Landfrust. Ein Blick in die deutsche Provinz / Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt / Landlust. Ein Selbstversuch in der deutschen Provinz. / Landleben. Von einer, die raus zog

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Brüggemann, Axel (2011): Landfrust. Ein Blick in die deutsche Provinz. Reinbek: Kindler Verlag, 269 S. Müller, Christa (Hrsg.) (2011): Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt. München: Oekom Verlag, 349 S. Reichert, Martin (2011): Landlust. Ein Selbstversuch in der deutschen Provinz. Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 221 S. Sezgin, Hilal (2011): Landleben. Von einer, die raus zog. Köln: DuMont Buchverlag, 270 S

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Kürzlich wurde gemeldet, dass die zweimonatlich erscheinende Zeitschrift LandLust – neben der wegen des Erfolgs inzwischen noch weitere inhaltsähnliche Journale auf dem deutschen Markt erscheinen – eine auf über eine Million Hefte gestiegene Auflage habe, während der SPIEGEL der zwar wöchentlich erscheint, unter die Millionenmarke gesunken sei. Konträr zu diesem Erfolg des „Landes“ steht die Aussage eines Kommentars in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 12. April 2012, dass ein Blatt, „das dem realen Leben in manchen Regionen Deutschlands nachspüren wollte“ eher „Landflucht“ denn „Landlust“ heißen müsste, da aus den „wirtschaftsschwachen Landstrichen“ gerade „die Jungen“ abwandern (o. V. 2012, S. 8).

Könnte es sein, dass hinter dieser Lust aufs „Land“ und der Flucht aus dem „Land“ ganz unterschiedliche Begriffe und Vorstellungen von Land stehen? Könnte es sein, dass diejenigen, die Lust aufs „Land“ haben, nicht auf dem „Land“ leben, nicht wissen, was Landleben wirklich bedeutet, während denjenigen, die in bestimmten ländlichen Gegenden leben, die Lust darauf gänzlich vergangen ist? Könnte es sein, dass diese so offensichtlich gegensätzlichen Begriffe durchaus zeitgleich und nebeneinander existieren, nur eine scheinbare Paradoxie wiedergeben, weil es nebeneinander existierende Realitäten der Situation und der Wahrnehmung des Landes gibt, je nach individueller Lebenslage?

Diese scheinbare paradoxe Konstellation ist so neu eigentlich nicht. Erinnern wir uns an die Jugendbewegung. Ihr Ruf „Aus grauer Städte Mauern“ war ein Ruf gegen Verstädterung und Industrialisierung, war ein Sehnen nach Landschaft und Natur, dem aber auch damals schon ein ländliche Realität gegenüberstand, die viele wegen ihrer misslichen Lebensumstände verließen, um in den Städten Arbeit zu finden – eine damals durchaus wahrgenommene soziale und räumliche Problemsituation. Daraus entstanden viele Versuche, solche Stadt-Land-Unterschiede auszugleichen, wenn nicht gar zu beseitigen. Sie wurden in Deutschland zu einem dominanten Thema der räumlichen Ordnung, der räumlichen Entwicklung, samt der Strategien zu ihrer planerischen und politischen Gestaltung.

