Postsuburbanisierung und die Renaissance der (Innen-)Städte. Neue Entwicklungen in der Stadtregion

  • 1 Institut für Soziologie, Technische Universität Dortmund, Baroper Straße 322, Pavillon 7, 44227, Dortmund, Deutschland
Prof. Dr. Ludger Basten
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  • Institut für Soziologie, Technische Universität Dortmund, Baroper Straße 322, Pavillon 7, 44227, Dortmund, Deutschland
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Dittrich-WesbuerAndrea; KnappWolfgang; OsterhageFrank (Hrsg.) (2010): Postsuburbanisierung und die Renaissance der (Innen-)Städte. Neue Entwicklungen in der StadtregionDetmold – Rohn. = Metropolis und Region, Band 6. 174 S.

Dittrich-Wesbuer, Andrea; Knapp, Wolfgang; Osterhage, Frank (Hrsg.) (2010): Postsuburbanisierung und die Renaissance der (Innen-)Städte. Neue Entwicklungen in der Stadtregion

Detmold – Rohn. = Metropolis und Region, Band 6. 174 S.

In der deutschsprachigen Stadtforschung wird seit einigen Jahren vermehrt die These von der Renaissance der (Innen-) Städte diskutiert. Seitdem überbieten sich kommunale Politiker, Planer und verschiedene Akademiker geradezu darin, den Abgesang auf Suburbia und die „Wiederentdeckung“ des städtischen Wohnens zu feiern und zu propagieren – in der Hoffnung auf mehr (zahlungskräftige) Stadtbewohner, mehr Urbanität und mehr Investitionen in innerstädtischen Lagen. Dieser Trend zur Reurbanisierung wird als Folge komplexer Entwicklungen gesehen, die unter anderem mit steigenden Energiekosten (für das Pendeln), dem Aufbrechen tradierter Lebensentwürfe und dem demographischen Wandel zu tun haben. So rücken immer wieder die „jungen Alten“ bzw. die „Empty Nesters“ und zunehmend auch junge Familien mit Kindern als vermeintliche Träger dieser innerstädtischen Wohn-Renaissance in den Fokus der Aufmerksamkeit. Hesse (2008: 420) spricht diesbezüglich von einer „diskursiven Wende“, dass also, verkürzt gesagt, die vorherrschenden Bewertungen der (Innen-)Städte wieder positiv werden und das städtische gegenüber dem suburbanen Wohnen in der diskursiven Wertschätzung wieder die Oberhand gewonnen hat. Diese diskursive Wende wirft allerdings eine Reihe von Fragen auf, die der vorliegende Sammelband in den Blick nimmt, insbesondere durch nähere Betrachtung der empirischen Realitäten.

Im einführenden Beitrag von Wolfgang Knapp werden zunächst die angedeuteten Entwicklungstrends im Hintergrund skizziert: die räumliche Redimensionierung des Städtischen, die Emanzipation postsuburbaner Räume, die selektive Aufwertung und Wiederentdeckung kernstädtischer Räume sowie der Wandel polyzentrischer stadtregionaler Strukturen.

Die folgenden zwei Beiträge widmen sich der empirischen Überprüfung des konstatierten Trends der Renaissance der Städte. Michaela Hirschle und Alexander Schürt betrachten dazu Fort- und Zuzugsdaten zwischen den kreisfreien Großstädten und ihren Umlandkreisen in Deutschland seit 1991. Sie weisen nach, dass trotz Abnahme der Wanderungsverluste weder die Suburbanisierung aufgehört hat, noch dass sich ein umgekehrter Trend der Zuwanderungen aus dem Umland in die Kernstädte nachweisen lässt. Insbesondere können sie auch bei den Gruppen der Familien und der Älteren in der Summe keine Zuwanderungstendenzen in die Kernstädte erkennen. Frank Osterhage fokussiert in seinem Beitrag auf die Großstädte in Nordrhein-Westfalen und zwar auf inter- und intraregionaler sowie auf intraurbaner Maßstabsebene. Er operationalisiert Reurbanisierung jedoch nicht über Wanderungsbewegungen, sondern als steigende Bevölkerungsanteile in der Kernstadt gegenüber dem Umland – also als eine relative Bevölkerungskonzentration. So erkennt er in jüngsten Jahren in der Tat einen gewissen Trend zur Konzentration auf intraregionaler Ebene und in ausgewählten Städten auch auf intraurbaner Ebene eine Verschiebung zu Gunsten der Innenstädte. Ein allgemeiner Trend lässt sich daraus für Nordrhein-Westfalen aber nicht ableiten.

