch die strategische Orientierung der Planung zu unterstützen scheint. Abschließend werden einige Handlungsempfehlungen für die Praxis der Raumplanung benannt wie die Einnahme einer entscheidenden Koordinationsrolle, die Ableitung raumplanerischer Vorsorgestandards, der Ausbau von Monitoringsystemen oder die stärkere Vernetzung von Planungsebenen.

Insgesamt stellt der Sammelband eine Zusammenschau aktueller Forschungs- und Diskussionsergebnisse dar, die vor allem für die raumplanerische Praxis einen Überblick über vorhandene und relevante Diskussionen und Erkenntnisse im Themenfeld Raumentwicklung beziehungsweise Raumplanung und Klimawandel bietet. Der Schwerpunkt liegt dabei deutlich auf dem Umgang mit den Folgen des Klimawandels. Für die internationale Forschungsdiskussion relevante neue Ergebnisse finden sich nicht, das ist aber auch nicht Ziel der Veröffentlichung. Auch für noch nicht ins Thema vertiefte Forschende der räumlichen Planung bietet der Band einen Einstieg und Überblick. Wertungen und Schlussfolgerungen für den Umgang mit Klimawandelfolgen und der verbundenen Unsicherheit innerhalb der räumlichen Planung werden vorgenommen und geben entsprechende Orientierungshinweise für die Planungspraxis. Auch werden, aus der Sicht der Autoren, notwendige Weiterentwicklungen und Handlungserfordernisse für die Raumplanung im Themenfeld angeraten. Themenneulinge finden ein hilfreiches Glossar zentraler Begriffe. Das in den Beiträgen zu findende Plädoyer zur Stärkung der Kompetenzen und Ressourcen der räumlichen Planung, insbesondere der Regionalplanung, ist gerade im Hinblick auf die räumliche Relevanz der Klimawandelfolgen sowie der Strategien zum Klimaschutz gut begründet und vor dem Hintergrund der anstehenden Herausforderungen durchaus angemessen.

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