Standen anfänglich, um 1900, eher die Neuordnung der städtischen Großräume und insbesondere eine bessere Wohnungsversorgung in den Städten im Fokus, so hat man rückblickend oft den Eindruck, als ob sich Raumordnung häufig nur noch um ländliche Räume gekümmert hat: Sei es im Hinblick auf den Erhalt der bäuerlichen Landwirtschaft, sei es im Hinblick auf die Ansiedlung industrieller Arbeitsplätze, sei es im Hinblick auf den Erhalt der Natur. Zu manchen Zeiten, nicht nur zu Zeiten des Nationalsozialismus, konnte man sogar den Eindruck haben, dass die Städte als Stätten ungesunder Lebensverhältnisse angesehen wurden, denen man nur durch eine grundsätzliche Rückbesinnung auf als ursprünglich angesehene ländliche Lebensformen beikommen könne. Spuren einer solchen Sichtweise reichen bis in die Anfänge der Bundesrepublik. Sie finden sich in politischen Konzeptionen und in Gesetzen. Hier fanden nicht nur einmal, sondern immer wieder – bis heute – Initiativen oder gar Kampagnen für den ländlichen Raum ihre Begründung. Inzwischen ist dieser einseitige Fokus jedoch einer allen räumlichen Konfigurationen gerecht werdenden Sichtweise gewichen. Nicht zuletzt, weil sich wegen des industriellen und gesellschaftlichen Strukturwandels herausgestellt hat, dass in manchen Städten die internen räumlichen Disparitäten größer waren und sind als die zum Umland. Wie sich überhaupt herausgestellt hat, dass die Unterschiede zwischen und in den Städten, aber auch die zwischen den durchaus unterschiedlichen ländlichen Räumen eigentlich ein Denken in der herkömmlichen Stadt-Land-Schablone als allzu simple Schwarz-Weiß-Malerei verbieten sollten.

Aber das Thema der besonderen Notwendigkeit, den ländlichen Raum gegenüber den Städten zu stützen und zu entwickeln, ist noch immer ein wichtiges Moment in der politischen Auseinandersetzung und Gestaltung, nicht zuletzt zur Pflege vermeintlicher politischer Klientel, auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung in Städten lebt und wir durchaus von einer Ubiquität des Städtischen auszugehen haben. Aber vielleicht ist gerade dies auch ein Grund für die Lust auf das „Land“.

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Angesichts dieser Ausgangslage ist es interessant zu beobachten, dass die Diskussion um die Unterschiede in der räumlichen Entwicklung Deutschlands sich nicht nur auf fachliche und politische Kreise beschränkt, sondern als Teil persönlicher und räumlicher Orientierungen oder Präferenzen auch Eingang gefunden hat in eher populäre Erfahrungsliteratur, die als Be- oder gar Erkenntnisse einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Dafür scheint ein Markt zu existieren. Hier werden Formen des Lebens im ländlichen Umfeld als das Wahrmachen eines Traumes dargestellt, dessen Verwirklichung eine städtisch finanzierte Lebensgrundlage voraussetzt. Diese gelebte Landlust auf dem Lande ist in aller Regel eben keine grundsätzlich alternative oder gar konträre Lebensform zu der der Stadt. Es ist eher die eines Städters, der sich mit städtischem Hintergrund eine ländliche Idylle – häufig geschmückt mit landwirtschaftlichen Relikten einer längst vergangenen Zeit – schafft, die er mit seinem SUV1 schnell erreichen kann. Es ist ein ländliches Artefakt. Es ist keine Lebensform in der Art einer grundsätzlichen Rückbesinnung oder Rückzugs aus der urbanen Zivilisation, wie manche Raumpioniere sie in der Tradition Henry David Thoreaus durchaus heute noch pflegen. Aber das sind Ausnahmen.