Die darauf folgenden Beiträge widmen sich Fallstudien einzelner Stadtregionen. Thorsten Bürklin und Michael Peterek analysieren Veränderungen in der polyzentrischen Stadtregion von Frankfurt am Main. Sie beschreiben die Auflösung der Unterschiede zwischen Zentrum und Peripherie, woraus aber kein zentrumsloses Rhizom entstehe, sondern eine durchaus hierarchisch gegliederte „Zykloregion“, in der sich auch durch Planung bedingte Zonen unterschiedlicher Charakteristik entwickeln. Andrea Dittrich-Wesbuer, Stefanie Föbker und Frank Osterhage nehmen wieder Wanderungsbewegungen in einer vergleichenden Studie der Stadtregion Bonn und der Städteregion des Bergischen Landes in den Blick. Sie stützen sich dabei auf Befragungen von gewanderten Haushalten, über die sie Umzugsanlässe, Kriterien der Wohnstandortwahl und die schließlich realisierten Umzüge analysieren. Sie stellen die sehr unterschiedlichen strukturellen Rahmenbedingungen des Umzugsverhaltens in den beiden Stadtregionen heraus – eingedenk des diskursiven Images des innerstädtischen Wohnens – und finden darüber hinaus keine Belege für eine Reurbanisierungstendenz von älteren Menschen oder Familien mit Kindern.

Dass diese Zielgruppen, insbesondere die Älteren, aber potenziell eine Renaissance innerstädtischen Wohnens stützen könnten, arbeiten Franciska Frölich von Bodelschwingh und Gregor Jekel in ihrem Beitrag heraus, der auf einer Nachfolgeuntersuchung zur Difu-Studie von Brühl/Echter/Frölich von Bodelschwingh et al. (2005) aufbaut. Ihre Erkenntnisse fußen auf Interviews mit Experten aus Kommunen und Unternehmen, sind also eher zukunftsgerichtet als empirische Trends nachzeichnend. Sie betonen, dass Reurbanisierung keineswegs ein „Selbstläufer“ sei und dass sie auch keineswegs ein Ende der Suburbanisierung bedeute. Sie weisen aber auf die vielfältigen kommunalen Einflussmöglichkeiten hin, eine solche Aufwertung des innerstädtischen Wohnens zu unterstützen, insbesondere durch die Förderung ausdifferenzierter Wohnangebote, durch die die Innenstädte für viele „neue“ Stadtbewohner attraktiv werden könnten.

Die Hamburger HafenCity ist das Untersuchungsgebiet von Marcus Menzl, der seine Ausführungen auf Interviews und teilnehmende Beobachtungen mit den neuen Stadtbewohnern in diesem Hamburger Vorzeigeprojekt stützt. Er zeigt auf, dass und wie es dort gelingt, tatsächlich sehr unterschiedliche Gruppen neuer Innenstadtbewohner mit differenzierten Zuzugsmotiven anzulocken. Interessant ist dabei insbesondere, dass sich in der HafenCity keineswegs nur die lokal ungebundenen, die Anonymität der Innenstadt suchenden Metro-Urbaniten niederlassen, sondern dass sich Singles und Familien, jüngere und ältere Bewohner vielfältig und intensiv in sozialen Netzwerken für ihren neuen Stadtteil engagieren. In seinem zweiten Beitrag schlägt Menzl die Brücke ins baulich wie soziologisch „klassische“ Suburbia, wenn er in einer Hamburger Umlandgemeinde die Alltagsarrangements von neu Hinzugezogenen untersucht, um der Bedeutung von Kontexteffekten des Lebens in Suburbia nachzuspüren. Diese findet er in Form von Homogenitätseffekten und sehr ortsspezifischen Möglichkeitsstrukturen, die tatsächlich die Alltagsarrangements beeinflussen, wenn auch keineswegs determinieren. Menzl zeigt dadurch auf, dass sich auch suburbane Gemeinden mit einer Qualifizierung ihrer Wohn- und Dienstleistungsangebote beschäftigen müssen, wenn sie als Wohnstandorte attraktiv bleiben möchten. Dass Suburbia aber derzeit und potenziell auch in Zukunft weiterhin der Wohnstandort der Wahl für bestimmte Gruppen sein wird, und zwar insbesondere von Familien mit Kindern, wird in seinem Beitrag ebenso deutlich wie in dem abschließenden Beitrag von Andrea Dittrich-Wesbuer, die das Umzugsverhalten von Familien in den Stadtregionen Bonn und des Bergischen Landes untersucht.

