Suburbane Räume als Kulturlandschaften

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Schenk, Winfried; Kühn, Manfred; Leibenath, Markus; Tzschaschel, Sabine (Hrsg.) (2012): Suburbane Räume als Kulturlandschaften

Hannover: Akademie für Raumforschung und Landesplanung. = Forschungs- und Sitzungsberichte der ARL, Band 236. 412 S

Das Thema Landschaft gewinnt an Aktualität, und zwar in doppelter Hinsicht: Einerseits schlagen sich die großen Herausforderungen der Gegenwart, wie der Klimawandel, der demographische Wandel, der Wandel der Lebensstile und eben die Suburbanisierung im physischen Raum nieder, wodurch sich die Grundlagen für die Wahrnehmungen von Räumen als Landschaften ändern. Andererseits vervielfältigen sich die wissenschaftlichen Perspektiven auf das Thema Landschaft: Heute wird Landschaft zumeist nicht mehr wie in der alten, vierfach essentialistisch argumentierenden, „Einheitsgeographie“ als eigenständiger Organismus mit einem spezifischen ,Wesen' verstanden. Neben positivistischen Deutungen, die Landschaft als empirisch eindeutig fassbaren und beobachterunabhängigen Gegenstand verstehen, haben sich in den vergangenen drei Dekaden konstruktivistische Ansätze des Landschaftsverständnisses entwickelt.

Der Wandel des Landschaftsverständnisses dokumentiert sich auch in den Beiträgen der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) zu dieser Thematik: Waren diese bis in die 1990er Jahre durch eine Konzentration auf den Naturschutz geprägt, dokumentiert der Sammelband „Kulturlandschaften als Herausforderung für die Raumordnung“ (Matthiesen et al. 2006) eine stärkere Zuwendung zu raumordnerischen Themen und auch zu konstruktivistischen Perspektiven. Der vorliegende Band stellt sich in die Tradition dieser Entwicklung.

Die rezensierte Publikation fasst die Ergebnisse der Arbeit des sogenannten 4R-Arbeitskreises 1 „Suburbane Räume als Kulturlandschaften“ zusammen. Sie lässt sich als nachvollziehbar strukturiert und durchweg problemlos zu lesen charakterisieren, was sie auch für einen breiten Interessentenkreis an den Themenfeldern Suburbanisierung und Landschaft attraktiv werden lässt. Der Band gliedert sich in fünf Teile: Der erste Teil führt in die Thematik ein (Schenk/Overbeck), insbesondere indem einerseits suburbane Räume als Gegenstand und Objekt von Bedeutungszuschreibungen (Hesse) wie auch die Bedeutung der Suburbanisierung vor dem Hintergrund aktuell diskutierter Reurbanisierungstendenzen erörtert werden (Danielzyk/Priebs), andererseits eine semantische Annäherung an das Thema Landschaft vollzogen wird (Leibenath/Gailing). Der zweite Teil widmet sich den analytischen wie empirischen Zugängen des Verständnisses von suburbanen Räumen als Kulturlandschaft aus diskursanalytischer (Leibenath), wahrnehmungstheoretischer (Tzschaschel), handlungsraumorientierter (Gailing), ökologischer (Breuste), hermeneutischer (Hahn) und raumordnungsrechtlicher Perspektive (Huck). Teil 3 befasst sich mit der Frage, wie suburbane Räume als Gestaltungsräume verstanden werden können und in welcher Form eine landschaftliche Perspektive einen Mehrwert gegenüber bisherigen Ansätzen (z. B. der Fokussierung auf traditionelle Kulturlandschaften; insbesondere im Beitrag von Hauser) mit sich bringt. In diesem Kontext wird insbesondere die Frage behandelt, inwiefern die Regionalplanung (Danielzyk/Priebs) bzw. Landschaftsplanung (Marschall/Hokema) einen Beitrag zur „Qualifizierung“ suburbaner Landschaften leisten kann, aber auch wie suburbane Räume Gegenstand der Gestaltung sein können (Vicenzotti). Der vierte Teil des Bandes widmet sich regionalen Studien: der „Regionale 2010“ in der Region Köln/Bonn (Molitor), dem Medium der „Heimatkisten“ als kommunikativ-assoziativer Zugang zu suburbanen Selbstverortungen (Kleefeld/Schenk), der historischen Aufnahme suburbaner Strukturen zwischen Berlin und Potsdam (Kühn), dem Einsatz eines Kulturlandschaftskatasters zur Erhaltung und Weiterentwicklung landschaftsrelevanter Objekte (Kopp) und der Entwicklung suburbaner Strukturen im Oberen Elbtal (Roch). Der fünfte Teil umfasst Fazit und Ausblick (Danielzyk/Gailing/Kühn/Leibenath/Priebs/Schenk). Darin wird in besonderer Weise auf den Mehrwert eines multiperspektivischen Herangehens an das Thema suburbaner Landschaften abgehoben und der Einsatz adäquater Fördermöglichkeiten und Planungsinstrumente eingefordert.