Wenn Hilal Sezgin in ihrem Buch „Landleben“ ihre Erfahrung mit und auf dem Lande – in einem Dorf in der Lüneburger Heide, nach ihrem Wegzug aus Frankfurt a.M. – schildert, dann ist es wichtig zu wissen, dass sie als „freiberufliche Autorin“ zwar auf dem Lande arbeitet, aber dort eigentlich keinen lokal bestimmten „Job“ hat, denn das – der Ubiquität des Städtischen sei Dank – „geht dank Internet von überall“ (S. 10), um sich einen Traum von einem „Leben mit Jahreszeiten“ (S. 10), mit Tieren, mit Ausblick, den sie schon als Jugendliche hegte, nun zu erfüllen. Und dies nicht erst mit 65. Ihre Erfahrungen zu lesen, wie sie sich auf eine völlig neue Umwelt, auf das Aufziehen von Tieren einstellt, wie sie die Unterschiede in den sozialen Beziehungen im Dorf darstellt, ist interessant, durchaus auch amüsant zu lesen, weil gut geschrieben. Auch ist sie sich darüber im Klaren, dass ihr Leben auf dem Lande nicht ein Aussteigen ist (S. 81), sondern nur ein stärker am Rhythmus der Natur orientiertes Leben, auch wenn sie mehr als zuvor in ihrem Leben Auto fahre (S. 73) und den halben Tag vor dem PC verbringe (S. 82). Auch in der Schilderung der Menschen, die schon „immer“ auf dem Land und vom Land gelebt haben, wird deutlich, dass die Autorin sich keine Illusionen über den stattgefundenen Abschied vom herkömmlichen Agrarland in Deutschland macht, weil die Agrarproduktion weitgehend industrialisiert sei und für die meisten Bewohner gelte: „Heute sind das ja gar keine ländlichen Haushalte mehr, sondern die Leute führen städtische Haushalte auf dem Land“ (S. 107). Es klingt überzeugend, dass die Autorin in dieser Form des Lebens auf dem Lande, in der Eingebundenheit mit der Natur ihre „Erfüllung“ gefunden hat. Dies insbesondere weil sie dies nicht dogmatisch auch für andere vorgeschrieben wissen will, da sie weiß, dass es „kein Zurück zur Natur, kein Zurück zu einem unbescholtenen Mensch-Sein“ gibt (S. 265). Deshalb nimmt man ihr auch ihren Skeptizismus gegenüber „fortschreitender Technologisierung“ ab (S. 267), weil sie für sich andere Wege geht. Dies ist ein Erfahrungsbericht über ein Leben auf dem Lande, nicht über das Leben auf dem Lande heute.

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In einer ähnlichen Konstellation lebt auch der taz-Journalist Martin Reichert, aber eben nur teilweise, eigentlich in einer viel aufgespalteneren, denn seine Woche ist aufgeteilt zwischen dem werktäglichen Beruf in Berlin und dem Wochenende bei seinem Mann in einem Brandenburger Dorf. Dies ist inzwischen eine für viele Berliner durchaus übliche Pendler-Lebensweise, nämlich im Umland oder Hinterland Berlins ein Wochenendhaus zu haben oder wegen der Kinder ganz dorthin gezogen zu sein – sofern sie sich eine solche „Doppelexistenz“ leisten können.

Sein Buch „Landlust“ ist flott geschrieben und könnte unter dem Motto stehen: Ein Städter mit ursprünglicher Herkunft vom Land erlebt erneut das Land, das nicht mehr das alte Land ist, weil es dieses ursprüngliche Land schon lange nicht mehr gibt, obwohl von vielen noch solche Orte auf dem Land erträumt werden, „wo es besser ist“, nämlich „romantisch dorthin, wo er [der Mensch] gerade nicht ist“ (S. 9 f.).

„Ich will Stadt und Land, verloren und geborgen zugleich sein, Rummel und Zurückgezogenheit, Entfremdung und Verschmelzung, Liebe und Freiheit, Natur und Kultur. Und zwar sofort. Alles!“ (S. 30) – Ein Wunsch, den bereits Kurt Tucholsky 1927satirisch karikierte:

Ja, das möchste:

Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,

vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;

mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,

vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn – aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

(...).

Wünsche, Widersprüche also, die nicht erst heute gehegt werden, aber heute dank der Ubiquität des Städtischen und der schnellen Erreichbarkeiten auch gelebt werden können.

Reichert gliedert seine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen nach den Jahreszeiten. Es ist leider nicht der Platz hier, auf die Fülle seiner sehr lesenswerten Beobachtungen zum Kontrast von Berlin und Brandenburg, von westlicher Stadt und östlichem Land, das das Resultat einer besonderen Form der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Transformation gewesen ist, einzugehen. Sie weisen auf die räumlichen und gesellschaftlichen Widersprüche hin, die eben nicht nur theoretisch gegeben sind, sondern sich sehr real räumlich niederschlagen. Sein Thema ist nicht die sehr subjektive Schilderung eines „Aussteigers“ aus der Stadt, wie etwa bei Sezgin, sondern die Thematisierung der gesellschaftlichen Kontraste, die hier in der „deutschen Provinz“ ihren räumlichen Ausdruck finden. Es sind sehr lesbare Darstellungen, Beobachtungen und Kommentare, die immer wieder seine Fähigkeiten als zuspitzender, den Punkt treffender Journalist erkennen lassen. Er skizziert die Vielfalt der Widersprüche und die Unterschiede in den Lebenswirklichkeiten zwischen denen, die voller Erwartungen von Berlin in das Brandenburger Umland gekommen sind, und denen, die aus diesem städtischen Hinterland heraus voller Erwartung, teilweise auch voller Resignation auf die ihnen fremde Stadt Berlin schauen. Ein Kontrast voller „Exotik“ für beide Seiten.