Man erkennt: Die Beiträge schlagen einen weiten Bogen, um das alte Spannungsverhältnis von Stadt/Innenstadt und Suburbia aktuell zu analysieren. Sie liefern sorgsam erarbeitete empirische Befunde, die nachweisen, wie vielschichtig und oft undurchsichtig die Realitäten gegenwärtiger Stadtentwicklungen sind. Der Band stellt daher auch eine Mahnung an Stadtforscher, Planer und Politiker dar, Entwicklungen nicht zu simplifizieren oder zu pauschalisieren und nicht vorschnell aus vereinzelten Mücken bahnbrechende Elefanten zu machen. Die Hoffnung auf all die in die Innenstädte strebenden „jungen Alten“ erscheint dadurch ebenso illusionär wie der Gedanke, dass einer weiteren Suburbanisierung schlichtweg das Personal ausginge.

Der Band stellt jedoch auch dar, dass es durchaus Potenziale zu einer Ausweitung innerstädtischen Wohnens gibt, diese allerdings in starkem Maße von sehr lokalen Bedingungen abhängig sind. Hier spielen Preisniveaus und Akteurskonstellationen auf dem Wohnungsmarkt, baulichinfrastrukturelle Gegebenheiten, Flächenpotenziale, Imagefaktoren, demographische und Arbeitsmarktkonstellationen sowie Einstellungen und Maßnahmen bzw. Strategien kommunaler Gebietskörperschaften gewichtige Rollen.

Darüber hinaus sollte letztlich auch nicht aus dem Blick geraten, dass Reurbanisierung – wie auch immer verstanden oder operationalisiert – nicht per se gut oder positiv ist und dass die Schaffung bzw. Verbesserung von Lebensqualitäten im Wohnumfeld nicht einfach an bestimmte Stadträume oder Lagen in der Stadt gebunden ist. Daher erscheint die Erdung des Diskurses um Reurbanisierung, der gegenwärtig in starkem Maße durch wertende und emotional aufgeladene Begriffe von Stadt und Urbanität geprägt ist, dringend angebracht. Der vorliegende Band mit seinen sorgfältigen und sauberen wissenschaftlichen Analysen liefert dazu einen äußerst willkommenen Beitrag.

Literatur

  • Brühl, H.; Echter, C.-P.; Frölich von Bodelschwingh, F.; Jekel, G. (2005): Wohnen in der Innenstadt – eine Renaissance? Berlin. = Difu-Beiträge zur Stadtforschung, Band 41.

  • Hesse, M. (2008): Reurbanisierung? Urbane Diskurse, Deutungskompetenzen, konzeptuelle Konfusion. In: Raumforschung und Raumordnung 66, 5, 415-428.

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  • Brühl, H.; Echter, C.-P.; Frölich von Bodelschwingh, F.; Jekel, G. (2005): Wohnen in der Innenstadt – eine Renaissance? Berlin. = Difu-Beiträge zur Stadtforschung, Band 41.

  • Hesse, M. (2008): Reurbanisierung? Urbane Diskurse, Deutungskompetenzen, konzeptuelle Konfusion. In: Raumforschung und Raumordnung 66, 5, 415-428.

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