International Handbook of Globalization and World Cities

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Derudder, Ben; Hoyler, Michael; Taylor, Peter J.; Witlox, Frank (eds.) (2012): International Handbook of Globalization and World Cities

Cheltenham, Northampton: Edward Elgar. 77 Tab., 38 Abb., 569 S.

Mit diesem Handbuch liefern die Herausgeber eine umfassende Sammlung wichtiger Beiträge der „World City“-Forschung. Die verschiedenen Artikel bauen auf einem relationalen Raumverständnis auf, in dem sozioökonomisches Handeln und Interagieren im Zentrum stehen. Städte, Agglomerationen und Metropolregionen werden dabei als strategische Knoten in einem globalen Netz von Informations- und Produktionsströmen verstanden.

Das Handbuch besteht aus drei Teilen. Der erste Teil beschreibt die Einbettung der „World City“-Forschung aus historischer, konzeptioneller und empirischer Sicht. Aus historischer Sicht sind Netzwerke zwischen Weltstädten (World Cities) kein neues Phänomen. Der Beitrag von Peter Taylor zum Beispiel beschreibt neun Netzwerke aus vorindustrieller Zeit, basierend auf historischen Bevölkerungsdaten. Anschließend unterstreichen Peter Taylor, Michael Hoyler und Dennis Smith die Bedeutung von Städten bei der Etablierung der holländischen, britischen und amerikanischen Hegemonien im modernen Weltsystem. Anthony King schließlich richtet die Aufmerksamkeit auf den Imperialismus und erklärt, dass auch ökonomische Anreize und die Adaption neuer Technologien eine wichtige Grundlage für die umfassende Vernetzung der damaligen World Cities waren.

Aus konzeptioneller Sicht kann das „World City“-Netzwerk als ein System von Knoten und Relationen verstanden werden. Der Beitrag von Peter Taylor über das „Interlocking Network Model“ (INM) fokussiert auf die Relationen und beschreibt, wie firmeninterne Standortnetze von „Advanced Producer Services“ (APS) als Näherungsgröße für den globalen Informationsaustausch zwischen Städten herangezogen werden können. Ben Derudder, Anneleen de Vos und Frank Witlox hingegen konzentrieren sich auf die Knoten, indem sie die Unterschiede zwischen dem „World City“-Konzept von Friedmann und dem „Global City“-Ansatz von Sassen genauer beleuchten. Kathy Pain schließlich rückt den regionalen Maßstab ins Blickfeld und diskutiert Gemeinsamkeiten und Unterschiede von „Global City“-Regionen und „Mega-City“-Regionen.

Aus empirischer Sicht verwendet das „Interlocking Netwerk Model“ firmeninterne Netzwerke von „Advanced Producer Services“-Unternehmen, um Verflechtungen zwischen World Cities quantitativ zu erfassen. Wie der Beitrag von Peter Taylor, Ben Derudder, Michael Hoyler und Frank Witlox zeigt, weisen die Netzwerke dieser Unternehmen zum Teil sehr unterschiedliche Geographien auf: Die Werbebranche konzentriert sich in New York, die Rechtsberatung in New York und London und die Finanzdienstleistungen in der neuen globalen Triade um London, New York und Hongkong. Im Unterschied zu diesem Modell verwenden Arthur Alderson und Jason Beckfield die Beteiligungsstrukturen von transnationalen Unternehmen, um die Verflechtungen zwischen World Cities zu erfassen. Dieser aufschlussreiche Ansatz geht von gerichteten Standortverflechtungen zwischen Hauptsitz und Filiale bzw. Tochterunternehmen aus. London und New York erweisen sich dabei als sehr prestigeträchtig, da sie eine hohe Anzahl eintreffender Relationen aufweisen (Indegree). Tokyo hingegen entpuppt sich als besonders mächtig, da es eine hohe Anzahl ausgehender Relationen besitzt (Outdegree). neben Unternehmensstrukturen werden aber auch internet-Verbindungen (siehe den Beitrag von Edward Malecki) und Airline-netzwerke für die Erfassung des „World City“-netzwerks verwendet. Tony Grubesic und Timothy Matisziw zum Beispiel analysieren die Routenkapazitäten zwischen den weltweit größten Flughäfen. Dabei identifizieren sie London und New York als Top-Standorte, was die durchschnittlich angebotene Anzahl Sitzplätze in Flugzeugen pro Woche betrifft.

Der zweite Teil des Handbuches analysiert World Cities aus vier thematischen Perspektiven. Die erste Perspektive widmet sich wichtigen „World City“-infrastrukturen, wie internationale „Hub“-Flughäfen (Beitrag Lucy Budd), internationale Messen (Beitrag Harald Bathelt), „Mega-events“ (Beitrag John Short) oder Cyber-infrastrukturen (Beitrag Boulton/Brunn/Devriendt). erstaunlich wenig Beachtung in der bisherigen „World City“-Forschung haben globale Immobilienmärkte erhalten. insbesondere Büromärkte bilden die Basis für unternehmerische Aktivität, fördern Agglomerationseffekte und bilden über die zunehmende Anzahl globaler Investoren eine wichtige Schnittstelle zu den internationalen Kapitalmärkten. Wie der Beitrag von Colin Lizieri zeigt, ist die Interdependenz zwischen dem Immobilien- und dem Finanzmarkt in World Cities besonders groß, so dass deren Anfälligkeit auf systemrelevante Finanz- und Wirtschaftskrisen deutlich höher ist als in anderen Städten.