Dies zu thematisieren ist alles andere als eine gelebte und dargestellte Landlust, es ist insbesondere keine gut gestylte Idylle, wie wir sie in der LandLust finden können. Seine „Kulturbilder“ zu den räumlichen und gesellschaftlichen Kontrasten von heute treffen den Punkt. Damit steht er in der guten Tradition eines Karl Julius Weber oder eines Wilhelm Heinrich Riehl. Seine illusionslosen Schilderungen heben sich aber wohltuend ab von Harmonie geleiteten Illusionen, aber auch von pessimistischer Schwarz-Weiß-Malerei. Sein skeptischer „Selbstversuch“ lässt beiden Spielarten räumlicher Existenz, der Stadt und dem ländlichen Umland ihre Berechtigung, mit allen Vor- und Nachteilen.

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Axel Brüggemann ist ein anderer, ebenfalls bekannter Journalist, der sich dem heutigen Verhältnis von Stadt und Land widmet. Bereits der Titel seines Buches „Landfrust. Ein Blick in die deutsche Provinz“ schlägt einen anderen Ton an. Er schreibt aus der Erfahrung eines Städters, der vom Land stammt und jetzt wieder dahin, in diesem Fall in das Umland Bremens, zurückgekehrt ist. Er artikuliert seinen sehr persönlichen „Landfrust“ gleich zu Beginn: „Um ehrlich zu sein: In meinem Dorf ist heute nichts mehr so, wie es zu Zeiten meiner Kindheit [er wurde 1971 geboren – d. Verf.] gewesen ist. Damals, als mein Großvater der Herr dieses Hauses war, lebten hier noch drei Generationen unter einem Dach. Die Nachbarschaft war eine Solidargemeinschaft, der Tante-Emma-Laden ein täglicher Anlaufpunkt, die Marmelade meiner Oma eine Wucht und unser Sportverein das gesellschaftliche Zentrum des Dorfes. Inzwischen ist dieses Dorf zu einem Vorort Bremens mutiert.... Jenes Lebensgefühl, von dem die Großstädter in Zeitschriften wie LandLust so gerne lesen, das in unzähligen Romanen oder auf dem Fernsehschirm in ,Bauer sucht Frau' täglich idealisiert wird – ist das überhaupt zu verwirklichen? Oder ist das Land mittlerweile zur neuen Krisenregion Deutschlands verkommen – ein Nährboden für Verdummung, Verrohung und Vereinsamung? Die Wahrheit ist: Die deutsche Provinz stirbt einen langsamen, schmerzvollen Tod. Und anstatt zu fragen, ob es überhaupt noch einen Sinn macht, in unsere Provinzen zu investieren, verklären wir die dörflichen Ghettos zu Inseln der Glückseligkeit?“ (S. 12).

Offensichtlich ist die zurückblickende Erinnerung an eine längst vergangene Zeit nicht mehr allein das Privileg eher älterer Menschen. Ist dies eine anthropologische Grundkonstante oder – nur – ein besonderer basso continuo beim erinnernden Blick auf eine frühere Zeit auf dem Land oder beim Blick aus der Stadt auf das Land?

