Kreativwirtschaft und Stadt – Konzepte und Handlungsansätze zur Stadtentwicklung

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Reicher, Christa; Heider, Katharina; Schlickewei, Sven; Schröter, Sabrina; Waldmüller, Johannes; (Hrsg.) (2011): Kreativwirtschaft und Stadt – Konzepte und Handlungsansätze zur Stadtentwicklung

Dortmund: Blaue Reihe; Dortmunder Beiträge zur Raumentwicklung, 138.

Der erste Reflex mag sein, ein weiteres Buch über die Bedeutung der Kreativwirtschaft ungelesen beiseite zu legen. Das hier zu besprechende Buch „Kreativwirtschaft und Stadt“ überrascht jedoch. Der Sammelband mit theoretischen Beiträgen und Fallstudien zu den Wechselwirkungen der Kreativwirtschaft mit ihrem städtischen Kontext bietet eine Reihe neuer Einsichten; er ist gut strukturiert, interessant und alles andere als eintönig.

Gut strukturiert ist das Buch zunächst, da es im ersten Teil theoretische Grundlagen der Kreativwirtschaft und der Stadtentwicklung als getrennte Forschungsstränge behandelt,um sich anschließend deren Verbindungen zu widmen. Darauf aufbauend wird die Bedeutung der Kreativwirtschaft für die Quartiersentwicklung, als Image- und Standortfaktor sowie als Bildungs- und Integrationsfaktor ausgeführt und es werden regionalökonomische Modelle zur Erklärung von räumlichen Konzentrationsprozessen der Kreativwirtschaft herangezogen. Oftmals in anderen Arbeiten unüberlegt verwendete Schlagwörter wie „Kreative Milieus“ oder „Urban Governance“ werden hier explizit erklärt, was das Buch den Aufgaben eines Lehrbuchs gerecht werden lässt. Lobenswert ist in diesem Kontext auch, dass deutlich wird, welch weites Feld die Kreativwirtschaft umfasst: Auf der einen Seite stehen multinationale Unternehmen der Medien- und Werbebranche, die auf internationaler Ebene neue Trends, Designs und Stile etablieren. Auf der anderen Seite existiert eine Vielzahl an Selbstständigen, die in städtische Szenen eingebettet sind und kreative Ideen auf lokaler Ebene in ökonomische Prozesse einbringen.

Der zweite Teil des Bandes umfasst Fallstudien zur Förderung der Kreativwirtschaft in den Städten Dortmund, Düsseldorf, Münster und Zürich, die im Rahmen von Diplomarbeiten entstanden sind. Schröter entwirft dabei in ihrem Beitrag ein Handlungskonzept für die speziellen Anforderungen der Musikwirtschaft in Dortmund. Dabei integriert sie räumlich-städtebauliche und strategisch-strukturelle Maßnahmen wie die Verbesserung der musikkulturellen Infra- und Kommunikationsstruktur, die Talentförderung, die Unterstützung bei Genehmigungsverfahren oder gezielte Marketingkampagnen. Schlickewei kommt in seinem Aufsatz zu dem Ergebnis, dass Städte wie Düsseldorf, die unter einem hohen Nutzungsdruck stehen, „unkonventionelle Wege“ gehen müssen, um Kreative am Standort zu binden. In einem partizipativen Ansatz integrierte er Maßnahmen wie die Bereitstellung von geeignetem, preisgünstigem Wohn- und Arbeitsraum, aktive Gründungsberatung, eine verstärkte Vernetzung der Kreativszene mit Ausbildungsstätten, etablierten Unternehmen und der Immobilienwirtschaft. Waldmüller zeigt am Beispiel der Stadt Münster auf, dass die Kreativwirtschaft auch für kleinere Städte – jenseits von Berlin – eine ökonomische Relevanz hat und eine eigendynamische räumliche Konzentration auf bestimmte Stadtteile aufweist. Heider analysiert in ihrem Beitrag die spezifischen Standortanforderungen der Kreativunternehmen sowie Handlungsmaßnahmen und -möglichkeiten der Stadt Zürich. Bei der gezielten Planung von kreativen Räumen könnten ‚Grenzgänger‘ eine wichtige Rolle einnehmen, die zwischen den Kreativen und dritten Akteuren, aber auch intern vermittelnd interagieren. Aufgrund der hohen Eigendynamik der Kreativwirtschaft schreibt die Autorin der kreativitätsfördernden Planung insgesamt jedoch eine eher defensive Rolle zu und setzt detaillierte Kenntnisse der funktionalen, kreativen Strukturen voraus.