Die zweite thematische Perspektive fokussiert auf sozioökonomische Prozesse in World Cities, wobei die Wissensökonomie eine wichtige Rolle spielt. James Faulconbridge und Sarah Hall betonen, dass explizites und implizites Wissen nicht nur innerhalb von Städten, sondern auch durch Informationsströme zwischen Städten generiert wird. Jonathan Beaverstock kommt zum Ergebnis, dass die internationale Arbeitsmigration von Hochqualifizierten das wirtschaftliche Wachstum in World Cities antreibt und dabei deren Fähigkeit fördert, materielle und immaterielle Netzwerke zu bilden und aufrechtzuerhalten. Der Beitrag von Andy Pratt illustriert, wie die Kulturwirtschaft und die Dienstleistungsbranche in World Cities durch die zunehmende Bedeutung von symbolischem Wissen verschmelzen. Und schließlich unterstreicht auch Paul Knox die wachsende Bedeutung von symbolischem Kapital in World Cities. in seinem Beitrag zeigt er, dass Leuchtturmprojekte von Stararchitekten und „City Branding“ sich gegenseitig verstärken und dabei die internationale Wahrnehmung von Städten erhöhen können.

Die dritte Perspektive widmet sich dem Thema Governance. John Harrison reflektiert die Governance-Debatte in „Global City“-Regionen und identifiziert dabei zwei wichtige Herausforderungen: der wenig fassbare räumliche Maßstab und die institutionellen Strukturen, die kaum Anreize für eine großräumige Zusammenarbeit bieten. Ähnliche Herausforderungen sieht Kathy Pain in polyzentrischen Metropolregionen, die aufgrund von fragmentierten institutionellen Strukturen häufig nicht die gewünschten Agglomerationseffekte erzielen. Peter Newman und Andy Thornley zeigen, dass Governance-Strukturen auch das Resultat von länderspezifischen Planungskulturen sind: In Europa dominiert die Idee der territorialen Kohäsion, in den USA der ökonomische Liberalismus und in Asien die starke Hand des Staates.

Die vierte Perspektive schließlich beschäftigt sich mit verschiedenen Formen von Polarisationsprozessen in World Cities. Auf der einen Seite haben die boomenden Finanzmärkte der letzten 20 Jahre zu einer beispiellosen Zunahme von „Superreichen“ geführt. Der Beitrag von Jonathan Beaverstock zeigt, dass die größte Zunahme im asiatischen Raum zu verzeichnen ist. Auf der anderen Seite ist in vielen World Cities auch ein Anstieg von Geringverdienenden mit schlechten Arbeitsbedingungen zu beobachten, wie Datta/McIlwaine/Herbert/Evans/May/Wills am Beispiel London illustrieren. Chris Hamnett jedoch warnt vor der voreiligen Schlussfolgerung, die Globalisierung führe notgedrungen zu einer Polarisation in World Cities. In seinem Artikel erklärt er, dass die berufliche Polarisation vor allem mit der Immigrationspolitik der entsprechenden Länder zusammenhängt. Die Polarisation in World Cities artikuliert sich auch räumlich, zum Beispiel in Form von Gentrifizierung (Beitrag Loretta Lees) oder einer zunehmenden Suburbanisierung, wie dies Roger Keil für Los Angeles, Frankfurt und Toronto zeigt.

Der dritte Teil des Handbuches präsentiert eine Vielzahl von empirischen Fallstudien. Die folgende Auswahl zeigt einige Beispiele, die als besonders wegweisend für die zukünftige „World City“-Forschung erachtet werden.

Der Beitrag von Richard Smith über das Städtepaar New York-London (NY-LON) unterstreicht die Wichtigkeit einer relationalen Perspektive: New York und London als eine zusammenhängende transatlantische Metropolis, in der die Business-Elite gleichzeitig wohnt, arbeitet und sich erholt, als wäre es eine einzige Stadt. Der Beitrag von Karen Lai betont die Wichtigkeit von historischen, soziokulturellen und institutionellen Rahmenbedingungen in der „World City“-Forschung. Indem sie die strategischen Standortentscheidungen von ausländischen Banken in Shanghai, Peking und Hongkong vergleicht, identifiziert sie deren unterschiedliche Position als Knoten im internationalen Netz der Finanzindustrie: Peking als politisches Finanzzentrum, Shanghai als kommerzielles Business-Zentrum und Hongkong als internationales Offshore-Finanzzentrum. Der Beitrag von Christof Parnreiter schließlich zeigt, wie wichtig es ist, die „World City“-Forschung mit einer Kombination von quantitativen und qualitativen Untersuchungsmethoden zu verzahnen. Mit einer Wertschöpfungskettenanalyse bestätigt er Mexico City als Global City, wo durch intensive Verflechtungen zwischen Dienstleistungs- und Industrieunternehmen globale Wertschöpfungsketten aktiv organisiert und gesteuert werden.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass das vorliegende Handbuch einen wichtigen Beitrag zur aktuellen „World City“-Forschung leistet. Das Buch ist ein Commitment für die empirische Forschung. Es ist aber auch ein Bekenntnis, dass die „World City“-Ansätze stärker mit anderen Konzepten der Raumforschung verknüpft werden müssen. Ein großes Potenzial steckt in der Verknüpfung mit Konzepten aus der relationalen Wirtschaftsgeographie, der Regionalökonomie und der raumbezogenen Innovationsforschung. Insbesondere für Fragen der Raumentwicklung ist es wichtig, Städte und Agglomerationen sowohl als strategische Knoten der Globalisierung wie auch als Teil eines regionalen Produktions- und Innovationssystems zu verstehen.

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