Um nun „das Leben auf dem Land deutlich zu erfassen“, versucht Brüggemann in seinem Buch essayistische Ansätze mit Reportagen und einer fiktionalen Geschichte zu verbinden. Heraus kommt ein buntes, kaleidoskopartiges Buch, das nüchterne Fakten oder empirische Befunde aus vielerlei Studien mit zugespitzten, sehr persönlichen Bewertungen verbindet. Er kommt zu dem nicht unbedingt neuen Befund, dass die Sehnsucht der Städter nach dem vermeintlich intakten Sozialkosmos der Dörfer weitgehend eine Illusion sei, nicht durch die Wirklichkeit abgedeckt werde. Allerdings unterstellt er, dass diese Illusion entsprechend seiner Vita einmal die von ihm erfahrene Wirklichkeit gewesen sei. Eine solche gebe es heute nur noch als soziale Vielfalt und nachbarschaftliche sowie soziale Heimat in den Städten, während das Land, die Provinz verarme, materiell und geistig, obwohl das Land, von ihm unter den nicht sehr scharfen Begriff Provinz gefasst einst „stets das Herz der Nation“ gewesen sei (S. 26).

Damit sind wir bei der Problematik dieses Buches. Seine Einschätzungen und Beobachtungen, gestützt auf referierte Analysen und wertende Einschätzungen, wonach etwa die „Metropolisierung ... zu einem der größten Dramen der deutschen Provinz werden“ könnte (S. 35), folgen einem Bewertungsraster, in dem eine gesellschaftliche Konfiguration des Dorfes oder der Provinz im Hintergrund steht, die schon zu seiner Kinderzeit, also in den 70er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, aber auch schon lange zuvor eine gesellschaftliche, rückblickende Fiktion gewesen ist, zumindest keine durchgehende soziale Wirklichkeit. Insofern erzeugen beim Leser seine argumentativen Zuspitzungen nicht nur Spaß am vorgetragenen Argument, sondern verstimmen ihn auch immer wieder, weil Brüggemann sich in seiner Lust zu wertenden Urteilen oder Einschätzungen hinreißen lässt, die in ihren Bezügen oder in ihrer Dunkelheit, etwa durch das Berufen auf eine „urdeutsche Natur“ (S. 43) oder „den dunklen deutschen Wald“ (S. 45) bestenfalls „Urworte orphisch“ sind, aber wenig zum Verstehen der Siedlungs- und Naturentwicklung Deutschlands leisten. Auch sollte er eigentlich wissen, dass schon im achtzehnten Jahrhundert die deutsche Landschaft nicht mehr eine ursprüngliche, sondern bereits eine menschlich gestaltete Kulturlandschaft war.

Viel Richtiges, aber auch verquer oder einseitig Gesehenes findet sich in diesem Buch. Alles im allem bietet es einen sehr lesbaren, aber auch einen sehr subjektiven „Blick in die deutsche Provinz“ – mit einem pessimistisch gestimmten Grundton, der eigentlich eher in der Tradition vieler Schriften des sehr deutschen Kulturpessimismus, wie Fritz Stern ihn analysierte, steht, aber eben auch nicht darüber hinausgeht.

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Man mag sich nun fragen, wie ein Buch mit dem Titel „Urban Gardening“ in die Reihe dieser „ländlich“ bestimmten Bücher gelangt ist. Christa Müller gibt in dem einleitenden Überblick des von ihr herausgegebenen Buches eine Antwort. Angesichts des Versiegens des Erdöls liege es auf der Hand, dass „nicht nur die industrialisierte Nahrungsmittelproduktion zur Disposition steht, sondern auch das dichotome Verständnis von Stadt und Land“ (S. 10). Gärten in den Städten erzeugen ein „neues Verständnis von Urbanität“ durch „Kulturen des Selbermachens und... Re-Etablierung von Nahbezügen“ (S. 10). Auch weitere Motive, nämlich die Produktion gesunder Nahrung, die Gestaltung naturnaher Räume in den Städten, neue Formen nachbarschaftlicher Begegnung, praktische Beiträge gegen die Abholzung von Urwald und neue Zwecke und Ziele kommunaler Flächenplanung schließen dies ein.