Der dritte Teil des Buchs führt schließlich Beiträge zusammen, die sich vorwiegend konzeptionell mit der Kreativwirtschaft und deren Herausforderung für die Stadtentwicklung beschäftigen. Kunzmann, Frey und Lange setzen sich in ihren Ausführungen mit der Steuerbarkeit der Kreativwirtschaft auseinander. Kunzmann thematisiert die „neue Leidenschaft“ der großen Städte und zeigt Chancen der Kreativwirtschaft auf, die über eine „kurzlebige Mode“ der Kommunalpolitik hinausgehen, sofern die beteiligten Akteure Bereitschaft zeigen, zusammen neue Wege zu gehen und glaubhafte Ziele zu verfolgen. Während Lange die grundsätzlichen Perspektiven zwischen Kreativwirtschaft und „der Dimension Governance“ darlegt, argumentiert Frey, dass eine Selbstregulierung von kreativen Milieus nicht die Abwesenheit von Planung erfordert, sondern planerische Instrumente und Methoden benötigt, die diese Eigensteuerung ermöglichen. Klaus widmet sich anschließend den Problemen von Zwischennutzungen in ehemaligen Industriegebieten. Dort leer stehende Immobilien bieten kreative Möglichkeitsräume; ihre Umwandlung in dauerhafte Nutzungen fällt jedoch häufig den Renditeerwartungen der Eigentümer zum Opfer. Auch die Beiträge von Sattler und Schuster befassen sich vor dem Hintergrund des Kulturhauptstadtjahres 2010 mit einem industriell geprägten Raum: dem Ruhrgebiet. Sattler zeigt in ihrem Artikel, dass sich die Umsetzung des Leuchtturmprojekts „Dortmunder U“ wesentlich schwieriger gestaltet als erwartet, allerdings im umliegenden Gebiet erste eigendynamische künstlerische Neugründungen sichtbar werden. Schuster bringt die Debatte auf eine andere Ebene, in dem sie den kreativen Aufwertungsprozess als Allheilmittel für grundlegende soziale und finanzielle Probleme der Städte in Frage stellt. Abschließend wenden sich Landry und Lange in ihren Artikeln generellen Akzentverschiebungen zu, mit denen Städte im Zeitalter der kreativitätsgesteuerten Wirtschaft konfrontiert werden. Landry thematisiert in „The Origins and Futures of the Creative City“ die Verschiebung von einem Ansatz, der auf „managing the known“ aufbaut, hin zu einem, in der die stadt lernen muss, mit „building the unknown“ umzugehen; das heißt, den Städten werden neue Organisations- und Lernsysteme, aber auch neue Räume und Orte des Wirtschaftens abverlangt. In der Idee einer „creative bureaucracy“ sieht er „not a plan, but a proposed way of operating that helps create better plans“ (S. 242). Lange setzt sich mit dem veränderten Verständnis von Innovationen auseinander. Ein technologieorientierter Innovationsbegriff wird dem heterogenen, kreativen Feld aus „Culturepreneurs“ und etablierten Institutionen nicht gerecht. „Content-orientierte Innovationsprozesse“ zur Herstellung von immateriellen Produkten erfordern eine Erweiterung des Begriffs um eine prozessuale und kontextspezifische Dimension. Hierfür ist ein Verständnis von Arbeits- und Organisationsprinzipien der Kreativwirtschaft notwendig, um mit gezielten Förderprogrammen verbesserte Innovationsbedingungen zu erzielen. Kreative Akteure arbeiten nicht nur eingebettet in kulturell-territorialen Milieus, sondern auch in räumlich dispersen, temporären Netzwerken und Projektzusammenhängen.

Interessant ist die große Mehrzahl der Beiträge zudem, weil sie zeigen, dass die Debatte über die Kreativwirtschaft auch zehn Jahre nach der von Richard Florida angestoßenen Diskussion um die Standortpräferenzen der „kreativen Klasse“ noch immer lebendig ist. Der Sammelband zeigt auf, dass die Akteure der Kreativwirtschaft nicht nur nach den von Florida postulierten offenen, toleranten und diversifizierten Stadträumen suchen, sondern ihre Anwesenheit gleichzeitig zur Produktion der gewünschten Standortattribute beiträgt. Die Kreativwirtschaft ist somit nicht nur für das Wirtschaftswachstum von Städten direkt bedeutend, sondern auch als Wegbereiter für neue Standortpolitiken. Wollen sich diese verstärkt der Kreativwirtschaft widmen, müssen dafür spezifische Rahmenbedingungen geschaffen werden. Je nach Gegebenheiten der Quartiere, Städte oder Regionen können diese variieren und müssen an die Eigenheiten der Kreativszene, deren Netzwerkstrukturen und Raumansprüche angepasst werden. Anstelle einer vordefinierten Handlungsschablone bedarf es einer engen Zusammenarbeit mit den kreativen Akteuren. Ansonsten besteht die Gefahr, statt einer kreativitätsfördernden Stadtentwicklungsplanung gegenteilige Prozesse auszulösen. Anhand von sich abzeichnenden „Gentrification“-Prozessen wirft der Band etwa Fragen nach der Dauerhaftigkeit der Kreativitätsressource auf. Oftmals scheint es, dass nicht alle beteiligten Akteure gleichermaßen wahrgenommen werden und langfristig zwangsläufig kulturelle, wirtschaftliche und räumliche Interessen auseinandergehen und sich gegenseitig unterlaufen.

Alles andere als eintönig ist dieses Buch schließlich, da sich der Kreativitätsdiskurs nicht nur den räumlichphysischen Problemlagen widmet, sondern auch gegenüber neuen Entwicklungen, wie etwa „Open Source“- oder „Co-Development“-Kontexten öffnet. Der Leser wünscht sich mitunter, dass diese Themen in dem Band eingehender behandelt würden. In Zukunft wird sich zeigen, ob die Debatte um die Kreativwirtschaft wirklich einen großen Sprung gemacht hat. Neue kollaborative Arbeits- und Organisationspraktiken in virtuellen Netzwerken scheinen hier wegweisend. Insbesondere die komplexen Interdependenzen zwischen physischen und virtuellen Arbeitssphären gilt es näher zu analysieren: Ein weites Feld für weitere lesenswerte Beiträge zur Bedeutung der Kreativwirtschaft.

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