Georg Simmel und die aktuelle Stadtforschung

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Mieg, Harald, A., Sundsboe, Astrid O., Bieniok, Majken (Hrsg.) (2011): Georg Simmel und die aktuelle Stadtforschung

Wiesbaden – VS Verlag für Sozialwissenschaften. 297 S.

Der Sammelband „Georg Simmel und die aktuelle Stadtforschung“ ist Resultat eines Symposiums am Berliner Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung der Humboldt-Universität anlässlich des 150. Geburtstages von Georg Simmel im Jahr 2008. Der Titel weckt Neugier, weil ein bedeutender Klassiker der (Stadt-)Soziologie im Mittelpunkt steht, der bei den eher theoretisch ausgerichteten Publikationen der letzten Jahre kaum erwähnt wurde. Das Buch füllt somit eine Lücke in der gegenwärtigen Stadtforschung und richtet sich an Interessierte der Stadt-, Migrations- und Architektursoziologie.

Die versammelten Beiträge aus verschiedenen Disziplinen greifen bei der Interpretation aktueller Forschungen vor allem die Essays Simmels auf (Der Fremde, Die Grenze, Die Großstädte und das Geistesleben), in denen räumliche Tatbestände als Ausdruck und Bedeutung sozialer Wechselwirkungen bis zur Zeitlosigkeit hin reflektiert werden (z. B. Brücke, Tor, Tür). Angesichts des technologischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Wandels erscheint es also naheliegend zu fragen, inwieweit Simmel nach 100 Jahren für die aktuelle Stadtforschung noch relevant ist. Simmel hat darüber hinaus grundlegende modernisierungstheoretische Beiträge geleistet und maßgeblich zum Verständnis von Raum als sozial konstruiert, als „Tätigkeit der Seele“ beigetragen. Es wurde aber leider kein originärer Beitrag für den Band verfasst, der auf die Theoriebildung Simmels eingeht.

In der Einleitung des Buches vermisst der Leser eine Einordnung Simmels in die Debatten zur aktuellen Stadtforschung, Aussagen zur Rezeption seiner Werke sowie eine Würdigung seiner Leistungen für die Stadtforschung im Kontext der Klassiker. Vergleichsweise redundant wird der Inhalt des Buches vorgestellt, wobei die innere Ordnung des Bandes als „Simmels Beitrag auf fünf verschiedenen, sich kreuzenden Ebenen von Stadt und Forschung, aus Themen und Disziplinen“ dargestellt, aber nicht näher erläutert wird. Das Buch gliedert sich in fünf Abschnitte: Simmel und die Stadtforschung, Metropolenforschung, soziale Grenzen in der Stadt, das städtische Individuum und das/der Fremde sowie Architektur als kultureller Ausdruck.

Die ersten zwei inhaltlichen Kapitel behandeln den schwierigen akademischen Werdegang Simmels und den Aufsatz „Die Großstädte und das Geistesleben“, der in der Stadtsoziologie den zentralen Beitrag Simmels darstellt und in keinem Lehrbuch fehlt. Hartmut Häußermann (verstorben 2011) benennt in seinem Artikel die zentralen Erkenntnisfortschritte, die in dem 1903 erschienenen Aufsatz enthalten sind, die Herausarbeitung der Persönlichkeitsmerkmale eines Großstädters wie Blasiertheit, Reserviertheit und Intellektualität ebenso wie Pünktlichkeit, Toleranz und Individualismus. Die Frage, ob diese Merkmale nicht einer arbeitsteiligen, ausdifferenzierten, modernen Gesellschaft per se angehören und somit nur anfänglich typisch städtische Eigenschaften seien, nun aber ubiquitär die Kultur der Moderne ausmachen, beantwortet Häußermann negativ. Geldwirtschaft wirke nicht überall gleich, so sein Argument, erst die strukturellen Bedingungen städtischen Lebens von Dichte, Größe und Vielfalt bestimmten die Haltungen der Großstädter.

