Reurbanisierung. Materialität und Diskurs in Deutschland

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Brake, Klaus; Herfert, Günter (Hrsg.) (2012): Reurbanisierung. Materialität und Diskurs in Deutschland

Wiesbaden: Springer VS. 422 S.

In einigen Bereichen überlappen sich die Fragestellungen von Raumforschung und Stadtforschung. Dazu zählen vor allem die Untersuchungen zur räumlichen Struktur des Städtesystems (etwa zur Theorie zentraler Orte) und zum Wandel der Stellung der Stadt in ihrer Region, etwa zu den Prozessen der Suburbanisierung und der Reurbanisierung. Gerade an diesen Prozessen besteht auch ein ausgeprägtes Interesse der kommunalen und regionalen Praktiker, da von der Wohnungspolitik über die Verkehrspolitik bis zur kommunalen Finanzpolitik viel von der räumlichen Verteilung der Bevölkerung (und Bevölkerungsgruppen) und der Wirtschaft (und Wirtschaftsbranchen) in der Stadtregion abhängt.

Das Buch von Klaus Brake und Günter Herfert und den 24 weiteren Autorinnen und Autoren mit insgesamt 21 Beiträgen kann nicht nur wegen dieses breiten Interesses aus Raum- und Stadtforschung, aus Theorie und Praxis mit großer Aufmerksamkeit rechnen. Diese ist ihm vor allem auch wegen der Aktualität der Debatte darüber sicher, ob es gegenwärtig einen Trendwechsel von der Suburbanisierung zur Reurbanisierung gibt. Die Erwartung des Lesers ist schließlich auch deshalb gespannt, weil die beiden Herausgeber (damals zusammen mit Jens Dangschat) vor etwa 10 Jahren ein Buch mit dem Titel „Suburbanisierung in Deutschland. Aktuelle Tendenzen“ herausgebracht hatten und sich nun der Frage stellen mussten, inwieweit sich inzwischen die Fakten oder ,nur‛ die Sichtweisen geändert haben. Wie damals werden national orientierte Querschnittskapitel durch regionale Fallstudien ergänzt: Berlin, Leipzig und München tauchen in beiden Bänden auf, statt Rhein-Main, Stuttgart und der Thüringer Städtereihe werden jetzt Dortmund und Hamburg behandelt. Ein Beitrag zu Barcelona, London und Chicago wirft ergänzend einen Blick über den nationalen Zaun. Dieses duale Muster des Zugangs hat sich im Prinzip erneut bewährt, wenn auch die Fallstudien zu selten den Vergleich mit anderen Städten suchen.

Einige harte Fakten zunächst, und zwar aus dem Beitrag von Günter Herfert und Frank Osterhage: „Wohnen in der Stadt: Gibt es eine Trendwende zur Reurbanisierung? Ein quantitativ-analytischer Ansatz“, der nicht zuletzt durch seine hervorragenden Karten und Graphiken besticht. Die Verfasser unterscheiden Typen der Stadtregionsentwicklung – für wachsende und schrumpfende Regionsbevölkerungen, mit relativer oder absoluter Zentralisierung oder Dezentralisierung beim Vergleich von Kernstadt und Umland. Sie fragen nach der Verbreitung der Typen unter den 78 deutschen Stadtregionen in den Jahren 1999–2004 und 2004–2008 und vergleichen dabei die Prozesse in West und Ost. Die Antwort der Verfasser auf ihre Frage ist ein klares „Ja“: Mitte des Jahrzehnts vollzog sich innerhalb kurzer Zeit nicht nur eine „diskursive Wende“ (S. 86), sondern eine der Fakten: „Die Reurbanisierung hat ... die Suburbanisierung als dominantes Raummuster der 1990er Jahre weitestgehend abgelöst“ (S. 107). Träger des „neuen Leittrends“ sind junge, nicht alte Menschen, interregionale, nicht intraregionale Wanderungen. Reurbanisierung und Suburbanisierung erscheinen bei dieser Operationalisierung der Fragestellung als zwei einander ausschließende Alternativen.

