Räumliche Mobilität im Wandel: Wanderungen im Lebenslauf und ihre Auswirkungen auf die Stadtentwicklung in Nordrhein-Westfalen

  • 1 ILS – Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung, Brüderweg 22–24, 44135, Dortmund, Deutschland
Frank Osterhage
  • Corresponding author
  • ILS – Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung, Brüderweg 22–24, 44135, Dortmund, Deutschland
  • Email
  • Search for other articles:
  • degruyter.comGoogle Scholar
GerberKim (2011): Räumliche Mobilität im Wandel: Wanderungen im Lebenslauf und ihre Auswirkungen auf die Stadtentwicklung in Nordrhein-WestfalenWiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. 37 Tab., 80 Abb., 326 S.

Gerber, Kim (2011): Räumliche Mobilität im Wandel: Wanderungen im Lebenslauf und ihre Auswirkungen auf die Stadtentwicklung in Nordrhein-Westfalen

Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. 37 Tab., 80 Abb., 326 S.

Wanderungsentscheidungen und Wanderungsbewegungen werden seit langer Zeit von unterschiedlichen Forschungsdisziplinen im Hinblick auf eine Vielzahl an Fragestellungen untersucht. Besonders intensiv wird hierbei seit einigen Jahren diskutiert, inwieweit eine Wiederentdeckung des Wohnens in der Stadt und damit verbunden ein Übergang in Richtung Reurbanisierung zu beobachten ist. Trotz einer Fülle an Beiträgen sind detaillierte empirische Studien für eine größere Anzahl von Städten bzw. Stadtregionen noch immer recht selten. Zudem muss festgestellt werden, dass bislang eine systematische Ursachenforschung weitgehend vernachlässigt wird und daher kaum aktuelle konzeptionelle Ansätze zum Prozess der Reurbanisierung vorliegen.

Diese Defizite werden in dem 2011 veröffentlichten Buch „Räumliche Mobilität im Wandel: Wanderungen im Lebenslauf und ihre Auswirkungen auf die Stadtentwicklung in Nordrhein-Westfalen“ von Kim Gerber aufgegriffen. Die Arbeit ist als Dissertation am Forschungsinstitut für Soziologie der Universität zu Köln entstanden und bewegt sich im Schnittbereich von Stadtsoziologie und Stadtgeographie. Die im Buch vorgestellte Untersuchung basiert auf einem zweigleisigen Ansatz, bei dem zum einen auf einer Makro-Ebene Wanderungsströme zwischen Gemeinden sowie ergänzend Zahlen zum Bevölkerungsstand aus der amtlichen Statistik und zum anderen auf einer Mikro-Ebene individuelle Wanderungen aus Lebensverlaufsstudien analysiert werden. Untersuchungsgegenstand sind nahräumliche Wanderungen in Nordrhein-Westfalen, mit dem Ziel, ihre Veränderungen hinsichtlich der vorherrschenden Richtungen sowie die zugrunde liegenden wanderungsauslösenden Ereignisse im zeitlichen Verlauf zu erfassen.

In den ersten vier Kapiteln der Arbeit werden die inhaltlichen, konzeptionellen und theoretischen Grundlagen der Untersuchung gelegt. Hierbei wird der Begriff der Nahwanderung bestimmt: Bei der Analyse der Wanderungsströme aus der amtlichen Statistik werden Wanderungen über Gemeindegrenzen innerhalb der nordrhein-westfälischen Stadtregionen als Nahwanderungen aufgefasst. Unter Hinweis auf geringe Fallzahlen werden bei der Analyse der individuellen Wanderungen aus Lebensverlaufsstudien zusätzlich Wanderungen zwischen den Stadtregionen Nordrhein-Westfalens als nahräumlich eingestuft. Das Konzept der Stadtregion und die damit verbundenen Raumkategorien liefern die räumlichen Analyseeinheiten für die Arbeit. Es werden vier zu unterschiedlichen Zeitpunkten entstandene Stadtregionenmodelle genutzt, um so den wechselnden Charakter der Städte und Gemeinden innerhalb des insgesamt von 1950 bis 2005 reichenden Untersuchungszeitraums zu berücksichtigen. Mit dem Modell der Phasen urbaner Entwicklung und der Perspektive des Lebensverlaufs werden die zwei für die Arbeit zentralen theoretischen Konzepte eingeführt. Zudem wird aufgezeigt, wie sich bei der Untersuchung von Wanderungsbewegungen mit Hilfe des Modells der Coleman’schen Badewanne Makro- und Mikro-Ebene verknüpfen lassen.