Rolf Lindner nimmt die zu Häußermann gegenteilige Position ein und argumentiert, dass die großstädtischen Persönlichkeitsmerkmale in Städten lediglich besonders sichtbar hervortreten, die Geldwirtschaft jedoch der modernen Gesellschaft zu Grunde liegt. Simmel sei verkannt und verkürzt, wenn er als Stadtsoziologe interpretiert würde. Lindner betont als Leistung Simmels die antizipative Kraft, mit der Simmel in der „Philosophie des Geldes“ die Bedeutungszunahme von Zirkulation, Konsum und Ästhetik herausgearbeitet hat. er weist darauf hin, dass die entwickelte Geldwirtschaft auch heute in Städten ihren Ausdruck findet, und zwar vor allem in global cities bzw. world cities.

im Abschnitt zur Metropolenforschung, der drei Beiträge umfasst, führt zunächst Harald Mieg „Die Großstädte und das Geistesleben“ weiter aus, indem er die Zivilisationsproduktion als Motor der gesellschaftlichen Entwicklung in den Mittelpunkt stellt. er verweist einerseits auf sozialpsychologische Studien von Stanley Milgram und andererseits auf die Studien von Saskia Sassen zu global cities, die die Konzentration von Kapital und Macht herausarbeitet. Mieg bezieht sich dabei vor allem auf die Rolle der Metropolen als Referenzpunkt zur Bewertung von Kulturgütern und Dienstleistungen.

Majken Bieniok, Reinhard Beyer und Elke van der Meer stellen eine empirische studie vor. in einer Internetbefragung wurden Bewohner von Berlin, London und Paris zu großstädtischen Merkmalen und Unterschieden der genannten Städte befragt. Die Datenbasis ist allerdings dürftig und nicht repräsentativ. eine Relativierung der Ergebnisse und eine Diskussion über Eigen- und Fremdwahrnehmung, Medien, Mythen und zumindest eine Differenzierung der Ergebnisse nach Kenntnis der jeweiligen bewerteten Stadt finden nicht statt.

in dem erfrischend geschriebenen Artikel von Walter Siebel (Nachdruck aus RegioPol I/2008) zu Urbanität und Innovationen werden Richard Floridas drei „T“ (Talent, Toleranz und Technologie) kritisch beleuchtet. Siebel erweitert sowohl das Spektrum soziologischer Klassiker (um Jürgen Habermas und Paul Bahrdt) als auch die bis dahin vorgestellten Themen mit seinen Ausführungen zu Öffentlichkeit und Privatheit, zur Kreativität als schöpferische Zerstörung, Urbanität als Aufnahme von Fremden und Überwindung von Fremdheit, Segregation und Milieubildung. Siebels Artikel hätte auch in den folgenden Abschnitt „soziale Grenzen in der Stadt“ gepasst, der recht weit gefasst ist. Florian Koch bezieht die Schriften Simmels auf die aktuelle Debatte zur Gentrification. Er gibt einen sehr guten Überblick über den internationalen Forschungsstand und verbindet Fragen von Stadtgröße, Lebensstil, Stadtökonomie, Wohnort, Kontaktintensitäten und Art von Kontakten mit Simmels Ausführungen zur Urbanität. Er interpretiert Gentrification in innovativer Weise als angemessene coping-Strategie in Großstädten, vergleichbar mit den großstädtischen Persönlichkeitsmerkmalen vor 100 Jahren. Im Beitrag von Astrid Sundsboe „Simmel Reloaded“ steht ethnische Segregation im Mittelpunkt, wobei das Raumverständnis Simmels, Grenzziehungen und seine Ausführungen zu Kultur und Nachbarschaft aufgegriffen werden. Im zeit- und raumübergreifenden Artikel zu Armut von Jörg Blasius bleibt der Bezug zu Simmel eher zufällig.

Der Abschnitt „Das städtische Individuum und das/der Fremde“ wird mit einer Werksinterpretation Simmels von Hans-Peter Müller, „Soziale Differenzierung und Individualität“, eröffnet (überarbeitete Fassung des Habilitationsvortrages von 1990), in dem die aktuelle Stadtforschung jedoch nicht thematisiert wird. Auch die Rezeptionsgeschichte des Exkurses über den Fremden bei Ferdinand Tönnies, Max Weber, Werner Sombart, Robert Michels, Robert Park und Everett Hughes, Ernst Grünfeld und A. Lewis Coser von Y. Michal Bodemann ist ein Nachdruck (Berliner Journal für Soziologie, 8/1998), fügt sich wegen des Themenbezugs und umfassenden Überblicks jedoch gut in den Band ein. Ausgehend von Simmels Vorstellung des Fremden als organischem Teil der Gruppe, allerdings ohne Fixiertheiten und Bindungen, legt Bodemann dar, wie der Fremde – z. B. als Jude oder als kulturell/rassisch geprägter Hybride des Afro-Amerikaners – von den verschiedenen Autoren ethnisiert und von der Gruppe ausgeschlossen dargestellt wurde (wie dies im Nachhinein ungerechtfertigt auch mit Simmel selbst geschah). Auf den notwendigen systemischen Zusammenhalt der Stadtbewohner macht auch Wolf-Dietrich Bukow aufmerksam, der auf die negativen Folgen einer Integration über gemeinschaftliche Bindungen auf Quartiersebene hinweist, die zu Re-Ethnisierung, Nationalismus und Sicherung von Privilegien der autochthonen Bevölkerung führen.