In dem Buch, das ein Reader von vielen Aufsätzen zu dem Thema ist, werden all diese Aspekte dann auch aus durchaus unterschiedlichen fachlichen Blickwinkeln erörtert. Ein übergreifender und die städtische Realität direkt berührender Aspekt ist die Feststellung, dass diese neuen urbanen Gärten sich von anderen, älteren und ähnlichen Ansätzen wie etwa den deutschen Schrebergärten durch eine geringere Regelungsdichte oder durch eine stärkere Konzentration auf die Nahrungsproduktion mittels Anbau von Gemüse unterscheiden. Zentral ist aber folgende Aussage: „Vielmehr setzt sich der neue Garten bewusst ins Verhältnis zur Stadt, tritt in einen Dialog mit ihr und will wahrgenommen werden als ein genuiner Bestandteil von Urbanität, nicht als Alternative zu ihr – und erst zuletzt als Ort, an dem man sich von der Stadt erholen will“ (S. 23).

Diese Gärten in den Städten sind also nicht eine Antithese zur Stadt, nicht Gegenmodell zu Stadt geschweige denn die Rückkehr zu irgendwelchen ursprünglichen Formen des Lebens, wie im nicht-urbanen Kontext angestrebt und den anderen Büchern ausgelebt oder erhofft, sondern sie nehmen die Herausforderung der weltweiten und insgesamt unvermeidlichen Verstädterung auf. Sie sollen und wollen Modelle sein für den Weg in eine bessere Gesellschaft. Es sind Umsetzungen auf lokaler Ebene von übergreifenden, global wichtigen Herausforderungen für die Menschheit nach dem schon länger bekannten Slogan: „Global denken, lokal handeln.“ Dies soll aber bewusst ohne den Glauben an das „Drehen großer Räder“ geschehen, eher durch einen „breit gefächerten Pragmatismus“ (S. 28 f.).

Allerdings sind die meisten Beiträge in dem Band dann doch eher ,kopflastig', theoretisch oder kritisch räsonierend, selten kommt die Realität des „urban gardening“ zu Wort. Es fehlen fast durchgängig Darstellungen konkreter Beispiele, ihrer Vor- und Nachteile sowie ihrer Erfolge oder auch Misserfolge. Zwar wird immer wieder auf einige Beispiele von „urban gardening“ in Deutschland Bezug genommen, aber eigentlich beschränkt sich das auf 16 Bildseiten samt erläuternden Untertiteln gegenüber insgesamt 350 Seiten.

Insgesamt ist es ein durchaus anregendes Buch, das viele Diskussionen angeregt hat. Dies signalisiert nicht zuletzt die Tatsache, dass im Erscheinungsjahr bereits eine dritte Auflage erforderlich war. Es ist allerdings eher theoretisierend denn pragmatisch. Verdienstvoll ist, dass auf einen weithin vergessenen Pionier wie Leberecht Migge hingewiesen wird, der den Zusammenhang von Stadt und Gärten schon vor 100 Jahren thematisierte. Wer in dem Buch jedoch konkrete Hilfestellung sucht, um sich einen Garten in der Stadt anzulegen, der wird hier vergebens suchen.