Das ist nicht in allen Beiträgen so, denn die Herausgeber bemühen sich – teils schon mit den einzelnen Beiträgen, sicher aber in deren wechselseitiger Ergänzung – ein breites Spektrum von Fakten, Begriffsverständnissen und theoretischen Einordnungen vorzustellen: Neben die räumliche Verteilung der Bevölkerung stellen sie andere Indikatoren, solche der Produktion (Arbeitsplätze, BIP etc.) und des Konsums (Einzelhandel, Kultur, Tourismus etc.). Neben die Perspektive auf die Region mit der dichotomen (administrativen) Unterteilung in Kernstadt und Umland treten Ringmodelle („City – innere Stadt/Innenstadt – äußere Stadt – Umland“, aber auch „Innenstadt – Innenstadtrand – Stadtrand“) und weitere innerstädtische Gliederungen unterschiedlicher Ausrichtung (Bezirke, Stadtteile, zentrale Gebiete/Stadtzentren, Quartiere u. a. m.).

Reurbanisierung wird meist als „neuerliche Bedeutungszunahme innerer Städte“ (Beitrag Klaus Brake: „Reurbanisierung – Interdependenzen zum Strukturwandel“, S. 29) verstanden. Je kleinteiliger das Raumkonzept, umso mehr schieben sich städtebauliche Fragen in den Vordergrund, die zumal in den Fallstudien auch mit Fotos veranschaulicht werden. Daneben werden Strategien der Aufwertung (städtebauliche Programme und deren Umsetzung, Leuchtturmprojekte und behutsame Stadterneuerung), das Verhalten privater Investoren und – ein Reizwort – „Gentrifizierung“ zum Thema. Mieterhöhung, soziale Spaltung und räumliche Verdrängung (auch letzter Freiräume!) sind dann die Schattenseiten einer politisch betriebenen und auch fiskalisch motivierten Reurbanisierung. Diese kann – von den Statistiken der Ergebnisvariablen (Bevölkerung, Arbeitsplätze etc.) gelöst – erstens zeitgleich mit Suburbanisierung auftreten (bis hin zur gewagten begrifflichen Verschmelzung der Reurbanisierung als „innerstädtische Suburbanisierung“ bei Andrej Holm S. 251) und gibt zweitens insgesamt – auch normativ – ein weit unschärferes Bild ab als die Suburbanisierung. Dabei darf, wie mehrfach betont wird, auch das „Re-“ nicht als Rückkehr zu einem früheren Zustand missverstanden werden.

Im Beitrag von Klaus Brake und Rafael Urbanczyk: „Reurbanisierung – Strukturierung einer begrifflichen Vielfalt“ werden schließlich elf Dimensionen unterschieden (die administrative, qualitative, räumliche, zeitliche, analytische, normative, physische, ökonomische, soziodemographische, sozialstrukturelle und quantitative Dimension). Der Begriff „Reurbanisierung“ wird so in ein Feld von Kontexten gerückt, das von der Urbanität bis zur kommunalen Gebietsreform reicht. Die politischen Auseinandersetzungen um Attraktivität im globalen Standortwettbewerb und die Rivalitäten wissenschaftlicher Disziplinen um Deutungshoheit und Reputation generieren eine Fülle von „Diskursen“, die jeweils andere Dimensionen betonen. „Sprachspiel Reurbanisierung – Formationen, Kritik und Potenziale eines urbanen Diskurses“ nennt Markus Hesse seinen Beitrag, in dem er den „architektonisch-städtebaulichen Diskurs“ über die „Renaissance der städtischen Zentren“, den „sozialwissenschaftlichen Diskurs“ über die „Renaissance des innerstädtischen Wohnens“ und den „öffentlichen Diskurs“ über die „Renaissance der Städte“ vor der „empirischen Kulisse“ der Trends der Stadtentwicklung in Europa beispielhaft skizziert.

Nach der Lektüre des gesamten Bandes ist dem Leser deutlich, wie viele Faktoren im Reurbanisierungsprozess zusammenspielen: vom demographischen Wandel und den Wohnpräferenzen der Bürger über den Aufstieg der „(innen-)stadtaffinen“ Wissensökonomie und Kulturwirtschaft („kreative Klasse“) und über die Risikopräferenzen der Immobilieninvestoren – vor und nach der Bankenkrise – (Beitrag von Tobias Just, S. 175 ff.) bis hin zu den Investitionsstrategien der Stadtverwaltungen; wie vielfältig das Wechselspiel zwischen stadtpolitischen Akteuren und Marktprozessen, zwischen baulichen Strukturen in den Quartieren und sozialen Strukturen der Bewohnerschaft ist; wie unterschiedlich die Prozesse und Effekte in den einzelnen Städten, in den verschiedenen städtischen Teilräumen und in den Betrachtungszeiträumen sind (einprägsam das spiralige Bild der „Stationen der Aufwertung in der Berliner Innenstadt“ nach Holm bei Klaus Brake S. 267); wie schwankend sich die Erfahrungen der Vergangenheit und wie unsicher sich die Perspektiven für die Zukunft darstellen.