Im Mittelpunkt stehen dann die zwei empirischen Bausteine der Arbeit: In Kap. 5 erfolgt die Analyse auf der Makro-Ebene unter Verwendung der Daten aus der amtlichen Statistik. In diesem Zusammenhang ist hervorzuheben, dass ganz gezielt verschiedene Ansätze verfolgt werden, um für die betrachteten Stadtregionen Phasen der Stadtentwicklung zu identifizieren. Zunächst werden Nahwanderungssalden differenziert nach Altersgruppen und Geschlecht betrachtet, um im Anschluss zusätzlich Fernwanderungen in die Berechnungen einzubeziehen. Schließlich finden die gesamten Bevölkerungsbewegungen – einschließlich der Geburten und Sterbefälle – Berücksichtigung, wenn eine Einordnung nach dem Modell der Phasen urbaner Entwicklung nach den Versionen von van den Berg et al. (1982) und Kawashima (1987) vorgenommen wird. In die Analyse fließen acht Untersuchungsjahre im Zeitraum von 1985 bis 2005 ein, wobei vielfach die Abschnitte von 1985 bis 1994 und 1997 bis 2005 miteinander verglichen werden. Die Berechnungsergebnisse zusammenfassend stellt die Autorin fest, dass vor allem die nahräumlichen Wanderungsbewegungen für eine fortschreitende Suburbanisierung in Nordrhein-Westfalen zu Beginn des 21. Jahrhunderts sprechen, dass sich allerdings die Stärke der Suburbanisierung verringert und in einzelnen Stadtregionen Anzeichen für eine Reurbanisierung bestehen.

Die Analyse auf der Mikro-Ebene auf der Basis von Lebensverlaufsstudien folgt in Kap. 6. Mithilfe der Methode der Ereignisanalyse wird der Einfluss von beruflichen und familialen Ereignissen auf die Wanderungsbiographie von einzelnen Personen bestimmt. Als Datengrundlage dienen vier Lebensverlaufsstudien des Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung. Aus diesem Datensatz werden Wohnepisoden herausgefiltert, die im Zeitraum von 1950 bis 1999 in Nordrhein-Westfalen stattfanden. Ziel der Analyse ist es, die Wirkungen der betrachteten Ereignisse auf Nahwanderungen zu bestimmen und mögliche Zusammenhänge zur Wanderungsrichtung aufzudecken. Hierbei wird auf Veränderungen zwischen unterschiedlichen Geburtskohorten eingegangen. Außerdem werden – wie bereits im vorherigen Kapitel – Unterschiede zwischen dem Ruhrgebiet und den Stadtregionen in den übrigen Landesteilen von Nordrhein-Westfalen in den Blick genommen. Nach den ermittelten Ergebnissen ist für die beruflichen Auslöser festzuhalten, dass sich das Risiko einer Wanderung ins Kerngebiet mit der jüngsten Geburtskohorte verstärkt. Gleichzeitig sprechen die Ergebnisse dafür, dass sich das Risiko einer Wanderung ins Umland mit den jüngeren Geburtskohorten verringert, wenn familiale Auslöser betrachtet werden. Nach Einschätzung der Autorin können diese Befunde als erste Hinweise für eine beginnende Reurbanisierung gedeutet werden.

Im abschließenden siebten Kapitel der Arbeit erfolgt eine Synthese der für die Makro- und Mikro-Ebene gewonnenen Erkenntnisse. Es wird noch einmal aufgezeigt, wie über die zunehmende Kernstadt-Orientierung in den Lebensverläufen ein Nachlassen der Suburbanisierung bzw. ein Einsetzen der Reurbanisierung ursächlich erklärt werden kann. Die am Ende präsentierten praxisorientierten Anwendungsbeispiele dürften einige Leserinnen und Leser als ein wenig zu oberflächlich empfinden, auch wird hier möglicherweise zu leichtfertig eine auf die Perspektive der Kernstädte ausgerichtete Sichtweise eingenommen. Die aus den umfangreichen empirischen Ergebnissen abgeleiteten Schlussfolgerungen zu den der Untersuchung zugrunde liegenden Hypothesen reizen zudem immer wieder dazu, über eigene Interpretationen und Einschätzungen nachzudenken. Dies gilt beispielsweise im Hinblick auf den Einfluss von methodischen Veränderungen bei den verwendeten Stadtregionenmodellen auf die Untersuchungsergebnisse oder im Hinblick auf die vermutete Bedeutung von regionalpolitischen Maßnahmen für die Nahwanderungen im Ruhrgebiet.

Ungeachtet dieser Anmerkungen liefert die Arbeit zahlreiche wertvolle Impulse für die aktuelle Wanderungsforschung. Der ungewöhnlich lange Untersuchungszeitraum von mehr als einem halben Jahrhundert ermöglicht es, die aktuellen Trends richtig einzuordnen und Entwicklungslinien schon frühzeitig zu erkennen. Die Auswertungen der amtlichen Statistik führen nicht nur zu einem fundierten Überblick über die Entwicklungsmuster in Nordrhein-Westfalen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, sie sensibilisieren auch dafür, wie durch unterschiedliche Konzepte zur Messung von Suburbanisierung und Reurbanisierung die Ergebnisse beeinflusst werden. Besonders innovativ für den deutschsprachigen Raum ist die Verwendung von Längsschnittdaten aus Lebensverlaufsstudien. Die Autorin zeigt eindrucksvoll, wie mit entsprechenden Untersuchungen wesentliche Ursachen für neue stadtregionale Entwicklungsmuster herausgearbeitet werden können. Es bleibt daher zu hoffen, dass auch in Zukunft die für solche Analysen notwendigen Längsschnittstudien in diesem Forschungsfeld durchgeführt und zeitnah ausgewertet werden.

If the inline PDF is not rendering correctly, you can download the PDF file here.

OPEN ACCESS

Journal + Issues

Search