Der „Zwischenstadt“-Diskurs. Eine Analyse zwischen Wildnis, Kulturlandschaft und Stadt

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Vicenzotti, Vera (2011): Der „Zwischenstadt“-Diskurs. Eine Analyse zwischen Wildnis, Kulturlandschaft und Stadt

Bielefeld: Transcript Verlag, 387 S.

Merkwürdig still, ja geradezu friedlich geworden ist es um die „Zwischenstadt“. Während noch vor wenigen Jahren allein die Verwendung des Begriffes, in völliger Missdeutung der Absichten seines Schöpfers Thomas Sieverts, zur Brandmarkung als vermeintlichen Gegner von Form und Werten der Europäischen Stadt führte, hat sich die Debatte um den suburbanen Raum zuletzt deutlich versachlicht. Einerseits hat sich „Zwischenstadt“ tatsächlich, das ist ein großer Verdienst der von Sieverts angestoßenen Debatte, als geeigneter Arbeitsbegriff für die Auseinandersetzung mit den hybriden suburbanen Räumen durchgesetzt, die es allein ob ihrer die Stadtlandschaft prägenden Masse anzunehmen gilt. Andererseits hat sich die Fachdebatte leider längst wieder anderen Themen zugewandt: Die erhoffte Vertiefung der Diskussion um mögliche Qualifizierungspfade für die Zwischenstadt bleibt somit zunächst aus.

Da kommt das von Vera Vicenzotti geäußerte Anliegen gerade rechtzeitig, den „Zwischenstadt-Diskurs“ mit ihrem gleichnamigen, aus ihrer Dissertation abgeleiteten Buch wissenschaftlich aufzuarbeiten und neu zu ordnen, um damit ein besseres Verständnis und die Grundlage für eine zukünftig fruchtbarere Auseinandersetzung über Möglichkeiten des Umgangs mit der Zwischenstadt zu schaffen.

Um ihr Anliegen zu verwirklichen, bedient sich Vera Vicenzotti mit Verweis auf Foucault der hermeneutischen Diskursanalyse. Mit dieser versucht sie, die von den Zwischenstadt-Diskursteilnehmern vertretenen oder in ihren Entwürfen erkennbaren Grundhaltungen, Lesarten und dahinterstehenden Weltanschauungen „idealtypisch“ (nach der entsprechenden Definition Max Webers also unter Inkaufnahme von Vereinfachung auf einen zentralen Aussagekern zugespitzt) herauszuarbeiten und in ihrer jeweiligen Kombination zu kategorisieren.

Nach einer ausführlichen Einleitung wird in Kap. 2 diese Methodik umfassend eingeführt und wissenschaftlich belegt. Kapitel 3 wirft dann einen ersten umfassenderen Blick auf den Zwischenstadt-Diskurs. Gemäß ihrer vorgestellten Methode arbeitet die Autorin für sie in den Positionen wichtiger Protagonisten des Diskurses erkennbare idealtypische „Grundhaltungen“ und „Lesarten“ der Zwischenstadt heraus. Als Grundhaltungen werden dabei die des „Gegners“, der die Zwischenstadt als vermeintliche Fehlentwicklung ablehnt, die des „Euphorikers“, der sie als zeitgemäßen Lebensraum preist und die des „Qualifizierers“ unterschieden, der die Zwischenstadt als gegeben anerkennt, aber ihre Verbesserung anstrebt. Weniger nachvollziehbar erscheint die gewählte Einteilung möglicher Lesarten von Zwischenstadt in „Wildnis“, „Kulturlandschaft“ und „Stadt“: Zwischenstadt wurde ja als Arbeitsbegriff gerade deswegen eingeführt, um den hybriden, sich idealtypischen Zuordnungen entziehenden Charakter des umschriebenen Raumes zu benennen. schon hier wird deutlich, dass die Autorin neben der Ordnung des Diskurses vor allem ein Interesse an der kulturwissenschaftlichen Durchdringung der verschiedenen Konnotationen der Begriffe Stadt, Kulturlandschaft und insbesondere Wildnis verfolgt.