Die Beiträge – alle mit sehr reichhaltigen Literaturverzeichnissen – spiegeln die zweimal zwei Seiten der aktuellen Raum- und Stadtforschung wider: erstens ihre Angewiesenheit auf konkrete, empirisch-quantitative Fallstudien, die neue Befunde unbekannter Allgemeingültigkeit darstellen, und ihre Suche nach abstrakteren, theoretisch-qualitativen Generalisierungen, die allerdings mit ihren unbestimmten Möglichkeitsräumen („mal ist es so – mal anders“) leicht in die Nähe von Leerformeln rücken. Die Forderung, „die Positionen der verallgemeinernden Gegenstandsbeschreibungen zu verlassen“ (Beitrag Andrej Holm, S. 239), führte aber – strikt umgesetzt – wissenschaftlich nicht auf einen Königspfad. Eher selten wird auch in diesem Band die Zwischenstufe der Typisierung und der Aussagen über Stadttypen genutzt (vgl. aber etwa die Beiträge von Günter Herfert/Frank Osterhage und von Hans Joachim Kujath).

Neben diesem Unterschied in der angestrebten Reichweite der Aussagen rückt der Band zweitens mit dem Untertitel „Materialität und Diskurs“ eine Fragestellung nach vorn, die zunehmend auch in der Raumwissenschaft Aufmerksamkeit gewinnt: die Unterscheidung, möglicherweise Diskrepanz, zwischen dem, was im Gegenstandsbereich empirisch erfassbar ist, und dem, was wissenschaftlich und politisch verhandelt wird und damit das Handeln bestimmt. Zwar hoffe ich, dass sich der Begriff des Untertitels „Materialität“ nicht (gegen z. B. „empirische Befunde“ oder „Fakten“) durchsetzt, denn bei ihm assoziiert man doch eher Kies und Beton als Wanderungssalden, Wohnpräferenzen oder Gewinnerwartungen, aber die Verfolgung der neuen (sozialwissenschaftlichen!) Fragerichtung nach den Diskursen erscheint mir zwar nicht gleich gewichtig, aber immerhin fruchtbar zu sein. Wenn in Dortmund „Prozesse der Gentrifizierung bislang nicht als reales Problem wahrgenommen [werden]“ (Beitrag Frank Osterhage/Stefan Thabe, S. 302), wird man zukünftig klarer sagen müssen, ob es daran liegt, dass es sie nicht gibt, oder daran, dass sie nur nicht wahrgenommen werden.

Die Autorinnen und Autoren pflegen im Allgemeinen eine sachliche, zurückhaltende Sprache, so dass Ausreißer wie die „Brutstätten des Neoliberalismus“ (Beitrag Ulrike Gerhard, S. 56) oder das „Wuchern der städtischen Infrastruktur“ (Beitrag Tobias Just, S.167) auffallen. Leider beziehen sich die Texte inhaltlich kaum aufeinander. Es fehlt der „Diskurs im Buch“. Offenbar haben meist nur die Herausgeber die Querverweise zwischen den Beiträgen hergestellt. Die Herausgeber ließen Unterschiede in den Begriffsverwendungen ebenso zu wie in den methodischen Präferenzen, den sachlichen Schwerpunkten in den Fallstudien oder den wissenschaftlichen Positionen, z. B. zur Bedeutung der Gentrifizierungsforschung. So bietet der Band ein anregendes, breites und differenziertes Bild von Zugängen und empirischen Ergebnissen in der aktuellen Stadt– und Raumforschung, bis hin zu den Rivalitäten zwischen Forschungslinien.

Literatur

Brake, K.; Dangschat, J.; Herfert, G. (Hrsg.) (2001): Suburbanisierung in Deutschland. Aktuelle Tendenzen. Opladen.

Brake, K.; Dangschat, J.; Herfert, G. (Hrsg.) (2001): Suburbanisierung in Deutschland. Aktuelle Tendenzen. Opladen.

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