Drei Artikel bilden den letzten Abschnitt, in dem Simmel als impliziter Architektursoziologe vorgestellt wird. Heike Delitz formuliert, dass Architektur als „gebaute Haut“ der Gesellschaft existenznotwendig ist und nicht abgestreift werden kann, eine kulturspezifische, expressive Form aufweist und in ihrem faktischen wie symbolischen Gehalt in vielerlei Hinsicht mit den menschlichen Körpern verbunden ist (S. 250). Sie rekurriert dabei auf die Aufsätze „Brücke und Tür“, „Zur Soziologie der Mode“ und Analysen Simmels zu verschiedenen Städten. Auch Konstanze Noack bezieht sich auf „Brücke und Tür“ in ihrem kurzen Beitrag zur Vermittlung von Architektur- und Kultursoziologie. Mit Heike Oevermanns Aufsatz zum Weltkulturerbe schließt das Buch. Die widersprüchlichen Ziele der Erhaltung und Transformation des architektonischen Erbes stehen im Vordergrund. Mit Simmel formuliert sie, dass nicht das Erbe als solches, sondern als Artefakt für die „Vitalität der lebendigen Gegenwart“ (S. 279) im Zentrum der Entscheidungen über Transformationen von Nutzungen und Bausubstanz stehen sollte.

Zusammenfassend kann man sagen, der Sammelband bezieht sich vor allem auf die zivilisatorischen Momente des Großstadtlebens, die Rolle des Fremden, soziale Grenzziehungen und die gebaute Umwelt. In einigen Beiträgen gelingt es sehr gut, die Grundgedanken Simmels aufzugreifen und zur Interpretation aktueller Phänomene heranzuziehen (kreative Klasse, Gentrification, ethnisch geprägte Viertel, implizit auch Architektur). Das Buch leistet aber leider keine systematische Einordnung Simmels in die theoretische Debatte.

Nach Simmel ergeben sich mit voranschreitenden Differenzierungsprozessen der Geldwirtschaft Veränderungen beim Menschen, seiner Psyche, seinen sinnlichen Wahrnehmungsweisen, Ausdrucksmitteln und Kontaktformen. Wie wenige andere Soziologen hat er sich konkreten gesellschaftlichen Erscheinungen seiner Zeit gewidmet und sie bis in die psychologischen Auswirkungen hinein analysiert. Simmels Ausführungen zur Wirkung von Raumgebilden für Institutionen und Handlungsroutinen, Raumerfüllung, Sinneswahrnehmungen und Atmosphäre hätten im Zusammenhang mit Martina Löws Raumsoziologie, spacing und „Atmosphäre“ diskutiert werden können. Simmels Raumverständnis (absolut versus relational) und seine grundlegenden Kategorien der Grundqualitäten (Ausschließlichkeit, Zerlegbarkeit, Fixierung, sinnliche Nähe und Distanz und Bewegung) wären vor dem Hintergrund neuer Medien und Virtualität eine Auseinandersetzung wert gewesen. Auch das Thema Sinneswahrnehmungen und Nachbarschaft bleibt unterbelichtet. Des Weiteren wären ergänzende Informationen der Herausgeber hilfreich gewesen, z. B. ein Werkverzeichnis der Schriften zum Raum und auch ein Autorenverzeichnis.

Der Band lohnt sich besonders für diejenigen, die an den Inhalten der Exkurse interessiert sind, aber weniger für diejenigen, die sich mit dem theoretischen Raumverständnis Simmels auseinandersetzen möchten.

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