entsprechend bildet der in Kap. 4 unternommene Versuch den eigentlichen Kern der Arbeit, durch die Herausarbeitung einer Vielzahl weltanschaulich bedingter, verschiedener Vorstellungen von Stadt, Kulturlandschaft und Wildnis ein ‚Interpretationsrepertoire‘ für die Ordnung des Zwischenstadt-Diskurses zu erarbeiten. Wiederum idealtypisch unterschieden werden dabei nicht nur die Weltanschauungen „Liberalismus“, „Konservatismus“, „Demokratismus“ und „Romantik“, sondern diesen inhärente unterschiedliche Konnotationen der Begriffe Freiheit, Ordnung und Vernunft. Diese ideengeschichtlich-weltanschaulichen Ableitungen der verschiedenen Vorstellungen von den Begriffen Stadt, Kulturlandschaft und Wildnis sind äußerst umfassend und erhellend und in ihrer von Hobbes über Rousseau bis zu Novalis reichenden sehr guten kulturwissenschaftlichen Fundierung sicher über jeden Zweifel erhaben. sie besetzen aber auch (nachdem schon die Herleitung der Methode über 50 Seiten in Anspruch nahm) fast die Hälfte des Gesamttextes, so dass erst auf Seite 247 der 346 Textseiten mit der eigentlichen Analyse der im Zwischenstadt-Diskurs vertretenen Positionen begonnen werden kann. Hier wird nicht nur die Schwierigkeit der Übertragbarkeit einer Dissertation in eine an das breitere Fachpublikum gerichtete Buchveröffentlichung deutlich; fraglich ist auch, ob das von Vicenzotti zu Recht beklagte Theoriedefizit in planenden Disziplinen dadurch behoben werden kann, dass sich forschende Architekten und Planer einem aus anderen Disziplinen abgeleiteten Beleg- und Ableitungskorsett unterwerfen (lassen), welches oft zu viel Kraft und Luft für die Entwicklung der eigenen Position raubt.

im Fall der Arbeit von Vera Vicenzotti ist dies deswegen schade, weil das komplexe Interpretationsinstrumentarium der Arbeit tatsächlich interessante Ansätze für das Verständnis der im Zwischenstadt-Diskurs vertretenen Positionen bietet. Diese werden im Kap. 5 genauer analysiert und schließlich die mit dem Titel der Arbeit geweckten Erwartungen eingelöst. sinnvollerweise konzentriert sich Vicenzotti auf Aussagen und Entwürfe der „Qualifizierer“ und hierbei sogar noch enger auf Teilnehmer des von Thomas Sieverts geleiteten „Ladenburger Kollegs“, welches ja explizit die Qualifizierung des zwischenstädtischen Raums zum Gegenstand hatte. Klug dechiffriert die Autorin mit ihrer Methode vermeintliche weltanschauliche Hintergründe der im Diskurs geäußerten Positionen. Der Autor dieser Rezension etwa erfährt dabei, dass seine teilweise zusammen mit Wolfgang Christ im Rahmen des Ladenburger Kollegs vorgelegten Arbeiten (Bölling/Christ 2005; Bölling 2007) eine primär konservative Weltanschauung offenbarten, etwa weil die Autoren für die Dekodierung und gegebenenfalls Inszenierung übergreifender Bilder in der Zwischenstadt plädieren und dabei neben vielen anderen auch geschichtliche Bezüge als Möglichkeit für die Herausarbeitung von so etwas wie räumlicher Identität benennen. Da Bölling (2007) und Bölling/Christ (2005) diese Strategie der „Orts- und Adressbildung“ aber durchaus auch als Vorteil im freien Spiel der Standortkonkurrenz identifizieren, zeigt diese Argumentation für Vicenzotti auch liberales Gedankengut, welches idealtypisch dem Konservatismus entgegensteht. Damit wird die zentrale Erkenntnis der Arbeit Vicenzottis belegt, dass die meisten Positionen zur Zwischenstadt vielschichtige weltanschauliche Bezüge offenbaren und es für das Verständnis der jeweiligen Positionen auf die Analyse der Kombination dieser Bezüge ankommt.