Der Band lässt sich als eine gelungene Bezugnahme zwischen den zwei Themenkomplexen der Landschaftsentwicklung und des Landschaftsverständnisses einerseits und der Suburbanisierungsforschung andererseits beschreiben. Der aktuelle – insbesondere deutschsprachige – Forschungsstand wird verständlich dargestellt und es werden neue Impulse für künftige Forschungen gegeben. Dabei werden geschickt positivistische mit konstruktivistischen Perspektiven verknüpft, wobei ein ideologiekritischer und reflexiver Blick auf die beiden Themenkomplexe gelingt und die Pluralität von Verständnissen und Konzepten zu den Themen Landschaft und Suburbanisierung nicht allein anerkannt, sondern auch als Bereicherung begriffen wird. Durch die Verbindung eher theoretischer Beiträge mit praktischen Fallbeispielen gelingt den Autoren eine transdisziplinäre Perspektive, die nicht, wie so häufig, konstruiert erscheint, sondern dem Thema in seinem Facettenreichtum angemessen ist. Der Band zeigt die Potenziale des lange verschmähten Themas Landschaft eindrucksvoll auf. Dabei liefern die eher praktisch orientierten Ansätze der Fallbeispiele zahlreiche Anknüpfungspunkte für die Planungspraxis, die eher theoretisch orientierten Beiträge zeigen Schnittstellen des Landschaftsthemas für sozialgeographische und soziologische Forschungen auf. Als einziger Kritikpunkt lässt sich die starke Fokussierung auf die deutschsprachige Forschung formulieren. Eine stärkere Berücksichtigung internationaler Forschungsperspektiven, z. B. in Form eines eigenen Beitrages, hätte die Multiperspektivität erweitern können.

Der Band „Suburbane Räume als Kulturlandschaften“ verbindet gut die aktuellen Landschafts- und Suburbanisierungsforschungen. Durch die Öffnung der räumlichen Planung zu landschaftsbezogenen Themenkomplexen könnte sie eine stärkere lebensweltliche Fundierung erhalten. Die Ergebnisse des hier vorgestellten Bandes können einen Schritt in diese Richtung darstellen. Darüber hinaus liefert der Band ein Beispiel für eine wissenschaftliche und praktische Befassung mit dem Thema Landschaft, jenseits naturschutzfachlicher Verengungen. Im Sinne der von Deutschland noch immer nicht unterzeichneten Europäischen Landschaftskonvention wird hier die Bedeutungsvielfalt von Landschaften veranschaulicht und für die Raumplanung verfügbar gemacht. Mehr noch: Der Band liefert Gründe und Verfahren, die Deutungshoheit des Naturschutzes über Landschaft in Deutschland aufzubrechen, um eine stärkere Integration gesellschaftlicher Bedürfnisse im Umgang mit Landschaft zu erreichen. Schließlich dominiert außerhalb der Planungs- und Raumwissenschaften die Konstruktion von Räumen als Landschaften, und mit Hilfe dieses Themas lässt sich über räumliche Planung jenseits einer planungsterminologisch geprägten Sprache gesellschaftlich kommunizieren.

Literatur

Matthiesen, U.; Danielzyk, R.; Heiland, S.; Tzschaschel, S. (2006): Kulturlandschaften als Herausforderung für die Raumplanung. Verständnisse – Erfahrungen – Perspektiven. Hannover. = Forschungs- und Sitzungsberichte der ARL, Band 228.

Footnotes

1

Gemeinsamer Arbeitskreis der vier raumwissenschaftlichen Einrichtungen in der Leibniz-Gemeinschaft (neben der ARL das Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL), das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) und das Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS)).

Matthiesen, U.; Danielzyk, R.; Heiland, S.; Tzschaschel, S. (2006): Kulturlandschaften als Herausforderung für die Raumplanung. Verständnisse – Erfahrungen – Perspektiven. Hannover. = Forschungs- und Sitzungsberichte der ARL, Band 228.

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