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Es bleibt abschließend die Frage zu stellen, welchen Beitrag diese Bücher für die gesellschaftliche und politische Gestaltung unserer Siedlungsstruktur, das Thema dieser Zeitschrift, leisten können. In den Büchern zu Landlust und Landfrust wird für meinen Geschmack noch zu sehr der alte Gegensatz von Stadt und Land thematisiert, den es angesichts der systemischen Verflechtungen dieser in einem hohen Maße verstädterten Gesellschaft, einer Gesellschaft, die auf Städte orientiert ist und von ihnen abhängt, in der alten Form einer fast polaren Gegenüberstellung nicht mehr gibt. Man kann sehr städtisch auf dem Land leben und auch sehr ländlich in der Stadt. Dazwischen gibt es viele Abstufungen. Und unstrittig ist auch der Wunsch, draußen zu sein, im Freien, im Grünen. Aber die darin liegenden Widersprüche, wenn dies mit individuellen Fluchten in eine ländliche Welt oder einer Sehnsucht danach, die es schon lange nicht mehr gibt und die es mit dieser vermeintlichen sozialen Harmonie nie gegeben hat, geschieht, werden häufig übersehen. Haben wir doch einen „langen Abschied vom Agrarland“ (Münkel 2000) und seiner gesellschaftlichen und räumlichen Ausprägungen hinter uns, aber die Diskussion um die Zukunft und Gestaltung der peripheren ländlichen Räume noch vor uns. Sie wird derzeit im Zuge der Folgen des demographischen Wandels andiskutiert, aber in welche Richtung sie gehen wird, falls sich auch noch weitere Rahmenbedingungen, etwa in der Energieversorgung, verändern, ist noch weitgehend Spekulation. Häufig genug aber wird dieser ländliche, der landwirtschaftliche Strukturwandel als ein Irrweg angesehen, dem eine früher vermeintlich idyllische Realität erinnernd gegenübergestellt wird, die es so nie gegeben hat. Der Gegenwart werden rückwärts gewandte Utopien gegenübergestellt und durch Illusionen auch heute noch, journalistisch gestützt, gepflegt. Andererseits gibt es in den Städten die Notwendigkeit und die Chance, die Natur durch Gärten auch denen nahe und in die Nähe zu bringen, die sich eben nicht ein ländliches Refugium leisten können.

Als in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts Alexander Mitscherlich von der „Unwirtlichkeit unserer Städte“ sprach (Mitscherlich 1965), kritisierte er die bebaute Umwelt. Der Konsequenz dieser Unwirtlichkeit sind viele entgangen, indem sie sich ihr häusliches Glück in den suburbanen Ringen um die Städte schufen, deren Öde er ebenfalls kritisierte. Wer es sich leisten konnte, schuf sich ein Refugium im weiter entfernten Umland oder gleich in Spanien. Dies reflektiert die bestehenden gesellschaftlichen Unterschiede. Hier neue Wege zu gehen, die die Wohlgeordnetheit des Baulichen mit einer „grünen Abwechslung“, die durchaus auch chaotische Elemente umfassen kann, durchsetzt, wäre sicher nicht nur ein belebendes Element – von den Herausforderungen durch die „peak oil“-Szenarien ganz zu schweigen.

Wir stehen vor dem Problem, dass unsere Gesellschaft als verstädterte unaufhaltsam sich ausgeweitet hat, immer noch wächst. Allerdings werden ihre Folgen immer weniger akzeptiert. Lösungen dafür, die in einer individuellen Romantisierung eines vermeintlich früher gegebenen Zustandes oder in Kampagnen für den ländlichen Raum mit dem Ziel der Breitbandkommunikation liegen, greifen sicherlich zu kurz. Die Bücher signalisieren also eine gesellschaftliche Problemstellung, für die sie, für die wir noch keine Antworten haben, für die wir aber weiter Fragen stellen sollten, um Antworten zu bekommen.

Literatur

  • Mitscherlich, A. (1965): Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden. Frankfurt a.M.

  • Münkel, D. (Hrsg.) (2000): Der lange Abschied vom Agrarland. Agrarpolitik, Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft zwischen Weimar und Bonn. Göttingen.

  • o. V. (2012): Landflucht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12. April 2012, S. 8.

  • Tucholsky, K. (1927): Das Ideal. In: Kurt Tucholsky. Gesammelte Werke. Herausgegeben von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Band II, 1925–1928. Erschienen 1961. Hamburg, 839–840.

Footnotes

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Geländelimousine.

Mitscherlich, A. (1965): Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden. Frankfurt a.M.

Münkel, D. (Hrsg.) (2000): Der lange Abschied vom Agrarland. Agrarpolitik, Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft zwischen Weimar und Bonn. Göttingen.

o. V. (2012): Landflucht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12. April 2012, S. 8.

Tucholsky, K. (1927): Das Ideal. In: Kurt Tucholsky. Gesammelte Werke. Herausgegeben von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Band II, 1925–1928. Erschienen 1961. Hamburg, 839–840.

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