Diese Erkenntnis entspricht der Vielschichtigkeit des sich eindeutigen Lesarten und Wertungen entziehenden Gegenstands Zwischenstadt. Sie ist darüber hinaus Ausdruck einer komplexen gesellschaftlichen Realität, in der in kaum einem Feld mehr ‚weltanschaulich reine‘ Positionsbestimmungen und daraus abgeleitete Handlungspfade möglich oder sinnvoll erscheinen. Umso verwunderlicher und zweifelhafter ist es, wenn die Autorin ganz zum Schluss im Fazit ihrer Arbeit aus ihrer anregenden idealtypischen Dekodierung verschiedener weltanschaulicher Hintergründe der vorgetragenen Argumentationslinien eine Bewertung von deren Relevanz herleitet. So sind für Vicenzotti Diskurspositionen wie die von Oswald/Baccini (2003), die auf einer liberalen (die freie Siedlungsentwicklung der Zwischenstadt grundsätzlich bejahenden) Grundhaltung basieren und aus anderen Weltanschauungen abgeleitete Begriffe dieser Grundhaltung entsprechend umdeuten (die Autorin erkennt bei Oswald und Baccini etwa einen ‚liberalen Heimatbegriff‘, da diese gerade in der Unbestimmtheit und Austauschbarkeit der Bilder der Zwischenstadt die Voraussetzung dafür sehen, auch in der Fremde so etwas wie Heimat vermitteln zu können), konsistent und geeignet, „sich im Diskurs durchzusetzen und als Kristallisationspunkt für die Entwicklung weiterer Argumente zu dienen“ (S. 329). Warum hier gerade die Konsistenz der Bezugnahme auf möglichst nur eine idealtypisch abgeleitete weltanschauliche Grundhaltung als Beleg für die Relevanz einer Diskursposition herangeführt wird, bleibt unbegründet. Die Realität belegt jedenfalls sicher nicht die Wirksamkeit solch vorgeblich eindeutiger Positionen. Dass etwa vermeintlich konservativ motivierte Adress- und Ortsinszenierungen heute dem vermeintlich liberalen Zweck der Schaffung von Standort- und Vermarktungsvorteilen dienen können, ist kein Widerspruch, sondern eine mit oft absurden Stilblüten in die Stadtlandschaft eingeschriebene Tatsache. Gerade diese Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit der Zwischenstadt und der auf sie gerichteten Wünsche und Interessen aufzugreifen und daraus geeignete, aber naturgemäß ebenfalls vielschichtige Qualifizierungspfade zu entwickeln, ist die zentrale Herausforderung.

Die Arbeit von Vera Vicenzotti liefert mit ihrer idealtypischen Methode gute Ansätze für ein besseres Verständnis der im leider kaum mehr hörbaren Zwischenstadt-Diskurs vertretenen Positionen. Beim Versuch einer Bewertung verfängt sich die Autorin aber in ihrer eigenen idealtypischen Arbeitsweise.

Literatur

  • Bölling, L. (2007): Das Bild der Zwischenstadt. Dekodierung und Inszenierung „räumlicher Identität“ als Potenzial zur Qualifizierung der verstädterten Landschaft. Dissertation an der Bauhaus-Universität Weimar.

  • Bölling, L.; Christ, W. (2005): Bilder einer Zwischenstadt. Ikonografie und Szenografie eines Urbanisierungsprozesses. Wuppertal.

  • Oswald, F.; Baccini, P. (2003): Netzstadt – Einführung in das Stadtentwerfen. Basel, Boston, Berlin.

Bölling, L. (2007): Das Bild der Zwischenstadt. Dekodierung und Inszenierung „räumlicher Identität“ als Potenzial zur Qualifizierung der verstädterten Landschaft. Dissertation an der Bauhaus-Universität Weimar.

Bölling, L.; Christ, W. (2005): Bilder einer Zwischenstadt. Ikonografie und Szenografie eines Urbanisierungsprozesses. Wuppertal.

Oswald, F.; Baccini, P. (2003): Netzstadt – Einführung in das Stadtentwerfen. Basel, Boston, Berlin.

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